27. September 2015

ANNA IN WONDERLAND

IMG_8149Heute Vormittag Berlin Marathon. Ich verfolge ihn im Fernsehen, bis die schnellste Deutsche durchs Ziel gelaufen ist. ANNA heißt sie. Das steht unter ihrer Startnummer. Anna? Tatsächlich: auf allen Shirts stehen die Vornamen, nicht die Nachnamen. Sehr ungewöhnlich finde ich das. War das schon immer so?

Der Grund könnte vielleicht sein, dass dieser Marathon von BMW gesponsert wird und BMW jedem einzelnen Auto seiner Carsharing-Flotte Drive Now einen individuellen Vornamen gibt. Das erhöht die Bindung. Und das funktioniert ja auch irgendwie bei den MarathonläuferInnen. Ich kann mir sicherlich wesentlich besser merken, dass eine Anna beste Deutsche war als eine Frau Hahner.

Anna erinnert mich außerdem ein bisschen an Alice, der Vorname, der mich in den letzten Wochen am meisten begleitet hat: durch meine Lektüre von Alice im Wunderland, den entsprechenden Buchclub, die Alice-Inszenierung am Deutschen Theater letzten Sonntag sowie eine Alice-Workshop-Einheit, die ich vorgestern im Rahmen einer Mediationsausbildung geleitet habe. Bei meinen Alice-Recherchen bin ich übrigens auf das so genannte Alice Projekt gestoßen. In Frankfurt a. M. zuhause realisiert es „Projekte zu Bewusstsein, Kultur und Veränderung“ und blickt „ auf den Spuren von Alice im Wunderland hinter die Fassaden der Alltagsrealitäten“. Der Schwerpunkt ist unter anderem Drogenaufklärung in Schulen.

Verbindung von Drogen zu Alice im Wunderland gibt es viele: die Raupe aus Kapitel V, die auf einem Pilz (!) sitzt und raucht; der Autor Lewis Carroll, von dem immer wieder vermutet wurde, er habe wohl nur im Drogenrausch solche Fantasien haben können. Und natürlich Alice selbst, die durch bestimmte Nahrungsmittel mal größer und mal kleiner wird – zumindest in ihrer Wahrnehmung, was auch der Grund dafür ist, dass man in der Medizin vom Alice-im-Wunderland-Syndrom spricht, bei dem Menschen sich selbst oder ihre Umgebung auf halluzinatorische Weise verändert wahrnehmen. Alles erscheint verkleinert oder vergrößert und auch das Zeitempfinden verändert sich stark.

Mich würde sehr interessieren, welches veränderte Zeitempfinden ANNA während ihres Marathons heute Vormittag hatte (eine Läuferin mit Namen ALICE habe ich leider nicht gesehen) und ob sie vielleicht – aufgrund ihrer körpereigenen Opiate ein runner’s high mit halluzinogenen Erfahrungen gemacht hat. In den anschließenden Interviews ist von sowas ja leider nie die Rede.

Am Nachmittag war ich dann mit dem Rad unterwegs und habe alle möglichen Marathon-LäuferInnen gesehen: alle behängt mit einer Medaille, wahlweise an der Imbissbude, Arm in Arm mit einer Begleitperson oder gerade in ein Taxi steigend, in welchem der Kilometerzähler wohl eine ebenso große Bedeutung hat wie auf der Laufstrecke, aber die Zeitwahrnehmung sicherlich eine ganz andere ist.

P.S.: Und dann hatte ich noch Glück: als vor mir ein Radfahrer fährt, der einen dieser BMW-Marathon-Geschenkplastikrucksäcke auf dem Rücken trägt. Ich überhole ihn, radle in schnellem Tempo bis zu einer Haltebucht weiter, steige vom Rad, winke ihm zu und bitte ihn, kurz anzuhalten.

„Sie sind doch Peter Bank, nicht wahr?“ sage ich (nein, ich kann nicht hellsehen, der Name (vollständig!) stand auf seinem Rucksack). Natürlich ist er skeptisch.

„Sie haben beim Marathon mitgemacht, darf ich Sie kurz was fragen?“ Und dann frage ich ihn (nein, nicht nach einer halluzinogenen Erfahrung), ob er weiß, warum die Vornamen und nicht die Nachnamen auf den Trikots stehen.

Er scheint nicht zu verstehen und sieht mich bloß an.

„Na, bei den Fußballern stehen ja auch nicht die Vornamen auf den Shirts,“ sage ich.

„Beim Marathon schon,“ sagt er lapidar und radelt weiter.

Schade eigentlich.

Und die Moral davon (nach der würde nämlich die Carroll’sche Herzogin suchen): Antworten führen dich manchmal aus dem Wunderland heraus.

zurück