20. November 2016

EINE SCHRIFTSTELLERIN ALS BUNDESPRÄSIDENTIN?

img_5586Seit einigen Tagen steht Frank-Walter Steinmeier als ein offizieller Kandidat für das Amt des Bundespräsidenten fest.

Auf der Grundlage der Tatsache, dass laut Grundgesetz Artikel 54 „jeder Deutsche“ wählbar ist, der das Wahlrecht zum Bundestage besitzt und das vierzigste Lebensjahr vollendet hat“, hat Spiegel Online bereits Anfang Juni „eine Liste mit 21 denkbaren und weniger denkbaren Kandidaten zusammengestellt“, von denen jeweils zwei per Foto nebeneinander zu sehen sind. Als LeserIn kann man dann auf diejenige Person klicken, die man im Vergleich für geeigneter hält. Anschließend wird die weg-geklickte Person durch eine neue ersetzt.

Ich erinnere mich, dass ich beschämt war, als ich im Sommer diesen Test gemacht habe und als erstes Paar Wolfgang Schäuble und Herta Müller erschien.

Ja, Herta Müller, die Literaturnobelpreis-Trägerin. Und meine erste Reaktion war: ich konnte mir Müller überhaupt nicht als Präsidentin vorstellen. Aber warum? Weil sie Schriftstellerin ist?

So frage ich mich gerade in diesen Tagen immer wieder, unter welchen Umständen ein/e SchriftstellerIn ideal für dieses Amt sein könnte.

Mittlerweile gibt es eine engagierte Initiative, die sich dafür einsetzt, dass zum ersten Mal in der deutschen Geschichte eine Frau dieses Amt bekleidet. Und dass entsprechend nicht nur reine Zähl- oder Protestkandidatinnen aufgestellt werden, wie es in der Vergangenheit primär der Fall war, wie beispielsweise 1984, als die Grünen die Autorin (!) Luise Rinser nominierten, die mit 6,5% der Stimmen gegen 80% der Stimmen für Richard von Weizsäcker erwartungsgemäß haushoch verlor.

Neben Frauen wie Hannelore Kraft oder Margarethe von Trotta wird auch hier Herta Müller vorgestellt. Estland und Irland hätten bereits Schriftsteller als Staatspräsidenten, heißt es da und Herta Müller sei unter anderem deshalb eine geeignete Kandidatin, weil sie uns das vergangene Jahrhundert und seine Bedeutung so eindrucksvoll vor Augen führe. Außerdem könne sie aufgrund ihrer eigenen Fluchterfahrung “den Deutschen am Besten erklären, was zur Flucht führt und wie wichtig die Aufnahme und die Integration der hierher geflüchteten Menschen“ sei.

Was meinen Sie: sind das gute Gründe?

Mittlerweile gefällt mir der Gedanke, dass Müller ernstzunehmende Kandidatin sein könnte. Ich bewundere ihr politisches Bewusstsein gepaart mit Ihrer besonderen Sensibilität, Empathie und visionären Unerschrockenheit, die sie manch anderen KandidatInnen meiner Ansicht nach weit voraus hat. Beispielsweise Wolfgang Schäuble.

Und so stelle ich mir hier und jetzt Herta Müller als Bundespräsidentin vor, wie sie eine Rede hält und dabei mit ihren rotgeschminkten Lippen aus einem Wasserglas trinkt. Ein Wasserglas wie das hier auf dem Foto. Es ist das Originalglas, aus welchem sie – vor einigen Monaten – im Anschluss an eine Lesung in der Berliner Urania getrunken hat, während sie Bücher signierte. Unter anderem auch eines von meinen Exemplaren.

Nun steht es hier bei mir, dieses Glas. Mit den Lippenabdrücken der zukünftigen fiktionalen Bundespräsidentin.

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