15. Februar 2015

WO FRAU GEMEINT IST SOLLTE AUCH FRAU GENANNT SEIN

Gestern ging die Berlinale zu Ende. Dieses Jahr konnte ich leider keinen einzigen Film sehen, stattdessen ist mir umso häufiger die Aktion ProQuote aufgefallen. Zum ersten Mal in einer U-Bahn. Auf einem Nachrichtenbildschirm las ich eine Kurznachricht mit der Überschrift „Berlinale entdeckt ihre weibliche Seite.“, denn dieses Jahr stamme ein Viertel der Beiträge von Frauen. Dazu der Kommentar “Die Berlinale wird weiblich“.

Wie beschämend und bezeichnend: es genügt offensichtlich ein Viertel weiblicher  Beiträge, um bereits von einer weiblichen Berlinale zu sprechen.

Die Aktion ProQuote, deren Ziel die Gleichstellung von Frauen und Männern in Medienberufen ist und der sich auch Berlinale-Leiter Dieter Kosslick angeschlossen hat, hat nicht nur mediales Aufsehen, sondern naturgemäß auch viel Häme erregt. Ein typisches Argument gegen die Quote ist ja die Überzeugung, nicht das Geschlecht solle entscheidend sein, sondern die Qualität.

Dieses Argument macht mich jedes Mal wütend. Denn natürlich handelt es sich um ein sehr kurzsichtiges Scheinargument. Es scheint auf den ersten Blick sinnvoll und klug zu sein. Aber bereits auf den zweiten Blick lässt es sich entlarven:

Qualität soll also entscheiden. Gut.

Qualität wird aufgrund bewusster und unbewusster Kriterien definiert. Diese Kriterien entwickeln sich anhand der vielen Beispiele – in diesem Fall Filme -, die wir über all die Jahre sehen. Und dies betrifft selbstverständlich nicht nur weibliche Filmweisen, sondern ebenso weibliche Schreibweisen.

Wenn diese Beispiele prozentual männlich dominiert sind (beispielsweise was Ästhetik oder die Art der Kommunikation betrifft) entwickelt sich entsprechend ein männlicher Qualitätskanon. Weibliche Qualitäten hingegen werden als ungewohnt und fremd wahrgenommen.

Doch nicht nur das: diese ungewohnten Qualitäten werden sogar (ebenfalls bewusst und unbewusst) bekämpft. Denn ein Kanon ist ein System und jedes System ist primär darauf ausgerichtet, sich selbst am Leben zu halten.

Erst wenn männliche wie weibliche Qualitätskriterien gleichberechtigt in unseren Qualitätskanon eingeflossen sein und entsprechend Einfluss haben werden – erst dann kann zurecht gelten, dass die Qualität entscheiden soll und nicht das Geschlecht.

Es wird noch sehr lange dauern, bis dieses Ziel erreicht ist. Wenn es überhaupt jemals erreicht werden wird. Dennoch sollten wir dieses Ziel mit allen Mitteln verfolgen.

Und ich bin davon überzeugt, dass die Quote eines dieser Mittel ist. Denn die Quote garantiert, dass Ungewohntes gewohnter und selbstverständlicher wird, entsprechend einfließen kann in unser individuelles Qualitätsbewusstsein und somit in den allgemeinen Qualitätskanon. Die Quote ist deshalb meines Erachtens keine Sackgasse, sondern im Gegenteil: eine Türöffnerin.

Ich weiß… ein langer Blogeintrag. Aber dieses Thema liegt mir sehr am Herzen.

Deshalb noch etwas: Im Tagesspiegel stand in einem Artikel zur Aktion ProQuote folgender Satz: „Momentan besagt die Statistik, dass 42 Prozent der Filmhochschulabgänger weiblich sind, aber nicht einmal 15 Prozent aller deutschen Kino- und Fernsehfilme von Frauen gemacht werden. Ein Skandal – wenn auch kein neuer.“

Fällt Ihnen etwas auf? Ein Satz beschreibt einen Skandal in Bezug auf die Unsichtbarkeit und das Verschwinden von Frauen. Und praktiziert im gleichen Atemzug genau dasselbe auf sprachlicher Ebene: es spricht nur von Filmabgängern, Männern also. Und schwupp: schon ist es passiert: die Frauen sind unsichtbar.

Wie wäre denn umgekehrt folgender Satz: 58 Prozent der Filmhochschulabgängerinnen sind männlich.

Dieser Satz ist so seltsam, dass man ihn zweimal lesen muss, um ihn zu verstehen. Sprachliche Frauen-Ausschluss-Formulierungen hingegen sind sprachlicher Alltag.

Betrachten Sie diesen Blogbeitrag als kleine Aktion ProQuote auf Sprachebene. Ich fordere natürlich eine 100% Quote. Denn: wo Frau gemeint ist, sollte auch Frau genannt sein.

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