Einmal wöchentlich schneidere ich an meinem blog.
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10. Dezember 2017

VIERTELGEVIERTSTRICHE

Lieben Sie Viertelgeviertstriche? Ah, Sie überlegen, was das genau ist? Viertelgeviertstriche werden auch Bindestriche genannt, wenn sie verschiedene Teile eines Wortes zusammenbinden, wie beispielsweise H-Milch. Und sie werden Trennungsstriche genannt, wenn sie ein Wort trennen, beispielsweise, weil ein Teil des Wortes in der nächsten Zeile steht. Viertel-Geviert-Striche können ein Wort auch rein visuell lesbarer machen.

O.k., ich frage also nochmal: Lieben Sie Viertelgeviertstriche? Vielleicht haben Sie darüber noch nicht nachgedacht oder aber Sie sagen: kommt auf den Kontext an.

Den Kontext sage ich Ihnen gern: Bei Titeln auf Buchcovern.

Ich beobachte seit Jahren mit Interesse, wie die Wörter eines Buchtitels auf den jeweiligen Covern gedruckt sind. Ein häufiges Phänomen: Sie werden getrennt geschrieben, aber ohne Trennungsstrich. Also offiziell grammatikalisch unkorrekt.

Vorgestern im ICE von Berlin nach Frankfurt bin ich gleich auf zwei solche Beispiele gestoßen, weiterlesen


03. Dezember 2017

SOFFLEUSE ODER SOUFFLÉ?

Vor drei Tagen beim Zahnarzt: es ist eine lange Sitzung und im Laufe der Zeit bin ich in ein lebhaftes Gespräch mit der Assistentin verwickelt, das wir immer dann fortführen, wenn der Zahnarzt für eine gewisse Zeit den Raum verlässt (vermutlich, um zwischendrin jemand anderen zu behandeln, man kennt das ja…)

Bei der dritten Unterbrechung fragt mich die Assistentin plötzlich:

„Arbeiten Sie?“

Diese Frage wurde mir noch kein einziges Mal gestellt (jedenfalls erinnere ich mich nicht). Ich bin verblüfft, kann die Frage auch gar nicht sofort einordnen und starre ein paar Sekunden auf den Mundschutz, der vor meiner Nase schwebt. Dann verstehe ich: sie denkt, dass ich vielleicht eine Frau bin, die gar nicht berufstätig ist.

Nicht berufstätig? Noch nie ist mir dieser Gedanke gekommen, ein Leben ohne Berufstätigkeit zu führen (und das wiederum verblüfft mich ebenfalls). weiterlesen


24. November 2017

HERZFREQUENZSCHREIBEN

 

Heute in einem Fitness-Center in der Nähe von Heidelberg: „Erlebe Herzfrequenz“ steht da auf einem großen Werbeplakat. Und: „Bewegung in der richtigen Belastungsintensität ist die Voraussetzung für das Erreichen deiner Ziele.“

Das gefällt mir, denn auch beim Schreiben geht es um das Erleben von Herzfrequenz.

Herzfrequenz ist der Quotient aus Herzzeitvolumen und Schlagvolumen. Als Herzzeitvolumen könnte man entsprechend die Gefühlsvielfalt und Gefühlstiefe bezeichnen, die in einer Geschichte steckt. Und das Schlagvolumen könnte sich dann auf den Takt und die Schlagzahl beziehen, in der all diese Gefühle und Emotionen bewusst in die Geschichte eingebaut worden sind.

Und auch der Satz mit der richtigen Belastungsintensität lässt sich sehr gut aufs Schreiben übertragen, denn auch beim Schreibtraining ist die richtige Belastungsintensität Voraussetzung für das Erreichen der eigenen Ziele. Diese passende Balance zwischen Überforderung und Unterforderung herauszufinden ist nicht immer leicht.


18. November 2017

COFFEE HOUSE SHOP TABLE WRITING

Seit Mittwoch läuft mein aktueller Online Workshop GOLDEN WORDS: in einer kleinen Gruppe vier Wochen lang verschiedene Schreibexperimente, gegenseitige Inspiration und tägliches Feedback. Dieses Mal zum Thema Best of creative writing.

Eines der ersten Experimente nutzt die wunderbare Tradition des Kaffeehausliteratur, sprich: schreiben in Cafés, so wie es vor allem in den 30er Jahren des letzten Jahrhunderts praktiziert wurde.

Natürlich gibt’s nach wie vor diese gemütlichen halb privat wirkenden Kaffeehäuser, in denen man das Beobachten und Skizzieren genießen kann. Aber es gibt auch inspirierende WLAN-Cafés, unterhaltsame Franchise Coffee Shops, Segafredo Stehcafés in Bahnhöfen… und nicht zuletzt die trendigen Coffee Bar-Bereiche in modernen Kantinen für den Espresso nach dem Essen.

Im aktuellen ZEIT Magazin, das den Titel „Nouvelle Kantine“ trägt, ist in diesem Zusammenhang ein sehr interessanter Artikel über den Künstler Ólafur Elíasson zu lesen, weiterlesen


13. November 2017

KEINTWITTERBLOG

Seit vergangener Woche darf ein Tweet jetzt doppelt so lang sein. 280 Zeichen statt 140.

„Wir möchten, dass sich jeder einfacher und schneller ausdrücken kann“, sagt Twitter-Chef Dorsey und US-Präsident Trump freut sich, dass er jetzt ausführlicher über seine unfassbar erfolgreiche Chinareise schreiben kann.

Kanzlerinsprecher Steffen Seibert twittert: „Tschechow: ’Die Kürze ist die Schwester des Talents.’ Gilt auch auf Twitter.“ Und auf einem meiner Bleistifte steht „Schreiben ist leicht. Man muss nur die falschen Wörter weglassen.“ Das ist von Mark Twain.

Fragt sich nur, welche die falschen Wörter sind. Und bei dieser Frage ist es letztlich egal, ob ich einen Tweet oder Blogbeitrag, eine Mail, Kurzgeschichte oder einen Roman schreiben will.

P.S.: Dieser Blogbeitrag hat 752 Zeichen (incl. Leerzeichen), entspricht also 2,68 Tweets. Schicken Sie mir gern eine 280-Zeichen-Version, wenn Sie Lust am Kürzen haben.


05. November 2017

LITERARISCHE WINDBEUTEL

Vielen Dank für die vielen inspirierten und inspirierenden Assoziationen zu den LieblingsREADs, die Sie mir als Reaktion auf meinen letzten Blogbeitrag gemailt haben. Es ist eine schöne Vorstellung, dass manche von Ihnen in der letzten Woche in Bäckereien und Buchhandlungen waren, um sich dort mit Grundnahrungsmitteln zu versorgen.

Eine Blogleserin hat die Brotlektüren um süße Backwarenlektüren erweitert und das möchte ich Ihnen auf keinen Fall vorenthalten. Hier ein Auszug aus ihrer Mail und dazu das Foto einer Papiertüte, wie sie derzeit bei REWE angeboten werden.

Keine Angst: Ich will jetzt gar nicht mit den ganzen Sprachspielen anfangen, die mir bei „Hngr“ in den Sinn kommen. Das könnten Sie aber gern für mich übernehmen (und mir natürlich mailen, wenn Sie mögen…).

Ihnen wünsche ich stattdessen guten Appetit bei Brot, Backwaren und bei Büchern.

Und hier der Mailauszug:

„Wenn ich mich in der Bäckerei umschaue, weiterlesen


29. Oktober 2017

LieblingsREAD

Als ich vorgestern in einer kleinen etwas ältlichen Bäckerei in der Warteschlange stand, habe ich diesen alten Brottopf im Schaufenster gesehen. Und zum ersten Mal ist mir aufgefallen, dass im Wort BREAD das Wort READ drinsteckt.

Hier in Berlin gibt es die Modemesse BREAD & BUTTER und ich dachte BREAD & READ: Lesen als Grundnahrungsmittel wie Brot.

Und das ist natürlich gar nicht weit hergeholt, denn für viele Menschen ist das Lesen von Büchern genau das ist: Grundnahrungsmittel, Lebensmittel oder sogar ein Überlebensmittel. In vergleichsweise harmlosen Situationen einer kurzfristigen oder lang andauernden Krankheit bis hin zu aktuellen und historischen Situationen in Kriegen, Lagern und Gefängnissen.

