20. Januar 2012

JEDES KLEID ERZÄHLT EINE GESCHICHTE

Anlässlich der Berliner Fashion-Week, die vor drei Tagen begonnen hat, stolpere ich (gern!) über Porträts von und Interviews mit ModedesignerInnen. Angeregt hat mich unter anderem ein Gespräch mit der Münchner Designerin Gabrielle Greiss, die nach einer fulminanten Karriere mit erst 38 Jahren letzten Herbst ihr eigenes Label gegründet hat. Nur 20 Kleider, „aber jedes erzählt eine kleine Geschichte“ sagt sie.

Kleider, die eine kleine Geschichte erzählen. Ja, man ahnt, was gemeint sein könnte, aber was genau meint Greiss damit? „Ein Kleid soll so sein, wie wenn man nachts im Nachthemd in den Garten läuft und sich wunderschön findet.“

Kein Wunder, dass ihre Mode als „eigensinnig, sperrig und poetisch“ bezeichnet wird. Mit den Licht- und Schattenseiten der Poesie hat Greiss Erfahrung. Zuletzt als Modechefin des Hauses Sonia Rykiel, deren ausschließlich in Schwarz gekleidete Gründerin „poetisch zurückgezogen in ihrem dunklen Appartement lebt.“

Mich interessieren die Ähnlichkeiten zwischen poetischer Mode und poetischer Literatur.

Wenn Sie den Begriff Poetische Mode recherchieren, finden Sie beispielsweise folgende Beschreibung von Stylefruits: „Diese Saison zieht romantisches Flair in unsere Kleiderschränke ein. Mädchenhafte Mode mit zarten Blümchenprints und Details aus der Lingerie wie Spitze und Rüschen schmücken unsere Kleider. Dieser poetische Stil lässt uns schon ein wenig vom Frühling träumen, von grünen Wiesen, einem strahlend blauen Himmel, irgendwo weit weg vom Grau des Winters. (…) Bei den Materialien des Poesie-Chics sind fließende Stoffe und feine Materialien wie Seide oder Chiffon angesagt.“

Diese sehr blumige Beschreibung wirkt doch recht ktischig – wie aus einem klischeehaften Poesie-Album. Nein, SO soll gute poetische Literatur auf keinen Fall sein.

Dann finde ich einen Beitrag über Rebekka Ruétz, die auf der letztjährigen Fashionweek „auf poetische Kreationen“ setzte. Hier heißt es: „Ihre Modeaussage ist durchweg poetisch. Fließende Entwürfe in warmen Tönen bestimmen das Bild ihrer Kollektion. Sanfte Farben wie Beige, Cognac und Taupe wirken harmonisch im Zusammenspiel und werden durch sonniges Gelb aufgelockert. Gepaart mit Leder bringen die feinen Materialien wie Seide und Spitze eine elfenhafte und zugleich softe Silhouette zum Vorschein. Asymmetrische Säume, Volants und Paspelierungen machen die verspielte Silhouette sämtlicher Outfits aus, die trotzdem nicht opulent, sondern sich in angenehmer Zurückhaltung üben und uns in eine weit entfernte, märchenhaft anmutende Welt entführen.“

Ja, das passt doch schon recht gut: Begriffe wie „fließend“, „harmonisch im Zusammenspiel“, „nicht opulent“ oder „angenehme Zurückhaltung.“ Wichtig auch die Paarung mit asymmetrischen Aspekten sowie mit Materialien anderer Ästhetik wie Leder.

Nimmt man dann noch das „eigensinnig und sperrig“ von oben dazu, dann haben wir passende Qualitätskriterien für eine anspruchsvolle Form poetischer Literatur, wie ich finde.

Was meinen Sie?

P.S.: Und was halten Sie vom Ausdruck „Literarisches Leder“?

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