DER PRIMING EFFEKT
Seit zwei Tagen bin ich zurück von einer längeren Arbeitsreise, dessen Höhepunkt ganz klar war mein einwöchiger Crazy Ink Schreibworkshop an der Heidelberger Sommerakademie war. Als ich am letzten Workshoptag morgens noch Zeit hatte, bin ich spontan in ein Hotel eingebogen, um dort im Frühstücksraum noch schnell einen Espresso zu trinken.

Ich stellte mich also in die Warteschlange vor dem Kaffeevollautomaten Monster an und drückte schließlich, als ich an der Reihe war, auf dem Digitalfeld das Symbol mit der Espresso-Tasse. Doch statt Espresso ploppte folgende Formulierung auf: „Satzbehälter voll. Bitte leeren.“ Ja, dachte ich im darauffolgenden Bruchteil einer Sekunde, das stimmt. Es ist Freitag und mein Satzbehälter, auch Gehirn genannt ist voll mit all den gesprochenen und geschriebenen Sätzen meiner Teilnehmerinnen. Kein Wunder.
Nein, das war kein Wunder, sondern lediglich ein typisches Beispiel für den sogenannten Priming-Effekt, der Tatsache nämlich, dass unser Gehirn eine Information (zum Beispiel ein Bild, ein Geräusch, ein Wort) ganz automatisch in einen bekannten Kontext setzt, weil dies am sinnvollsten scheint und weil die Information auf diese Weise leichter verarbeitet und interpretiert werden kann. Mein bekannter Kontext in dieser Woche waren kreative Texte und Formulierungen und in dieser Logik hatte mich der Vollautomat ganz eindeutig mit dem Schnipsel eines Found Poems beschenkt.
Jetzt bin ich wieder Berlin und folge der wohltuenden Gebrauchsanweisung des Thermoplan-Kaffeevollautomaten für eine solche Situation, nämlich „bei eingeschalteter Maschine den Satzbehälter entnehmen, entleeren und gründlich reinigen.“
P.S.: Passenderweise hatte just gestern Jemand Geburtstag, der Mokka geliebt hat und angeblich für jede Tasse exakt 50 Kaffeebohnen abgezählt hat und dessen häufig zitierte Überzeugung „Man sieht nur, was man kennt.“ (im Original: „Man erblicket nur, was man schon weiß und versteht.“) im Grunde nichts anderes ist als der Priming-Effekt: Goethe. Ein Dank also an seine Mutter Catharina Elisabeth!