Als ich in der Bäckerei schließlich an der Reihe war, musste ich kurz überlegen, was ich überhaupt kaufen wollte. Es waren eigentlich drei Croissants, aber ich habe dann zusätzlich noch ein Brot gekauft. weiterlesen


22. Oktober 2017

ANDERE GESCHICHTE – DIESELBEN WÖRTER

Manche von Ihnen wissen vielleicht, dass ich Zettel sammle, die ich auf der Straße finde und auf denen irgendwas geschrieben, gekritzelt oder gezeichnet worden ist. Manche scheinen einfach achtlos weggeworfen zu sein, andere sind vielleicht unabsichtlich verloren gegangen.

Bei dieser Karteikarte, die ich gestern im wahrsten Sinn des Wortes „aufgelesen“ habe, bin ich mir nicht sicher: sie scheint von einer Schülerin oder einem Schüler zu sein, die oder der für eine Geschichtsarbeit gelernt hat. Vielleicht war die Arbeit geschafft und der Zettel wurde nicht mehr gebraucht, vielleicht wurde die Karte aber auch in einem Anfall von „Das kann ich mir niemals merken, also kann ich’s auch gleich wegwerfen“ der Straße geschenkt.

Wie auch immer: es ist ein handschriftliches Dokument – wunderbar – und das Beste: es passt mit all seinen Begriffen so herrlich zu den aktuellen Jamaika-Sondierungsgesprächen: Delegation, weiterlesen


15. Oktober 2017

MESSEN

Mein Gehirn war in der vergangenen Woche offensichtlich noch im Wort-Spiel-Modus der Vorwoche, in der mich das Wort DURCHSETZEN nicht losgelassen hat. Dieses Mal war es das Wort MESSE.

Klar: es war die Woche der Buchmesse. Ich habe sie dieses Mal lediglich von Köln aus verfolgen können, wo ich einige Tage gearbeitet habe. Im Kölner Dom wollte ich mir außerdem unbedingt die Kirchenfenster im so genannten Südquerhaus ansehen, die Gerhard Richter vor zehn Jahren gestaltet hat.

Als ich aus diesem Grund den Dom betrete, probt eine Sängerin gerade das Ave Maria – kaum zu glauben, aber wahr. Ihre Stimme wird über Lautsprecher übertragen und ich stelle mir vor, dass sie für die Sonntagsmesse probt. Der Seitenflügel ist zwar, wie sich herausstellt, durch ein Seil abgesperrt, aber wenn ich mich weit nach vorn lehne, weiterlesen


08. Oktober 2017

DURCHSETZEN

Vor drei Tagen, am Donnerstag, wurde der diesjährige Literaturnobelpreis bekannt gegeben: Kazuo Ishiguro wird ihn erhalten. Ich kenne von ihm lediglich sein wohl bekanntestes Buch „Was vom Tage übrig blieb“ und da es bereits so lange her ist, seit ich es gelesen habe, erinnere ich mich wesentlich besser an die Verfilmung durch James Ivory und an das ebenso faszinierende wie berührende Spiel von Emma Thompson und Anthony Hopkins.

Vorgestern morgen, einen Tag nach der Bekanntgabe, stehe ich kurz nach acht Uhr morgens in der Stadtbibliothek Stuttgart vor dem Angestellten-Fahrstuhl und warte, bis er kommt. Ich werde an diesem und am kommenden Tag hier Vorleseworkshops leiten. Die Bibliothek hat offiziell noch geschlossen, alles ist sehr still und auch hier in dem kleinen nüchternen Vorraum bin ich allein.

Vermutlich stellt in diesen Minuten eine Bibliothekarin im achten Stockwerk, weiterlesen


30. September 2017

SCHREIBEN UND KÜSSEN

Vor ein paar Tagen hat mir eine Freundin aus Nürnberg dieses Foto geschickt. Eine Papiertüte der Initiative Schreiben e.V., die behauptet: Wer schreibt, küsst besser!

Klar, der Spruch soll werbewirksam sein, in jedem Fall auffallen und darf entsprechend auch ein bisschen provozieren. Wahrscheinlich ist er letztlich also gar nicht ernst gemeint.

Trotzdem: ich merke, dass er mich tatsächlich provoziert. Nämlich deswegen, weil er zwar vordergründig etwas Positives über das Schreiben sagt, sich dahinter aber diese hierarchische Bewertung versteckt, dass es besser ist zu schreiben als nicht zu schreiben. Ja, das mag stimmen. Aber es ist auch besser fernzusehen als nicht fernzusehen (schreit Jemand von Ihnen gerade auf?) Und es ist besser miteinander zu sprechen als nicht miteinander zu sprechen. Das bringt also nicht weiter.

Außerdem erinnert er mich an all die kläglichen Versuche, weiterlesen


23. September 2017

MACHT RECHT MORAL?

Vielen Dank für die bezaubernden Bookfaces, die Sie mir geschickt haben (siehe letzter Blogbeitrag) und ich freue mich natürlich auch weiterhin über Fotos. Das heutige Foto könnte ebenfalls ein Bookface oder ein Buchcover sein. Aufgenommen habe ich es gestern am Bahnhof Hünfeld, dem nächstgelegenen Ort zur Akademie Burg Fürsteneck, wo ich eine Bildungswoche geleitet habe.

Können Sie die eleganten schwarzen Herrenschuhe am oberen Bildrand erkennen? Akkurat hingestellt an der Linie, die man bei Zugdurchfahrt nicht übertreten soll. Wie eine bewusste Inszenierung kam mir das vor oder wie das Überbleibsel-Objekt einer Performance. Sehr besonders…

Zu Hünfeld passen würde es durchaus, denn diese hessische Kleinstadt in der Nähe von Fulda entwickelt sich seit rund 20 Jahren zu einem „Offenen Buch“: an mittlerweile mehr als 100 Hausfassaden stehen poetische Sätze und „textartige Gedankenformen“ wie beispielsweise folgender Dreizeiler: 

macht recht moral? weiterlesen


16. September 2017

BOOKFACE STATT FACEBOOK

David Pigeret ist Buchhändler und arbeitet bei Mollat in Bordeaux, der ältesten freien Buchhandlung Frankreichs, in der Abteilung „Schöne Künste“. Kein Wunder also, dass ihn künstlerisch gestaltete Buchcover besonders interessieren und ihn vor einigen Jahren auf die Idee von bookfaces gebracht haben: Er fotografiert seine KollegInnen mit Buchcovern vor dem Gesicht und zwar so, dass Cover und Mensch miteinander verschmelzen. Das sieht nicht nur raffiniert aus, sondern auch verblüffend und witzig. Sein Instagram Account hat mittlerweile 40.000 Follower.

Es gab übrigens schon einmal einen ähnlichen Trend: Sleaveface. Da waren es statt der Buchcover Plattencover. Jetzt also Bookface. Sehen Sie sich mal ein paar Beispiele der New York Library an. Oder hier: der Bookfacefriday. Ist das nicht faszinierend?

Für diesen Blogbeitrag hätte ich am liebsten selbst ein verblüffendes, großartiges und selbstverständlich möglichst perfektes Bookface inszeniert. weiterlesen


10. September 2017

BETREIBE ICH ZENSUR?

Ich bin wieder zurück aus der Sommerpause und hoffe, Sie hatten angenehme Wochen! Waren Sie vielleicht auch auf der documenta? Und haben dort die Installation der argentinischen Künstlerin Marta Minujín „The Parthenon of Books“ gesehen? Minujín hat den größten Tempel der Athener Akropolis maßstabsgetreu als Metallgerüst nachbauen lassen und um die Säulen Tausende von Bücher angebracht, die von weitem wie kleine Mosaiksteinchen aussehen. Alle Bücher waren zu irgendeiner Zeit in irgendeinem Land zensiert und der Platz, an welchem „The Parthenon of Books“ aufgestellt wurde, ist der Platz direkt vor dem Friedericianum. Hier fand am 19. Mai 1933 eine der zahllosen Bücherverbrennungen statt.

Die Installation, die vorab stark in der Aufmerksamkeit der Medien stand, hat mich in ihrer Umsetzung und auch ästhetisch enttäuscht. So haben die vielen Gerüststützen den „Tempel“ eher wie eine Baustelle aussehen lassen und nahezu alle Titel waren aktuell lieferbare ungelesene Ausgaben, weiterlesen


02. Juli 2017

KREATIVER WANDEL oder: MAJOR TOM IN UNS

Übermorgen findet der letzte Termin eines meiner Seminare zum Kreativen Denken statt. Naturgemäß taucht in diesen Seminaren immer wieder der zentrale Aspekt auf, wie bedeutsam es ist, die eigene so genannte Komfortzone zu verlassen, um Kreativität tatsächlich zu leben.

