14. Oktober 2012

ONE OF THE COOLEST LIBRARIES IN THE WORLD

In dieser und der kommenden Woche leite ich Workshops für ehrenamtliche VorleserInnen in der neuen Stadtbibliothek Stuttgart, die vor rund einem Jahr eröffnet wurde. Ein architektonisch beeindruckender Bau des Südkoreaners Eun Young Yi. Im Inneren des „Würfels“ mit 44 Metern Seitenlänge und einer Glasfassade, die nachts blau leuchtet, sind rund 500.000 Medieneinheiten auf insgesamt acht Ebenen untergebracht. Außerdem gibt es eine „Bibliothek für Schlaflose“ (schöner Begriff, nicht wahr?) ein Skriptorium, Klangstudio, Graphothek und nicht zuletzt eine Vielzahl an raffinierten Treppen, die wie ein Bild von Escher wirken. Futuristisch eben.

Auffallend ist auch das Farbkonzept des Architekten: KEINE Farbe! Für ihn war entscheidend, dass die gesamte Architektur und somit auch die Inneneinrichtung „zurücktritt“ und so „unsichtbar wie möglich“ ist. Alles ist in Weiß gehalten, lediglich die Farbe Blau darf an ausgewählten Stellen präsent sein. Die Bücher sollen wirken, nicht die Architektur, so sein Credo.

Für die Kinderbibliothek, die die gesamte zweite Ebene einnimmt, war dies eine Herausforderung, denn in unserer Tradition sind Räume, die für Kinder einladend sein sollen, mehr oder weniger bunt, in jedem Fall spielen Farben eine wesentliche Rolle. Das spricht Kinder mehr an und fördert außerdem ihre Fantasie wesentlich mehr als Weiß – so denken wir normalerweise.

Aber stimmt das denn? Regen Farbe und Fülle die Fantasie grundsätzlich mehr an als Weiß und Leere? Und lässt sich das überhaupt beantworten oder spielen dabei nicht viele Faktoren eine Rolle, wie beispielsweise Persönlichkeitsstruktur, Umstände, Lebensphase etc.?

Vermutlich läuft es letztlich schlicht auf eine angemessene Kombination aus beidem hinaus. Oder ist diese Haltung lediglich ein kraft- und saftloser Kompromiss?

Die Kinderbibliothek hat eine – wie ich finde – wunderbare Lösung gefunden: eine Art „Raum im Raum“-System. Auf der gesamten in Weiß gehaltenen Ebene sind viele kleine Räume entstanden, mit Seitenwänden, ohne Decke und mit bequemen Sitz- und Kuschelmöglichkeiten zum Lesen, Malen etc. Diese behaglichen Inseln sind thematisch orientiert und der Boden sowie teilweise auch die Wände sind mit unterschiedlich farbigen Teppichen ausgestattet. Jeder dieser Räume hat zwei Durchgänge, sodass Kinder (und Erwachsene!) sich wie in einer Schlangenlinie von Farbraum zu Farbraum durch die Weißheit bewegen können.

Wenn Sie das nächste Mal in Stuttgart sind, besuchen Sie doch unbedingt mal diese faszinierende Stadtbibliothek (vom Hauptbahnhof zu Fuß in 10 Minuten zu erreichen) und setzen Sie sich beispielsweise in die Räuber Hotzenplotz-Insel.

Oder kennen Sie die Bibliothek bereits? Dann interessiert mich sehr, wie Ihr Eindruck ist: bietet Ihnen diese frei-räumige Architektur auch das positive Gefühl, unendlich viel Raum zum freien Atmen und für neue Ideen zu haben? Oder assoziieren Sie im Gegenteil Kargheit und Nüchternheit damit und finden, dass alles „zu cool“ daher kommt?

Ja, diese Bibliothek ist cool! Jedenfalls wurde sie von CNNgo.com auf Platz 6 der coolsten Bibliotheken der Welt gewählt. Auf deren site heißt es beispielsweise unter dem Foto vom Galeriesaal der Bibliothek (ja: Escher!): „No, this is not a computer graphic image. It’s actually one of the coolest libraries in the world. How cool can libraries be in an era of iPads and Kindles? More than you think. Only if you know where to go.“

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