23. Oktober 2015

WAS WAHRLICH UNWAHRSCHEINLICHES

IMG_8433Als ich letzten Sonntag meinen Koffer für die Akademie Burg Fürsteneck packe, um dort eine Bildungswoche zum Thema Kreativität und Achtsamkeit zu leiten, suche ich nach einem Bettlektüre-Buch.

Ich kann nicht sagen, dass meine Bibliothek klein ist oder ich bereits alle Bücher gelesen habe, und doch: ich habe kein passendes Buch gefunden (es ist wohl so ähnlich wie mit den großen Kleiderschränken, in denen dann doch nicht das Passende zu finden ist.) Also blieb mir nichts anderes übrig, als noch schnell vor Abfahrt im Bahnhof ein Buch zu kaufen (jawohl, man findet immer einen Grund, um ein neues Buch zu kaufen!) Unter allen Büchern hat mich nur ein einziges angezogen: Haruki Murakamis Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki.

Dann passiert etwas wahrlich Unwahrscheinliches: Am Montag erzählt eine Seminarteilnehmerin, dass sie sich für diese Woche ein Buch mitgenommen habe. Klar, dass ich sie frage welches. „Murakami,“ sagt sie. „Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Takazi oder so.“ (Man kann sich den Titel wirklich schlecht merken!)

Ist das nicht unglaublich? Unter tausenden von Möglichkeiten haben wir das gleiche Buch mitgenommen.

*

P.S. Heute beim gemeinsamen Frühstück sagt diese Teilnehmerin zu mir, dass sie das Buch zu Ende gelesen habe und dass dieses Ende etwas enttäuschend sei. (Es geht nämlich um ein Geheimnis und man rätselt die ganze Zeit, was dahinter stecken könnte und – wie ich jetzt weiß – am Ende bleibt es offen.)

Wir unterhalten uns kurz über die Erwartungshaltungen, die wir LeserInnen an das Ende von Büchern haben: unser Gefühl wünscht sich oft ein Happy End. Auch wenn unser Verstand versteht, warum ein offenes Ende literarisch oftmals die bessere Option ist. (Geht es Ihnen ebenso?)

Im Zug habe ich dann weitergelesen und beim Blättern auf der Suche nach der Seite, bis zu der ich gekommen war, lese ich etwas, das die Figur Midorigawa auf S. 77 sagt: „Ich akzeptiere die Dinge an sich, ohne nachzufragen. Das ist mein Grundsatz.“

Dieser (Grund)Satz klingt noch in mir nach… sowohl in Bezug auf offene Enden in Büchern als auch in Bezug auf das Thema Achtsamkeit.

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