Wo die individuelle Komfortzone beginnt und wo sie aufhört ist natürlich individuell sehr verschieden. Interessant ist aus meiner Sicht dabei der Aspekt des Scheiterns. Je mehr ich mich an die Randgebiete meiner Komfortzone heranwage, umso größer die Wahrscheinlichkeit des Scheiterns (wie immer man das für sich definiert).

So hat mir am Freitag Abend Frank Schätzing, der Autor des Bestsellers Der Schwarm, aus der Seele gesprochen, als er in der Talkshow Kölner Treff sagte: „Wenn man wirklich kreativ sein will, muss man bereit sein, zu scheitern.“

Ich bin davon überzeugt, dass Scheitern nicht das Ende eines kreativen Prozesses ist, weiterlesen


23. Juni 2017

GERN ORDNUNG!

Diesen Montag hatte ich eine kleine Operation unter Vollnarkose. Im Aufwachraum habe ich mich anschließend eine Weile mit der Krankenpflegerin unterhalten, die, wie sie mir erzählte, ursprünglich aus der Ukraine stammt und mit Begeisterung Deutsch lernt. Ich fand, dass sie bereits ziemlich gut Deutsch sprach, aber sie hatte offensichtlich den Ehrgeiz, alles grammatikalisch perfekt zu formulieren.

Als sie mir empfahl, mich erst einmal eine Weile aufzusetzen, fragte sie, ob es „an der Wand lehnen“ heißen würde oder „an die Wand lehnen.“ Ich sagte, dass beides möglich sei, es käme darauf an, ob…. und so weiter.

Als ich mich schließlich von ihr verabschiedete, fragte ich sie, ob sie Lieblingswörter im Deutschen habe. „Ohja,“ sagte sie und nickte enthusiastisch.

„Gern mag ich!“ sagte sie und sah mich an. Ich wartete, weil ich dachte, weiterlesen


17. Juni 2017

CHANGE HEAD

Woran denken Sie bei der Abkürzung TAT? An das Theater am Turm in Frankfurt? An Twin Arginine Translocation, ein Transportsystem aus Pflanzen und Bakterien? An Turnaround-Time, die Zeitspanne zwischen der Spezifikation eines Projektes und dessen Auslieferung oder an Tapas-Akupressur-Technik, eine Richtung der Klopfakupressur?

Seit vorgestern denke ich bei TAT vor allem an das Tieranatomische Theater, das älteste erhaltene Lehrgebäude Berlins und ein Meisterwerk des preußischen Frühklassizismus, das seit mehreren Jahren als Raum für Ausstellungen mit Laborcharakter genutzt wird.

Dort habe ich im Rahmen des Performing Arts Festivals die Lecture Performance Skull X von Flinn Works gesehen. Zwei biografische Geschichten im Kontext deutscher Kolonialgeschichte kreisen bei dieser Performance um einen Schädel und landen letztlich im Innersten des eigenen Kopfes.

Und während ich diesen Schädel fixiere, der dort unten auf einem kleinen Tisch liegt und im wahrsten Sinn des Wortes Projektionsfläche ist für ebenso faszinierende wie erschreckende Fotografien und Videos, weiterlesen


11. Juni 2017

WAS MAN NICHT ALLES SOLL

Was man nicht alles soll in dieser unserer Zeit: man soll präsent sein, politisch interessiert und ehrenamtlich engagiert. Man soll Sport machen, gesund essen und genügend schlafen. Und natürlich soll man auch lesen. Oder noch besser: MEHR lesen.

Diese Überzeugung respektive Aufforderung hat mich vor wenigen Tagen auf einer Umhängetasche angelacht. Eine Frau, die ebenfalls auf eine S-Bahn gewartet hat, hatte diese Tasche über die linke Schulter gehängt.

Du sollst mehr lesen.

Das stand da Weiß auf Schwarz, mit großem DU und auch ohne Ausrufezeichen wie ein Appell.

Es handelte sich um eine Werbetasche des Antiquariats Bücherhalle in Schöneberg und sicherlich ist dieser Spruch durchaus ernst und ehrlich gemeint – auch wenn es vermutlich noch ehrlicher wäre, wenn da stehen würde: Du sollst mehr Bücher kaufen.

Dennoch ist eine selbst-ironische und humorvolle Lesart nicht zu leugnen und das macht ja letztlich auch den Charme dieser Tasche aus, weiterlesen


03. Juni 2017

BRENNENDE ZUNGEN

Heute ist Pfingstsamstag und offensichtlich hat sich das beeindruckende Bild der „Zungen wie von Feuer“, die sich auf die Anhänger Jesu niederließen,

in meinem Kopf festgesetzt, als ich vorhin – auf der Suche nach Collage-Materialien – in einem fremden Papierkorb mit jeder Menge Altpapier die Rhein-Neckar-Zeitung vom 06. Februar unter der Rubrik „Nachrichten für Kinder“ aufschlage und eine kleine Meldung mit der Überschrift „Roboter schreiben aus dem All“ finde.

Sie wissen vielleicht, dass nicht nur der Nasa-Roboter Curiosity seit Jahren vom Mars aus Nachrichten schickt, sondern auch andere Forschungsroboter wie die Juno-Sonde vom Jupiter beispielsweise oder die europäische Raumsonde Rosetta via Twitter von ihren Abenteuern berichten und Hunderttausende Fans haben.

Interessanterweise berichten all diese Roboter beziehungs-fördernd in „Ich“-Form und Rosetta beispielsweise meldete sich noch einmal kurz vor ihrem Aufprall auf einen Kometen: „Weil ich nachher sehr beschäftigt sein werde, weiterlesen


26. Mai 2017

DU SIEHST MICH

An diesem Wochenende findet der 36. Deutsche Evangelische Kirchentag in Berlin statt und überall sind die orange farbenen dünnen Schals zu sehen, die die TeilnehmerInnen tragen.

Die diesjährige Losung „Du siehst mich“ beschäftigt mich gedanklich, seit ich vor kurzem davon gelesen habe. Meine ersten Assoziationen waren eher negativer Art, gingen in Richtung Überwachungskameras und Big Brother is watching you.

Das hat mich erschreckt und doch war es so (wenngleich es sicherlich auch an den beiden comichaft gezeichneten Augen lag, die als grafisches Element den Spruch ergänzen) und hat mir verdeutlicht, in welcher Medienrealität ich lebe.

In der offiziellen Pressemitteilung zu diesem Vers aus dem 1. Buch Mose steht: „‘Du siehst mich‘ ist ein Satz, der über den biblischen Kontext hinaus auch heute Anerkennung, Wertschätzung und Zuwendung aussagt.“

Ja, wie wichtig das ist! weiterlesen


19. Mai 2017

WAS AUCH IMMER GESCHIEHT

Ich komme gerade vom Eröffnungstag eines Open Space im Rahmen einer Mediationsausbildung, für die ich Seminare leite. Falls Sie mit dem Format des Open Space vertraut sind – eine ebenso strukturierte wie selbstverantwortliche Methode der Großgruppenmoderation, mit dem Ziel, Themen zu bearbeiten und konkret ins Handeln zu kommen – kennen Sie die vier Prinzipien beziehungsweise Überzeugungen, die diesem Format zugrunde liegen.

Eines davon lautet: „Was auch immer geschieht, es ist das Einzige, was geschehen konnte.“

Das fasziniert mich immer wieder. Allein schon deshalb, weil ich mich frage, ob es tatsächlich so ist oder nicht. Und je länger ich darüber nachdenke, umso mehr bin ich davon überzeugt: ja, so ist es. Klar!

Nichts anderes könnte an diesem Tag zu dieser Zeit mit diesen Menschen zu diesem Thema passieren als das, was passiert. Und das hat nichts mit Fatalismus zu tun, weiterlesen


12. Mai 2017

BÜCHERBERGE

Während draußen gerade wunderbares Sonnenwetter ist, denke ich an den überraschenden Schnee-Einbruch, den ich vor wenigen Tagen in den Schweizer Bergen erlebt habe. Im Bergdorf Braunwald, Kanton Glarus, rund 90 Kilometer von Zürich entfernt und gesegnet mit einem klischee-traumhaften Panoramablick auf die Glarner Alpen.

Braunwald ist ein besonderes Dorf. Nicht nur wegen seiner Lage oder weil es autofrei ist und lediglich 300 Menschen hier leben, sondern auch, weil es sich um ein so genanntes Bücherdorf handelt.

