29. November 2015

MENSCH-MASCHINE

IMG_9019Heute schon wieder ein Blogeintrag mit Bahnhofsbezug – sorry, aber es muss sein! Weil es nämlich einfach zu verblüffend war, dass ich gestern gegen 18 Uhr auf dem Berliner Hauptbahnhof im Tiefgeschoss Sascha Lobo gesehen habe, der eine Frau umarmt, die gerade mit mir aus dem ICE aus Hamburg gestiegen ist.

Lobo, einer der bekanntesten deutschen BloggerInnen und medienkritischen ExpertInnen zum Thema Internet. Omnipräsent in Talkshows und dies nicht zuletzt wegen seines roten Irokesenschnitts, für den er sich nach eigener (selbstironischer) Aussage „aus Marketinggründen“ entschieden hat.

In Hamburg hatte ich am Abend zuvor eines der extrem seltenen Konzerte der deutschen Band Kraftwerk besucht, von der ich bereits seit den 80ern fasziniert bin, die ich aber noch nie live erlebt hatte. Ich liebe deren puristischen Einsatz von Wörtern und Sprache in ihrer Musik. Wörter, die Kling-Klang- Welten öffnen und sich immer ganz automatisch mit den eigenen Assoziationswelten und dem aktuellen Zeitgeist verbinden. Wörter wie Roboter, Radiowellen, Ventilation, Energie, Concentration, Condition.

Eines meiner Lieblingswörter ist Mensch-Maschine. So bezeichnet sich die Band immer wieder selbst und so heißt ihr siebtes Studio-Album von 1978, inspiriert von Fritz Langs Stummfilmklassiker Metropolis. Die Mensch-Maschine handelt von so genannten Zukunftsthemen und variiert das Motiv einer technikdominierten Welt, in der der freie Mensch zum Diener einer komplexen Maschinerie degradiert wird.

Ja, und im Grunde sind genau das auch Lobos Themen. So schreibt beispielsweise Wikipedia: „Lobos Themen befassen sich meist mit dem Internet, vermischter Realität und digitalen Technologien und behandeln deren Auswirkungen auf die gesellschaftliche Entwicklung.“

Übrigens: Zu Promotionszwecken ihres Albums ließen Kraftwerk lebensgroße Dummys von sich selbst anfertigen, die bei einigen Presseterminen zum Einsatz kamen und die auch beim gestrigen Konzert den ersten Teil der Zugabe absolvierten. Und man braucht nicht viel Fantasie, um sich Lobo ebenfalls als Mensch-Maschine vorzustellen, die durch ein Dummy repräsentiert in Talkshows sitzt. Und wer weiß: vielleicht habe ich gestern auf dem Bahnhof sogar sein Dummy Alter Ego gesehen.

Das Verrückteste aber ist (und das ist auch der Grund, warum dies schon wieder ein Bahnhofsbezugsblogeintrag geworden ist – aaahhh, welch schönes deutsches Wort! Ach, die Komposita! Herta Müller liebt sie am meisten an der deutschen Sprache, aber dazu vielleicht ein andermal – also nochmals zurück:)

Das Verrückteste aber ist, dass Lobo seit rund fünf Jahren Kolumnist einer SPIEGEL online Kolumne rund um Internet und Neue Medien ist. Und diese Kolumne heißt: Die Mensch-Maschine.

Ist das nicht unglaublich?

Eben!

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