16. März 2013

ERZÄHLERISCHE GERECHTIGKEIT

Komme gerade von der Leipziger Buchmesse zurück. Zweimal war ich dieses Jahr dort, heute als Exkursions-Leiterin gemeinsam mit elf sehr interessierten GasthörerInnen der FU Berlin.

Und wieder ist das passiert, das manchmal passiert, wenn man innerhalb weniger Stunden verschiedene AutorInnen und Veranstaltungsformate aufsaugt: plötzlich scheint es eine Art roten Faden zu geben, der alles auf geheimnisvolle Weise miteinander verbindet.

Mein roter Faden heute: die vergehende Zeit und was diese mit den AutorInnen und deren Figuren und Erinnerungen macht.

Robert Schindel hat am Vormittag begonnen, für mich diesen Faden zu spinnen, als er von seinem neuen Buch Der Kalte erzählt hat. Im Zentrum steht der KZ-Überlebende Edmund Fraul: dem Lager nie entkommen, kann er Gefühle weder spüren noch äußern. Warmherzige Gegenfigur ist seine Frau Rosa und als Schindel gefragt wird, ob er diese Figur besonders liebe, sagt er:

„Ich bin ein Verfechter der erzählerischen Gerechtigkeit. Ich verteile meine Liebe gerecht auf alle Figuren, auch auf die Bestien.“

Und wie eine Art Gegenposition dazu Eckhard Henscheid am Nachmittag. Er wird von Grandits interviewt zu seinem neuen Buch „Denkwürdigkeiten – aus meinem Leben“. Fast derselbe Jahrgang wie Schindel sitzt er auf demselben Sofa wie Schindel und versucht – so scheint es mir jedenfalls – alles, um seinem ironisch-beißenden Image gerecht zu werden.

Sieht dabei kein einziges Mal in die Augen seines Gesprächspartners, hat dafür beide Arme lang und breit auf der Sofalehne ausgelegt. Er wirkt auf mich wie der Prototyp eines Mannes, der seine Traurigkeit und seine Angst hinter sarkastischem Ton verbirgt und durch die Vermeidung von Augenkontakt echte Begegnung zu verhindern weiß.

Da passt auch, dass er von Strategie spricht, die man anwenden müsse, um mit den eigenen Lebenserinnerungen die jüngere Generation zu erreichen.

Ganz anders Schindel. Auch er will die jüngere Generation erreichen. Aber seine Augen sprechen und suchen und berühren.

Auf der Rückfahrt nach Berlin gehen mir diese beiden polar entgegengesetzten Männer durch den Kopf und das Rattern des Zuges verbindet sich plötzlich mit der rhythmisch-sinnlichen slam poetry von Bas Böttcher, der heute Mittag seine ebenso klugen wie witzigen Wortkaskaden über uns ausgeschüttet hat.

Er gehört dieser jüngeren Generation an, der die beiden Männer etwas mitteilen wollen. Er sitzt auf keinem Sofa, er steht. Und es kommt mir so vor, als habe er das Thema des roten Fadens geliefert, als er folgende Zeilen aus seinem neuen Gedichtband „Vorübergehende Schönheit“ in die Luft spricht:

die anhaltende Zeit

sie passiert dir

sie passiert dich

Und das betrifft Erinnerungen, Figuren und AutorInnen wohl gleichermaßen.

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