An rund fünfzehn Stellen laden offene Schränke und Regale voller Bücher dazu ein, in diesen zu blättern und sie auszuleihen. Beispielsweise im Tourismusbüro, am Bergrestaurant Chämistube oder im Märchenhotel Bellevue. Und dann gibt es noch die Bücherkästen, die direkt an den Holz-Hauswänden angebracht sind. Auf dem Foto sehen Sie beispielsweise den Kasten am Ross-Stall Tödiblick.

Immer steht eine wettergegerbte Sitzbank daneben, weiterlesen


14. April 2017

THE ANSWER MY FRIEND

Am Dienstag habe ich zum ersten Mal in meinem Leben Bob Dylan live erlebt. In Hamburg, zusammen mit 7000 anderen Menschen. Bei einem Konzert seiner so genannten Neverending Tour, die seit 1988 andauert und bei der man erfahrungsgemäß nie weiß, was passieren wird. Ob er lediglich eine halbe Stunde spielen wird oder länger (es waren knapp zwei Stunden). Ob er nuscheln oder ob man ihn verstehen wird (ich habe praktisch nichts verstanden) und natürlich vor allem auch, welche Songs er spielen wird (er hat sich durch alle möglichen Gattungen wie Folk, Rock, Country und Blues gespielt und zwar vor allem anhand von Coversongs.)

Das macht mich insbesondere seit der Verleihung des Literatur-Nobelpreises an ihn nachdenklich: warum Dylan bereits seit Jahren keine eigenen Songs mehr schreibt und sich stattdessen auf die Neuinterpretation von Klassikern konzentriert.

Und was bedeutet das in Bezug auf seinen künstlerischen Ausdruck? weiterlesen


09. April 2017

WIRSINGLASAGNE

Vorgestern bin ich von der hessischen Akademie Burg Fürsteneck zurückgekommen. Dort habe ich eine Bildungswoche zum Thema „Work-Life-Balance durch Achtsamkeit und Kreative Kompetenz“ geleitet. Es war eine intensive Woche, in der naturgemäß unter anderem das kreative Spiel nicht nur mit unsichtbaren inneren Bildern, sondern auch mit sichtbaren äußeren Wörtern immer wieder eine Rolle gespielt hat.

Beispielsweise im Rahmen meines so genannten „kreativen Stress-Parcours“, bei dem eine der einfachsten Aufgaben ein klassisches Buchstabenspiel ist: innerhalb kürzester Zeit möglichst viele neue Wörter zu finden, die sich aus den Buchstaben des Wortes SCHAUBUEHNE zusammensetzen lassen.

Entsprechend wort-findungs-fixiert stehe ich abends am außerordentlich vielseitigen Buffet und lese die kleinen Schildchen, die neben den jeweiligen Speisen liegen: Linsenpaste, Krautsalat, Avocado-Dip, Obatzda, Bulgursalat, Frischkäse mit Lachs oder Kürbis-Linsen-Salat. Bei den warmen Speisen liegt ein Schildchen mit der Aufschrift WIRSINGLASAGNE.

SING ist das erste Wort, weiterlesen


31. März 2017

UNFASSBARKEITEN

„Ich will den Schmerz das Singen lehren“ lese ich auf dem Litfass-Säulen-Werbeplakat vor der Schleicher’schen Buchhandlung in Dahlem. Vor zwei Tagen war das, direkt nach dem Ende des letzten Termins meines Einführungsseminars Autobiografisches Schreiben.

Ein intensives und berührendes Seminar, an dessen achten und letzten Termin das Thema „älter werden“ immer wieder aufgetaucht ist. Und die Frage, auf welche Art und Weise wir uns mit dieser Frage – und mit dem, was sie in uns auslöst – schreibend auseinandersetzen können.

Wie passend, denke ich, als ich diesen Satz lese über den Schmerz, den (nicht: dem!) ein Ich das Singen lehren will (nicht: möchte! Nicht: werde!).

Dieses Ich ist Martin Walser. Und das Plakat wirbt für Walsers neuen Roman „Statt etwas oder Der letzte Rank“ und bezeichnet diesen als „Höhepunkt in Martin Walsers Alterswerk – ein neuer Roman als Summe und Bilanz.“

Davon abgesehen, weiterlesen


25. März 2017

THE VOICE OF GERMANY

Ja, er wird „The Voice“ genannt. Christian Brückner. Der wohl berühmteste Synchronsprecher Deutschlands. Gehört habe ich ihn schon oft. Nicht auf Hörbüchern (da stören mich bekannte Stimmen eher als dass sie mich erfreuen), sondern in Filmen, als die deutsche Stimme von Harvey Keitel, Peter Fonda, Dennis Hopper, Gerard Depardieu, Donald Sutherland und natürlich von Robert de Niro.

Gestern habe ich ihn zum ersten Mal live gesehen. Auf der Leipziger Buchmesse. Aber nicht abends um 17:30, wo er „Große jüdische Literatur aus Litauen“ gelesen hat (Litauen ist diesjähriges Schwerpunkt-Land der Buchmesse).

Sondern mittags um 11:30, als ich gerade auf der Messe angekommen war, Jacke und Rucksack an der Garderobe abgegeben hatte und auf dem Weg durch die große Glashalle an einem Hot Dog Stand vorbeikam.

Da stand er, hatte offensichtlich weder Mantel noch Tasche (die nach Übernachtungs-Ausstattung aussah und die er beschützend zwischen seine Füße gestellt hatte) an der Garderobe abgegeben und schlang hastig und mit hochgezogenen Schultern einen Hot Dog in sich hinein. weiterlesen


19. März 2017

GELEGENTLICH GERN GEMEINSAM

Raymond Queneaus Stilübungen ist eines der Bücher, die mich seit langem in immer neuen Zusammenhängen begleiten. Vor rund 25 Jahren habe ich es für meine Vordiplomsprüfung im Bereich Literaturwissenschaft gewählt und letztes Jahr beispielsweise war es Inspiration für mein Online-Schreibseminar GOLDEN WORDS zum Thema Stil.

In seinen Stilübungen hat Queneau 1947 die Beschreibung einer kleinen unscheinbaren Begebenheit in einem Autobus in 108 Stilen variiert. Die deutsche Übersetzung von 1961 wurde zwar 1990 revidiert, dennoch sind solch ältlich wirkenden Begriffe wie „Überzieher“ statt „Mantel“ geblieben.

Dies haben die beiden in Berlin lebenden Übersetzer Frank Heibert und Hinrich Schmidt-Henkel letztes Jahr geändert und nicht nur alle 108, sondern auch weitere bis dato unveröffentlichten Varianten (neu) übersetzt.

Ich konnte die Beiden zwar nicht bei Ihrer Lesung in der wunderbaren Buchhandlung Schleicher’s in Dahlem erleben, aber ich habe einige Tage später dort ein signiertes Exemplar erworben und mit Vergnügen die übersetzerischen Varianten miteinander verglichen. weiterlesen


10. März 2017

TRIUMPH & DISASTER

Letzten Freitag stand ich auf der Gästeliste der Liebe.

Wäre das nicht ein schöner erster Satz für einen Roman? In Wirklichkeit (aber was heißt schon Wirklichkeit?!) handelt es sich bei dieser Liebe um eine bekannte Parfümerie in Hannover, die zu einem abendlichen Event eingeladen und ich wiederum das Vergnügen hatte, zwischen rund 200 Gästen auf drei Etagen kleine Burger und Berliner Currywurst zu essen und Glas und Durchsichtigkeit mehrerer Gin Tonics mit Flakon und Durchsichtigkeit der exotischsten Parfums zu vergleichen.

Auf Tischen präsentierten sich besondere Marken, mit wundersamen Namen wie Triumph & Disaster. Dieses Label aus Neuseeland verdankt seinen Namen einer „nostalgischen Geschichte des Gründers Dion Nash. Als er 13 Jahre alt war, schenkte sein Vater ihm ein eingerahmtes Gedicht von Rudyard Kipling mit dem Titel „If“. Die Verse enthalten im Englischen in einer Zeile die Wortkombination Triumph & weiterlesen


05. März 2017

VERTRAUT WIRD FREMD

IMG_6194Die Berlinale ist – gefühlt – bereits eine Weile vorbei. Und doch bin ich noch voller Bilder, Worte und Themen. Mein Schwerpunkt in diesem Jahr waren Dokumentationen sowie die faszinierende Retrospektive „FUTURE IMPERFECT. SCIENCE. FICTION. FILM“. Eine Neuentdeckung war für mich beispielsweise einer der bedeutendsten Science-Fiction-Werke des New Hollywood: THX 1138 von George Lucas aus dem Jahr 1971.

