21. Dezember 2014

EIN GROSSER STROM AUSGEFLOSSENER SCHWARZER TINTE

Was für eine Überraschung – vielen Dank an alle meine Blog-LeserInnen, die tatsächlich eine Geschichte aus den 10 Wörtern des Jahres geschrieben haben!

Die schnellste Geschichte stammt von Martina M. Luster, die unter dem Pseudonym Ornamenta di Barocco schreibt. Herzlichen Glückwunsch zum Gewinn eines Buches! Ihre Geschichte können Sie weiter unten gleich lesen, wenn Sie mögen.

Und weil alle Geschichten so wunderbar unterschiedlich sind, möchte ich außerdem noch die zweitschnellste Geschichte mit Ihnen teilen. Sie stammt von Margarete Adlon.

Mein letzter Blog-Beitrag in diesem Jahr wurde also quasi „sechshändig“ geschrieben. Und er enthält zwei ganz besondere Weihnachtsgeschichten. Viel Wörter-Entdeckungs-Freude beim Lesen!

Die schnellste Geschichte von Ornamenta di Barocco:

Sie schreitet die Lichtgrenze entlang, erkennt den Endpunkt, an dem sich das Licht diffus zerstreut, bis es sich in tief manifeste Dunkelheit auflöst. Die große digitale Uhr, die ihr zuvor aufdringlich die Zeit angezeigt hat, verliert sich darin, wird zu einer mächtigen schwarzen Null, die alle Zeit schluckt. Götzseidank – nun zählt nur noch meine ureigene Zeit, denkt sie, während sie gemächlich über die Brücke schlendert, den Blick auf das Wasser gerichtet, das im Dunkel höchstens als großer Strom ausgeflossener schwarzer Tinte zu vermuten wäre. Neben ihr tauchen die Konturen zweier Menschen auf, erst dann bemerkt, als ihre eigene mit ihnen zu verschmelzen droht; geflüsterte Sprachfetzen wehen an ihr Ohr, kelhlige Laute, viel gerolltes R… ach, wäre ich Russlandversteher, Russlandversteherin, vielleicht könnt ich sinnentnehmend hören.

 

In das R-Geroll mischt sich aus der Ferne näherkommend das Rauschen und Rattern eines Zuges, der auf den Gleisen ächzt und quietscht und wie viele seiner Art sicher bahnsinnig Verspätung haben würde in der Zeit der schwarzen Null, sein Weg zum Bahnhof noch etliche Schienenmeter. Gott sei Dank, denn: wie sollt ein solches Dunkel Zeugnis einer Willkommenskultur sein? Fast stolpert sie über eine am Brückengeländer zusammengekauerte Gestalt, womöglich aus diesem social freezing geboren, dem sie insgeheim entlehnte Bedeutung verleiht; erweitert auf das Streckennetz einrollender Züge – womöglich ein TTE auf einer Terror-Tourismus Strecke? Viele, viele Schritte noch, bis Helligkeit allmählich wieder herankriecht aus den nächtlichen Straßen dieser Stadt, deren Bewohnern sie sich ein Freistoßspray wünscht – ausgesprüht in den Köpfen, die auf den starren Hälsen einer Generation Kopf unten zu stecken scheinen; Freistoßspray wie Schlagsahne, hinein in diese Köpfe, in denen imaginäre düstere Grenzen Übertretung verbieten wollen.

Die zweitschnellste Geschichte von Margarete Adlon:

An der Lichtgrenze zur anderen Welt stand Johann. Klein, unscheinbar und so unbedeutend wie eine schwarze Null. Er glaubte nicht an Gott, weshalb er in seinem Wortschatz Gottseidank durch Götzseidank ersetzt hatte. Er war ein Russlandversteher – immer gewesen. Er liebte die Erfindung neuer Worte und hatte auf einem Trip mit der transsibierischen Eisenbahn das Wort wahnsinnig in bahnsinnig umgewidmet. So war er: Durch und durch offen für die Welt, und er pflegte eine Willkommenskultur gegenüber jedem. Deshalb verstand er auch Begriffe wie social freezing nicht. Ihm war gewöhnlich warm und er war wohlgesonnen, selbst als man ihm auf einem seiner Russlandreisen des Terror-Tourismus bezichtigt hatte. Er lachte nur darüber und selbst an der Grenze zum Licht hatte er genug Humor, um das neue Freistoßspray, das neuerdings bei Fussballspielen verwendet wurde, aus seiner Tasche zu holen. Damit schrieb er „Generation Kopf unten“ in die Luft, wohlwissend, dass es keiner lesen würde und keiner auch nur ein weiteres Wort über ihn verlieren würde.

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