04. November 2018

VORLEISTUNGEN

Vorgestern Abend gegen 22:00 im ICE von Mannheim nach Berlin: Zwischenstopp in Frankfurt am Main Hauptbahnhof. Der Zug fährt nicht los. Dann eine Durchsage: „Sehr verehrte Damen und Herren, die Weiterfahrt unseres Zuges wird sich um voraussichtlich 15 Minuten verzögern. Grund dafür: Wir warten noch auf unseren Zugführer, der aus einer anderen Vorleistung kommt.“

Bei „Vorleistung“ denke ich sofort an seriös arbeitende Literaturagenturen und Verlage, die in Vorleistung gehen und also „vorlegen“ (daher der Name Verlag!), wenn sie AutorInnen unter Vertrag nehmen und Zeit und Geld investieren, ohne letztlich zu wissen, ob aus einem vielversprechenden Manuskript tatsächlich ein wirtschaftlich erfolgreiches Buch werden wird.

Aber woher genau kommt der Zugführer, wenn er aus einer anderen Vorleistung kommt? Ungewöhnlich formuliert. Habe ich in diesem Zusammenhang noch nie gehört. Ein bisschen hört es sich an, als ob von einer  anderen Dimension die Rede wäre und man bekommt direkt Mitgefühl mit diesem gebeutelten Zugführer.

Die Zeit, bis der Zug weiterfährt, nutze ich, um den Begriff „Vorleistung“ zu googeln. „Vorleistungen sind in der Wirtschaftswissenschaft die im Produktionsprozess verbrauchten, verarbeiteten oder umgewandelten Güter und Dienstleistungen. Siehe auch zirkulierendes Kapital und konstantes Kapitel.“

Ja genau. Ich will, dass der Zugführer kommt, damit der Zug wieder zirkulieren kann und nicht konstant im Bahnhof stehen bleibt.

Bis das schließlich passiert, hat es zwar wesentlich länger als 15 Minuten gedauert, aber die habe ich gern investiert, denn ich habe in der Zwischenzeit folgende Idee entwickelt:

Wenn ich in Zukunft aus irgendwelchen Gründen zu spät dran bin – sei es, weil ich aufgehalten wurde, ein Termin länger gedauert hat oder eine S-Bahn nicht gekommen ist – dann werde ich die Formulierung „Ich komme gerade aus einer anderen Vorleistung“ wie einen sprachlichen Testballon loslassen und auf die Reaktionen warten.

Und wer weiß – vielleicht trage ich auf diese Weise sogar dazu bei, dass in einigen Jahren dieser Ausdruck als Synonym für „zu spät kommen“ gesellschaftlich anerkannt ist.

Machen Sie mit? Einfach so, zum Vergnügen! Und mailen Sie mir die Reaktionen, ja?

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