Im Science-Fiction-Genre, dessen Filme häufig auf Kurzgeschichten beruhen, werden Zukunfts-Visionen (in erster Linie als Dystopien) wortgewaltig auf den Punkt gebracht. Und das so aktuelle Sujet des Fremden oder unbekannten Anderen ist allgegenwärtig.

„Die möglichen Welten auf der Erde oder im All eröffnen einen weiten Raum, um Fragen nach kollektiven Visionen und Ängsten immer wieder neu zu verhandeln. Als Spiegel gesellschaftlicher Debatten sind Science-Fiction-Filme deshalb hochaktuell“, hat es Festivaldirektor Dieter Kosslick formuliert.

All das beschäftigt mich sehr. weiterlesen


10. Februar 2017

AUTO UNBEKANNT

 IMG_6107Heute also zwei Rätsels Lösungen. Die erste (siehe blog vom 05. Februar) ist schnell geschrieben: das Schicksal ist kein schweres Schaf, sondern ein scharfes Schwert. Diese Behauptung hat Roger Whitaker gesungen und er hat ergänzt, dass dieses Schwert oft so tief ins Herz dir fährt. Du bist getroffen und kannst dich nicht wehren, Worte sind sinnlos, Du willst sie nicht hören.

Wie schnell genau das passieren kann, dass man sinnlose Worte sagt, hat eine ältere, vermutlich ebenso bezaubernde wie aufgeregte NDR 1 Welle Nord Zuhörerin erfahren, die sich für ihren Lebensgefährten Whitakers Song gewünscht hat und dabei Loriot-mäßig über Schwerter und Schafe gestolpert ist: https://www.youtube.com/watch?v=knZ7arotsUQ

 

Dass Worte allerdings meist eben nicht sinnlos sind, hat wiederum mit des zweiten Rätsels Lösung zu tun (siehe blog vom 22. weiterlesen


05. Februar 2017

EIN SCHWERES SCHAF

IMG_5833Bevor ich morgen wieder in der Ärztin-Praxis sein werde (siehe Eintrag vom 22. Januar), um dort hoffentlich das Buch der „besonderen Geschichten“ vorzufinden, möchte ich heute ein kleines Fundstück mit Ihnen teilen, das mir gerade über den Weg gelaufen ist. Es ist ebenfalls ein kleines Rätsel.

Kennen Sie die Lösung?


28. Januar 2017

LE PETIT BORG

IMG_6006Am Montag stand ich an der Kreuzung Invalidenstraße/Chausseestraße. Vor mir eine junge Frau mit einem sehr besonderen Rollkoffer-Motiv: Der kleine Prinz von Saint-Exupery. Dann sah ich, dass sie außerdem eine Umhängetasche von Björn Borg trug. Welch interessante Kombination. Und: gibt es vielleicht sogar etwas, das Beide miteinander verbindet – Borg und den Prinzen – und aus diesem Grund für die junge Frau besonders attraktiv ist? Was könnte das sein?

O.k., der Klassiker aus Frankreich und sechs Titel bei den French Open. Kunstmärchen und Kunstrasen.

Oder der Modeaspekt: Borg, seit langem schon Besitzer einer erfolgreichen Modemarke und der Kleine Prinz, dessen Mantelfarbe im Laufe der Publikation von grün auf marineblau geändert wurde?

Oder das berühmte Zitat „Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar“, das ebenso gut ein humorvoller Kommentar zu Borgs damals revolutionärer beidhändiger Rückhand sein könnte, weiterlesen


22. Januar 2017

WAS IST BESONDERS?

IMG_5962In dieser Woche war ich zum ersten Mal in einer neuen Ärztin-Praxis. Im Wartebereich auf einem kleinen Tischchen lag dieses Buch, das mir sofort auffiel, weil es der einzige farbige Gegenstand war in einer ansonsten ausschließlich in Weiß gehaltenen Praxis. Als ich dann den Titel las, wollte ich natürlich gleich herausfinden, was mit „Besondere Geschichten“ wohl gemeint war, wurde dann allerdings aufgerufen.

Als ich mir im Anschluss an die Konsultation noch ein paar Minuten Zeit nehmen wollte, um hineinzublättern, habe ich mich spontan umentschieden und stattdessen lediglich ein Foto gemacht. Ich will nämlich  bis zu meinem nächsten Termin in der Praxis in zwei Wochen mit mir selbst wetten: habe ich genügend Fantasie, um zu ahnen, welche Art besondere Geschichten wohl in diesem Buch versammelt sind? (ich bin ziemlich sicher, dass das Buch das nächste Mal noch dortliegen wird, weiterlesen


14. Januar 2017

UND IMMER WIEDER DER SINN

IMG_5893Gleich an meinem ersten Arbeitstag in diesem neuen Jahr werde ich mit einem Fotomotiv für meine Sammlung ’Lesezeichen’ beschenkt. Die entsprechende Leserin in der U-Bahn ist mir vor allem deshalb sofort aufgefallen, weil sie so jung und die Herder-Taschenbuch-Ausgabe, in der sie liest, so alt ist. Viktor Frankls Klassiker ’Das Leiden am sinnlosen Leben’.

Während des Lesens macht sie immer wieder Notizen in das Buch, es kann also keine Bibliotheksausgabe sein. Ein Exemplar aus dem Buchregal ihrer Eltern? Aus einem Antiquariat? Außerordentlich unwahrscheinlich, dass diese Frau in ein Antiquariat gehen würde, um dort gezielt nach diesem Buch zu fragen. Ein Zufallsfund vielleicht?

Schon seit Jahren ist mir Frankls Logotherapie nicht mehr über den Weg gelaufen. Dass dies ausgerechnet an meinem ersten Arbeitstag im neuen Jahr passiert und außerdem in Form eines Buches, weiterlesen


Computervirus frisst meine BLOGbeiträge

Jetzt ist es passiert: ein Computervirus hat sich über meinen BLOG hergemacht und hat jede Menge BLOG-Beiträge durcheinandergewirbelt. Zwischen dem 14. Januar 2017 rückwirkend bis zum 08. Juni 2014 sind die meisten Beiträge beispielsweise in der Chronologie ganz nach unten gerutscht.

Nach und nach wird alles wieder an korrekter Stelle zu lesen sein. Bis dahin: scrollen Sie einfach ganz nach unten… oder springen Sie ganz nach Belieben durch die Jahre.


08. Juni 2014

DIE HERZLKLAUSEL

herzklauselPfingstsonntag, 7 Uhr morgens. Ich sitze bei geöffnetem Fenster in meinem kleinen Zimmer auf der Akademie Burg Fürsteneck und höre eine Vogel-Symphonie draußen in den Bäumen.

Hier leite ich einen Schreib-Workshop für „unerschrockene Kommunikation“ und zum Vergnügen, sich misszuverstehen. Anlass ist das Pfingst-Thema der Burg: „Lass uns reden“

Das erinnert mich an die vielen ebenso engagierten wie langen Diskussionen, von denen eine Lektorin des Wagenbach Verlags erzählt hat – anlässlich der Ausstellungseröffnung in der Berliner Staatsbibliothek zum 60jährigen Verlagsjubiläum.

Eines der Grundprinzipien des Verlags ist es nämlich, bei der Entscheidung darüber, welche Manuskripte publiziert werden, ausschließlich Einheitsbeschlüsse zu akzeptieren und keine hierarchischen Entscheidungen. Stattdessen wird solange diskutiert, bis alle für oder gegen eine Publikation stimmen.

Allein das ist sehr ungewöhnlich. Aber noch ungewöhnlicher ist die Ausnahme, die es von dieser Ausschließlichkeits-Regel gibt. weiterlesen


01. Juni 2014

SAG MIR WAS DU LIEST UND ICH SAGE DIR WER DU BIST

buecher altonaUnfassbar!

Nachdem ich in meinem letztem Blogbeitrag ein bisschen mein Schicksal bejammert habe, dass es bereits Jahre her sei, seit ich zum letzten Mal auf ein allein gelassenes Buch gestoßen bin, hat sich eben jenes Schicksal offensichtlich ins Zeug gelegt.

So kann ich hier und heute verkünden, dass mir dieses Glück vorgestern Nachmittag um 17:30 Uhr am Bahnhof Hamburg-Altona auf einer Sitzbank an Gleis 6 bereits schon wieder zuteil wurde.

