25. Januar 2013

HAT DER KÖRPER ETWAS IN ROMANEN ZU SUCHEN?

Hat der Körper etwas in Romanen zu suchen?

Und damit meine ich nicht etwa romantisch-erotische Beschreibungen, die den AutorInnen in guter Tradition auf die Seiten fließen, sondern alltägliche Verrichtungen und schambesetzte Bereiche, die erst die Moderne Literatur zwischen Buchdeckeln geboren hat.

Aber kann so etwas überhaupt gute Literatur sein? Fragte gestern recht empört eine Seminarteilnehmerin. Sie wolle nicht lesen, wie jemand über seinen Stuhlgang reflektiere. Sie fände das ekelerregend und unästhetisch.

Eine sehr interessante Frage, aber im Grunde grotesk: dass etwas, das alle Menschen (und somit auch alle LeserInnen!) verbindet, nämlich der tägliche Stuhlgang, für die Kunst tabu sein soll.

Je weiter weg vom so genannten banalen Alltagsleben, umso größer der Garant, dass es Kunst sein darf? Weil es damit möglichst nah am Guten und Schönen ist? Aber was ist mit dem Wahren?

Als ich gestern im Anschluss an das Seminar nach Hause gekommen bin und die aktuelle ZEIT aus dem Briefkasten gefischt habe, blinkte mir aus dem Feuilleton ein Artikel über Elfriede Jelineks neues Stück Schatten (Eurydike sagt) ins Auge und tatsächlich ist Jelinek ein sehr gutes Beispiel für unser Thema, das auf der Bühne ja wesentlich experimenteller und oftmals auch schockierender verhandelt wird.

„Die schwermütige Verachtung für alles Menschenflüssige macht vor dem eigenen Leib nicht halt.“ schreibt Peter Kümmel aus Jelineks Haltung heraus und fragt, welche Rechte, welche Freiheit der Körper auf den Bühnen habe. Ich ergänze: und in Romanen.

Eurydike, die in diesem Stück ihren intensiven Zorn über die erotischen Verhältnisse zum Ausdruck bringt, sagt: „Ich schreibe, wen interessiert’s. Wissen Sie, das geht so: Aus meinem Rohr tritt Flüssigkeit aus, es fließt auf ein weißes Blatt Papier, ich rinne aus.“

Die Unerbittlichkeit der Autorin erfasse stets auch die eigene Existenz, schreibt Kümmel. Auch Literatur sei Selbstentblößung.

Hier liegt vielleicht ein zentraler Punkt: Denn letztlich ist es ja nicht nur die ’Selbstentblößung’ der AutorInnen, sondern auch wir LeserInnen sind konfrontiert mit unserer Nacktheit – auf vielfältige Weise. Plötzlich empfinden wir uns nackt, bloß, verletzlich… und wahr? Das ist manchmal schwer zu ertragen.

Was meinen Sie? Gibt es Ihrer Ansicht nach körperliche Aspekte, die für Romane Tabu sein sollten?

Ich bin auf Ihre Meinung gespannt und schicke… ja… körperbetonte Grüße

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