16. Oktober 2011

IST JOANNE K. ROWLING GENIAL?

Die aktuelle ZEIT hat – anlässlich des Todes von Steve Jobs – über Genies geschrieben und herausgefunden, dass angeblich sieben Zutaten nötig sind, „um Weltverbesserer zu werden“. Schon hier runzle ich die Stirn: warum werden Genies automatisch mit Weltverbesserung in Verbindung gebracht?

Ärgerlich und typisch zugleich, dass sich unter den zehn ausgewählten Genies „die unser Leben verändert haben“ nur zwei Frauen befinden. Noch ärgerlicher und typischer, dass diese zwei Frauen aus den Bereichen Mode und Literatur stammen. Ja, das sind die Bereiche, in denen sich weibliches Genie zeigen darf, so scheint die Botschaft zu lauten. Für mich außerdem befremdlich, dass im Bereich Mode Miuccia Prada ausgewählt wurde („genial verschränkte die Mäzenin in ihren Kollektionen Luxus mit Kunst: aha!) anstatt beispielsweise Vivienne Westwood, die seit Jahrzehnten auf geniale Weise provoziert und inspiriert.

Aber STOPP: dies ist ein literarischer blog…

Also raten Sie mal, welche Autorin aus dem Pool aller Autorinnen dieser Welt als geniale Repräsentantin ausgewählt wurde?

Joanne K. Rowling!

Unbestritten hatte sie enormen Einfluss auf Fantasie und Leseverhalten von Millionen LeserInnen. Aber was ist das Geniale daran? In der Begründung heißt es „Das Geniale der Potter-Welt liegt darin, dass in der Fantasie ein Kind und seine Freunde die menschenverachtende Realität überwinden können.“ Ich frage Sie: auf welches gut geschriebene Buch, das eine Gegenwelt zur realen entwirft, trifft dies nicht zu? Und wieso soll Rowling genial sein, nur weil ihr Buch wirkungsvoll geschrieben und zur richtigen Zeit auf den Markt gekommen ist?

Die (in)direkten Erklärungen dafür sind meinem empfinden nach erschreckend frauenfeindlich, dass ich das eigentlich kaum glauben mag. Da heißt es beispielsweise: „Eine blonde Frau hat in den neunziger Jahren der übermächtigen Wirklichkeit eine ruhige Ecke im Café abgetrotzt, zum Schreiben, für Flugstunden in die Kunst.“

Alles klar: blond, Rückzug aus der schrecklichen Wirklichkeit, eine kleine bescheidene Ecke in einem Café, erste Flugstunden in die Kunst…

Und dann wird wieder dasselbe Bild wie schon seit eh und je bemüht: das vom „geschichtenerzählenden rundlichen Mädchen aus der Provinz“, das „nicht auffälliger gewesen war als Heerscharen anderer Mädchen“. Das kleine hässliche Entlein also. Und wie wird es zum schönen weißen Schwan? Natürlich durch ein erlittenes weibliches Schicksal, das die während einer Zugfahrt entstandene Potter-Idee dann in ein Buch verwandeln lassen kann: „Ihre Mutter starb im selben Jahr, bald kam Rowlings erste Tochter zur Welt: Mehr Zutaten für die Komposition dieses Genies sind nicht bekannt. (…) Aber aus der Trauer und der Erschöpfung, dem Wunsch nach Freiheit und der Liebe zum Kind müssen Staunen und Zauber erwachsen sein.“

Wäre es denkbar, dass über einen männlichen Schriftsteller Entsprechendes als Grund für sein Genie-Sein geschrieben wird?

Natürlich hat Rowling ihren Teil dazu beigetragen, um dieses Bild der armen jungen Mutter zu manifestieren, die in ihrer eigenen Wohnung fror und deshalb im Café schrieb. Und dazu passt – nebenbei bemerkt – auf märchenhafte Weise, dass sie im realen Leben einen Schönheitschirurgen heiratete und weiter erblondete.

Nicht, dass Sie mich falsch verstehen. Ich sehe es als eine große Leistung an, eine Potter-Welt jahrelang diszipliniert zu entwerfen und sich klug zu vermarkten. Ich freue mich außerdem mit all den Menschen, die mit ihren Büchern glückliche (Vor-)Lesestunden in dieser Welt verbracht haben. Aber das hat meines Erachtens nichts mit Genialität zu tun.

Mich interessiert brennend, wie Sie das sehen! Lassen Sie es mich wissen?

Und: welche Autorin würden Sie selbst als genial auswählen, wenn Sie denn müssten? Ich bin auf Ihre Kriterien gespannt…

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