Als ich aus dem Zug aussteige sehe ich sie schon von weitem. Rund zehn Bücher liegen da, gehüllt in eine 70er Jahre-Vergilbtheit-Aura.

Als literarische Profilerin (mein EIGENTLICHER Beruf!) würde ich den Titeln nach schließen, dass sie von einem etwa 65jährigen Mann ausgesetzt wurden, der in mehreren deutschen Städten studiert, gearbeitet, vielleicht sogar geforscht hat. Inspiriert durch die 68er und von der Frankfurter Schule hat er begonnen Anglistik zu studieren, weiterlesen


24. Mai 2014

AUSGESETZTE BÜCHER

amy jenkinsIn dieser Woche ist es endlich mal wieder passiert!

Jahre ist es her, dass es das letzte Mal passiert ist (in einer Stadt, in der ich zu Besuch war, ich weiß nicht mehr, welche). Und seit damals denke ich sicherlich einmal im Monat „Na? Wann wird es wohl wieder soweit sein?“

In dieser Woche war es soweit. Ich stieg in eine U-Bahn und da lag es: ein Buch, allein gelassen. Ausgesetzt. Ausgelesen. Ausgestoßen. Oder schlicht und ergreifend vergessen.

Es hatte eine ganze Sitzbank für sich, niemandem schien es aufzufallen und die Botschaft war ganz klar: es hat auf mich gewartet.

Eine strahlend weiß gekleidete, lachende Frau auf dem Cover eines Goldmann-Taschenbuchs.

Titel: Amy Jenkins – Honeymoon.

Da lag es und strahlte mich an. Also nahm ich mich seiner an und begann gleich zu lesen. weiterlesen


17. Mai 2014

ICH KANN ES NICHT MEHR HÖREN

ai wei weiSchon wieder ist die Überschrift eines Artikels Auslöserin für meinen Blogbeitrag. „Ich kann es nicht mehr hören.“ lautet sie diesmal.

Aber von Anfang an.

In dieser Woche habe ich mir die Ai Weiwei Ausstellung Evidence im Martin Gropius Bau angesehen. Während der Führung ist immer wieder sein gezielt strategischer Umgang mit den Medien kritisiert worden, die er für seine Zwecke nur allzu clever einzusetzen wisse.

Tatsächlich ist es durchaus nicht leicht, diese tatkräftig aktive Fähigkeit zu vereinbaren mit dem Bild des Künstlers als „Opfer“, der unter ständiger Bewachung steht und nicht ausreisen darf.

Ähnlich schwierig wie sein politisches Anliegen auf der einen Seite und dessen künstlerische Umsetzung für die „Massen“ auf der anderen.

Stellvertretend sei hier Sacha Verna (Deutschlandfunk) zitiert: „Ai Weiwei bereitet die Zu- und Missstände in China für sein westliches Publikum auf. weiterlesen


10. Mai 2014

EINE SPRACHE NAMENS HSILGNE

Bei meiner Kieferorthopädin blätterte ich in dieser Woche im aktuellen SPIEGEL, stieß auf einen Artikel mit der Überschrift „Sprache ist alles“ und war so fasziniert, dass ich nach meiner Behandlung zurück ins Wartezimmer gegangen bin – um diesen Artikel zu Ende lesen zu können.

Der Physiker Douglas R. Hofstadter wurde darin porträtiert, dessen Buch „Gödel, Escher, Bach“ in den 80er Jahren Furore machte. Darin verknüpfte er Bachs Kompositionen mit Bildern von Escher und dem Unvollständigkeitssatz des Mathematikers Gödel.

Sein neuestes Buch, das er gemeinsam mit dem französischen Wahrnehmungspsychologen Emmanuel Sander geschrieben hat, heißt „Die Analogie. Das Herz des Denkens“ und handelt von den Zusammenhängen zwischen Sprache und Geist, und davon, dass wir alles, was wir wissen, in Beziehungen zueinander setzen und wir dadurch Ähnlichkeiten entdecken können, die uns dabei helfen, uns im Chaos der Welt zurechtzufinden. weiterlesen


02. Mai 2014

I SHOULD LIKE TO TAKE THIS INTO ME

suchzettel koelnIch arbeite in diesen Tagen von Köln aus und wohne hier im Chelsea Hotel, einem Kunsthotel im ursprünglichen Sinn. Martin Kippenberger hat hier in den 80er Jahren oft längere Zeit gewohnt und seine Aufenthalte mit eigenen Bildern sowie mit Bildern aus seiner Sammlung bezahlt. Entsprechend ist hier fast jedes Zimmer bestimmten KünstlerInnen gewidmet.

Das erinnert einen natürlich an das berühmte New Yorker Chelsea Hotel, das durch Warhols Experimentalfilm The Chelsea Girls berühmt wurde und in welchem (vornehmlich männliche) KünstlerInnen und AutorInnen wie Thomas Wolfe, Arthur Miller oder Dylan Thomas über längere Zeit gelebt haben.

Auf dem Weg zum Hotel laufe ich immer die Lindenstraße entlang und hier habe ich vorgestern Nacht einen wundersamen Zettel entdeckt. Von weitem sah er aus wie einer dieser typischen „Such-Zettel“: Jemand hatte ein Anliegen auf ein weißes A4-Blatt geschrieben und es mit einem Stück Klebeband auf eine Hauswand geklebt. weiterlesen


27. April 2014

ES GIBT KEINEN TOD

In dieser Woche wurde eine große Totenfeier für den verstorbenen Gabriel García Màrquez ausgerichtet.

Der Roman „Hundert Jahre Einsamkeit“ ist das berühmteste Werk des kolumbianischen Autors. In den knapp 50 Jahren, seit dieses Buch auf dem Weltmarkt ist, wurde es bereits 30 Millionen Mal verkauft. Das macht 3 Millionen in 5 Jahren, 600.000 pro Jahr und bedeutet also, dass durchschnittlich 1.600 Mal pro Tag irgendjemand irgendwo auf der Welt dieses Buch gekauft, vielleicht verschenkt, vielleicht gelesen hat.

Das ist kaum vorstellbar, finde ich. Und selbst wenn die Verkaufszahlen direkt nach Erscheinen, direkt nach Erhalt des Nobelliteraturpreises und jetzt, direkt nach seinem Tod, vermutlich am höchsten sind, so ist doch anzunehmen, dass es in den letzten 50 Jahren keinen einzigen Tag gab, an dem dieses Buch NICHT gekauft wurde…

Diese Zahlen sind beeindruckend. Aber viel beeindruckender waren sicherlich die vielen Tausend gelben Papierschnipsel, weiterlesen


18. April 2014

VON RÜCKENSCHULEN UND HÄSCHENSCHULEN

haeschenschuleIn meinem Sportstudio wird zweimal wöchentlich die sogenannte Rückenschule angeboten. Ich frage mich schon seit längerem, warum es die Rückenschule gibt, aber nicht die Bauchschule oder Beinschule.

Vermutlich, weil der Rücken eine ernste Angelegenheit ist und man entsprechend ernst und diszipliniert sein muss wie in der Schule, während Bauchtraining mit etwas mehr Freude verbunden sein darf!?

Als ich in dieser Woche wieder einmal das Wort „Rückenschule“ auf dem großen Sportstudio-Stundenplan (sic!) lese, muss ich unwillkürlich an die „Häschenschule“ von Albert Sixtus denken, das wohl berühmteste Osterbilderbuch, das auch in diesem Jahr in allen Buchhandlungen auf den Ostertischen liegt. (Es gibt mittlerweile auch eine Pop-Up-Version.)

Ganz offensichtlich wird dieses Buch immer noch gekauft. Aber wird es auch gelesen? Und geliebt? Oder handelt es sich eher um eines dieser Bücher, die aus nostalgischen Gründen verschenkt werden? weiterlesen


11. April 2014

SELBSTÜBERSETZUNG

In dieser Woche ist mir die Einladung zu einer Tagung am Zentrum für Literatur- und Kulturforschung Berlin auf den virtuellen Schreibtisch geflattert, die im November stattfinden wird: „Selbstübersetzung als Wissenstransfer“ ist das Thema.

„Von Selbstuebersetzungen kann immer dann gesprochen werden, wenn sich Autoren als ihre eigenen Uebersetzer betaetigen. Dabei handelt es sich um ein

faszinierendes Phaenomen, das im Feld der literarischen Uebersetzung bereits

seit laengerem in den Blick genommen wird, aber in seiner wissenstheoretischen

und -geschichtlichen Reichweite noch weitgehend unerforscht ist.“ heißt es in der Ankündigung.

Im literarischen Kontext ist damit klassischerweise die Tatsache gemeint, dass AutorInnen ihr eigenes Werk oder Teile daraus in eine andere Sprache übersetzen, wie beispielsweise James Joyce Passagen aus Finnegans Wake ins Italienische übersetzt hat.

Dann kam mir wieder Urs Widmer, dem mein letzter Blogeintrag gewidmet war, weiterlesen


05. April 2014

KEIN SCHRIFTSTELLER, DER BEI TROST IST, SCHREIBT EINE AUTOBIOGRAFIE

Vorgestern ist der Schweizer Autor Urs Widmer gestorben.

Höre ich seinen Namen, kommt mir sofort das Cover seines Buches Der blaue Siphon in den Sinn. Aus irgendeinem Grund beeindruckt mich der darauf abgebildete gemalte Siphon. Er sieht aus wie eine Sauerstoff-Flasche für TaucherInnen… wie ein blauer Feuerlöscher… wie ein blaues Wunder…

Das Buch selbst ist eine Art Märchen. Es hat zwei Erzähler (bei denen es sich um ein- und dieselbe Person handelt: mit 53 und mit drei Jahren) und ist autobiografisch gefärbt wie sehr vieles, das Widmer geschrieben hat. Allem voran seine Trilogie Der Geliebte der Mutter, Das Buch des Vaters und Ein Leben als Zwerg.

Immer wieder hat Widmer davon gesprochen, dass er seine Ängste „in Geschichten verwandelt“ habe. Mir gefällt das Bild der Verwandlung. Denn im Gegensatz zum üblicherweise vorgebrachten Autobiografie-Aspekt der Verarbeitung von Ängsten geht eine Verwandlung weit über diese (un)bewusste Funktionalisierung des eigenen Schreibens hinaus und nimmt den literarischen, weiterlesen


29. März 2014

WAS REIMT SICH AUF PISSE?

In zwei Tagen wird Volker Schlöndorff, der sich – wie wohl kaum ein anderer deutscher Regisseur – der Verfilmung von Literatur gewidmet hat, 75 Jahre alt. Zu diesem Anlass zeigte 3:sat Kulturzeit vorgestern ein Interview mit ihm.

Ich höre Schlöndorff immer gern zu, zumal ich ihn sehr sympathisch und auf angenehme Weise reflektiert finde. Eine Sache hat mich aufhorchen lassen: Schlöndorff sagt, dass er sich bei seinen frühen Literaturverfilmungen – wie beispielsweise Die verlorene Ehre der Katharina Blum, Die Blechtrommel oder Eine Liebe von Swann – immer auch hinter den literarischen Vorlagen versteckt habe. Er sei diesbezüglich etwas schüchtern gewesen. Erst als Dustin Hoffman ihn für die Verfilmung von Tod eines Handlungsreisenden „geholt“ habe, hätte sich das geändert.

Sich verstecken können hinter der literarischen Vorlage. Vielleicht sogar Schutz suchen und finden?

Daran muss ich vorgestern Abend, weiterlesen


26. März 2014

EINE STADT ALS OFFENES BUCH

mauer bf spruchAm Wochenende habe ich ein Short-Story-Seminar auf der Akademie Burg Fürsteneck geleitet. Diese Burg – ganz in der Nähe von Fulda – ist ein besonderer Ort. Umgeben von Feldern und Wäldern befindet sich der nächste Bahnhof, Hünfeld, 16 km entfernt.

Diese Strecke muss ich manchmal mit dem Taxi fahren, so auch am Sonntag. Dabei ist mir zum ersten Mal das große Transparent aufgefallen, das über die Hauptstraße gespannt ist: „Hünfeld ist ein offenes Buch“.

Und tatsächlich: an manchen Häuserwänden waren großformatige Buchstaben, Wörter und Satzkonstruktionen zu lesen. Der Taxifahrer erzählt, dass es diese Aktion schon seit mehreren Jahren gibt, kann mir allerdings nichts Näheres dazu sagen. Also hab ich recherchiert.

Der Hünfelder Künstler Jürgen Blum hat 1996 sein erstes „Buchstabenkunstwerk“ an eine Häuserwand geschrieben. Mittlerweile sind über 100 Fassaden sowie viele Pflastersteine „betextet“. weiterlesen


16. März 2014

DÜRFEN DIE MUSEN SINGEN, WENN DIE WELT IM ARGEN LIEGT?

Heute das Krim-Referendum.

Gestern auf der Leipziger Buchmesse die vom Goethe Institut initiierte Diskussion „Wozu Literatur?“, auf der der russische Autor Michail Schischkin sagt, es sei nicht möglich, „in einem Zimmer an einem Roman zu schreiben, in dem gerade ein Mord passiert.“ (er meint damit die Live-Fernsehbilder aus den Kampfgebieten). Aber er könne nur das, was er könne. Also werde er „mit Worten kämpfen.“

Vorgestern die aktuelle Bachmann Preisträgerin mit ukrainischen Wurzeln, Katja Petrowskaja, die der Überzeugung ist, gerade auch AutorInnen müssen alles daran setzen, Putin „zurückzuscheuchen“.

Vor fünfundvierzig Jahren die 68er, die den „Tod der Literatur“ aus Gründen eines politisch-moralischen Utilitarismus verkünden. Vor fünfundsechzig Jahren Theodor Adorno, der postuliert: „Nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben ist barbarisch.“ Immer wieder also aufs Neue die Frage: dürfen die Musen singen, wenn die Welt im Argen liegt? weiterlesen


08. März 2014

MINIMALISTISCHE TYPINGS

In dieser Woche hat mich zweifach die gegenseitige Inspiration sprachlicher und musikalischer Komposition beschäftigt.

Erstens im Zusammenhang mit der aktuellen Lektüre meines Romantik-Buchclubs: Der Sandmann von E.T.A. Hoffmann. Hoffmann, selbst nicht nur Schriftsteller, sondern auch Komponist (und Zeichner außerdem!), hat seinen Sandmann verblüffend ähnlich komponiert wie Beethoven seine späten Sonaten.

Und zweitens im Zusammenhang mit der Philip Glass/Robert Wilson Oper Einstein on the beach, die Ende der 80er Jahre in Stuttgart die deutsche Opernwelt erschüttert hat und jetzt in nahezu Originalinszenierung in Berlin gezeigt wurde.

Am Donnerstag habe ich dieses 4-Stunden Werk genossen und im Anschluss daran einiges über die Texte gelesen, die von Christopher Knowles stammen, der 13 Jahre alt und autistisch war, als Wilson ihn und seine Dichtkunst kennenlernte. Wilson sagte, er habe sofort begriffen, „dass darin die Wörter in einem strukturierten Rhythmus flossen, weiterlesen


02. März 2014

LESEN AUF DEM STILLEN ÖRTCHEN

schreiben stiller ortMit zwei Vermutungen in meinen Blogbeiträgen der letzten Wochen lag ich falsch.

Erstens: Es gibt Menschen, die den Ausdruck „gespannt wie ein Flitzebogen“ im Alltag durchaus und selbstverständlich verwenden (im Ausgleich zu anderen, die den Ausdruck noch nie gehört haben).

Und zweitens: Es gibt Menschen, die noch niemals auf der Toilette gelesen haben. Vom Schreiben also ganz zu schweigen.

Folgenden mail-Ausschnitt einer Klientin will ich Ihnen nicht vorenthalten. Sie schreibt in Bezug auf private und öffentliche Toiletten:

„Sowohl an dem einen, als auch am anderen mich dem Lesen oder Schreiben zuzuwenden (sei es auch nur eine SMS, eine Mail ) – schier unvorstellbar….Weder als eine Art „konspirative Handlung“ gegen den möglichen Rest der „Insassen“, noch als Möglichkeit, Zeit so effektiv wie möglich zu nutzen. (…) Ich würde mich ebenso wenig zum Lesen oder Schreiben auf den Behandlungsstuhl eines Zahnarztes setzen und auch das Auto auf dem Weg durch die Waschstraßenbürsten wäre nicht der rechte Ort.“

Was mich allerdings freut: Im Rahmen (m)eines Experiments würde sie das durchaus ausprobieren.


22. Februar 2014

SCHREIBEN AUF DEM STILLEN ÖRTCHEN

Komme gerade zurück von meinem fünfstündigen Schreib-Workshop „Orte der Stille“, bei dem ich für die Teilnehmerinnen hier in Berlin eine kleine Inspirationsreise zu verschiedenen Orten zusammengestellt habe. Orte, die sich auf unterschiedlichste Weise mit dem Spannungsfeld äußerer und innerer Stille & „Unstille“ verbinden. Das Stelenfeld des Holocaust Mahnmal beispielsweise, der Raum der Stille am Brandenburger Tor oder die U-Bahn Station Bundestag. Literarischer roter Faden waren Zitate aus Peter Handkes Buch Versuch über den Stillen Ort (mit großem S). Gemeint sind nicht nur stille Orte unterschiedlichster Art, sondern in erster Linie die Stillen Örtchen, die ihn seit Jahrzehnten immer wieder angezogen haben.

Diese Faszination kann ich sehr gut nachvollziehen. So habe ich beispielsweise während einer mehrwöchigen Reise durch die USA Videoaufnahmen in nahezu allen öffentlichen Toiletten gemacht, die ich während dieser Zeit besucht habe. Unter anderem auch im World Trade Center. weiterlesen


15. Februar 2014

VOM SPRACHDONNER GERÜHRT

Was habe ich in meinem letzten Blog über den Ausdruck „Ich bin gespannt wie ein Flitzebogen“ geschrieben? Dass heute Niemand mehr diesen Ausdruck benutzt. Richtig.

Und was ist genau drei Tage später, am Dienstag, passiert? Als ich beim Zappen bei einer Wiederholung von „Frauentausch“ hängenbleibe und einer jungen so genannten Tauschmutter dabei zusehe, wie sie auf dem Sofa ihrer Tauschfamilie, mit der sie ab sofort 10 Tage verbringen wird, sitzt und darauf wartet, dass diese in wenigen Minuten durch die Tür kommt? Diese junge Frau spricht in die Kamera und sagt – Achtung! – „Ich bin gespannt wie ein Flitzebogen“. Ich war wie vom Sprachdonner gerührt!

Und frage mich, ob dieser Ausdruck tatsächlich zum natürlichen und aktiven Sprachschatz dieser Frau gehört oder ob er im Gegenteil der künstlichen Situation einer gestellten Szene geschuldet ist. Interessanterweise bewegen wir uns wiederum im Medium Film. weiterlesen


08. Februar 2014

VOM KLANG, DER EINE EIGENE REALITÄT ENTWIRFT

Wes Andersons Film „The Grand Budapest Hotel“ hat vor zwei Tagen die 64. Berlinale eröffnet und hat sich mit diesem Werk, das übrigens in Görlitz und im Studio Babelsberg entstanden ist, angeblich selbst übertroffen.

Ich liebe seine magischen Filme wie Die Royal Tenenbaums, Tiefseetaucher oder Der Magische Mr. Fox. Entsprechend gespannt bin ich auf das Budapest Hotel, das vordergründig eine abenteuerliche Schnitzeljagd ist, aber vor allem ein raffiniertes Zeitporträt, das zwischen den beiden Weltkriegen spielt.

Und es ist auch ein literarisch-inspirierter Film. Nicht nur, weil im Mittelpunkt Concierge Gustave (Ralph Fiennes) steht, ein penibler Poet, der aus der Zeit gefallen scheint und seinen den Gästen jeden Wunsch von den Lippen abliest. Sondern auch, weil Stefan Zweigs literarische Welten für Anderson eine zentrale Rolle gespielt haben. „Ich wollte einen Film machen, der die Atmosphäre seiner Bücher hat und ein ähnliches Setting“. weiterlesen


01. Februar 2014

DER KURIOSESTE BUCHTITEL DES JAHRES

Sicher ist Ihnen auch schon aufgefallen, dass die deutschen Buchtitel in den letzten Jahren um einiges ungewöhnlicher geworden sind. Natürlich geht es um Werbewirksamkeit, aber ich finde, es ist auch ein positives Zeichen sprachspielerischer Lockerheit.

Die Mayersche Buchhandlung greift diesen Trend jetzt (ebenfalls werbewirksam!) auf und lässt ihre Lese-Community „Was liest du?“ zusammen mit einer Fachjury über den „Ungewöhnlichsten Buchtitel des Jahres 2013“ abstimmen, der dann auf der Leipziger Buchmesse prämiert werden wird.

So ganz neu ist das allerdings nicht. Seit 2008 hat das Börsenblatt für den Deutschen Buchhandel zusammen mit der Redaktion von Schotts Sammelsurium die Auszeichnung „Kuriosester Buchtitel des Jahres“ vergeben, der wiederum auf der Frankfurter Buchmesse verliehen wurde. 2008 war beispielsweise Richard David Prechts Bestseller-Titel „Wer bin ich – und wenn ja, wie viele?“ nominiert. (Gewonnen dann allerdings „Begegnungen mit dem Serienmörder. Jetzt sprechen die Opfer“ von Stephan Harbort)

Direkt brav im Vergleich zu den ausgezeichneten Titeln von „Oddest Title of the Year“. weiterlesen


26. Januar 2014

KENNEN SIE UMESWARAN ARUNAGIRINATHAN?

Gestern habe ich ein kleines tamilisch- srilankesisches Lokal entdeckt, das mir so gut gefallen hat, dass ich heute gleich nochmal dort war: zum veganen Brunch.

Und während ich meine geliebten Idli esse, wird mir bewusst, dass ich keine einzigen tamilischen AutorInnen kenne!

Also habe ich gerade recherchiert und gelesen, dass die klassische tamilische Literatur rund 2000 Jahre alt ist und von verschiedenen religiösen Strömungen, vor allem muslimische und christliche, geprägt ist – und zwar bis heute.

O.k., aber welche zeitgenössischen AutorInnen gibt es? Ich lande schließlich beim Sri Lanka Verein Hamburg e.V. Auf deren Liste von AutorInnen taucht immer wieder der Name Umeswaran Arunagirinathan auf. Ich will wissen, wie viele seiner Bücher in deutscher Übersetzung wohl im Bestand Berliner Bibliotheken zu finden sind. (Was denken Sie?)

Tatsächlich ist er mit seinem Roman „Allein auf der Flucht : wie ein tamilischer Junge nach Deutschland kam“ in drei Bibliotheken verzeichnet und in der Systematik gelistet unter den Schlagworten „Migrantenpolitik“ und „Flüchtlingspolitik“. weiterlesen


19. Januar 2014

MEIN HERZ GEHÖRT DEM KOPF

Am Ende meiner ersten Arbeitswoche im neuen Jahr hier also der erste Blog-Eintrag, der für mich immer auch etwas Besonderes ist. Entsprechend habe ich mir im Laufe dieser Woche alle möglichen Blog-Themen auf (virtuelle und reale) Zettel notiert: die erstaunliche Buch-Menschenketten-Aktion anlässlich der Eröffnung der neuen Bibliothek der Kulturhauptstadt Riga beispielsweise.

Entschieden habe ich mich letztlich für einen Autor, zu welchem in den letzten Tagen viele Fäden geführt haben, nicht zuletzt der Erwerb eines seiner Bücher für 1,00 Euro im Flohmarkt meiner Stadtteilbibliothek – eine schöne alte Lizenzausgabe für die DDR, die damals 2,50 M gekostet hat.

Ein Autor, ebenso berühmt wie ungelesen, und nicht nur dadurch mit Joyce, einem meiner Lieblingsautoren, eng verbunden.

Ein Autor, der gestern 100 Jahre alt geworden wäre und dessen berühmtestes Werk einen Titel hat, der in schmunzelnder Verbindung mit meinen oben erwähnten Zetteln steht: Zettel‘s Traum. weiterlesen


2013

 

 


15. Dezember 2013

WIR MEINEN NICHT WIRKLICH, DASS DAS, WAS WIR ERZÄHLEN WERDEN AUCH WAHR IST

Diese Woche war unter anderem geprägt durch die Trauer um Nelson Mandela. Vor drei Tagen habe ich mir eine private Bibliothek näher angesehen und dabei ein Buch entdeckt, das ich noch nicht kannte: Nelson Mandela – Meine afrikanischen Lieblingsmärchen.

Dieses Buch, erschienen im C.H. Beck Verlag, versammelt aus verschiedenen afrikanischen Ländern Märchen, die – ob man das nun glaubt oder auch nicht – von Mandela besonders geschätzt wurden.

Im Vorwort schreibt er über die Geschichtenerzähler der Ashanti, die ihre Erzählungen immer mit den Worten beginnen: „Wir meinen nicht wirklich… wir meinen nicht wirklich… dass das, was wir jetzt erzählen werden, auch wahr ist.“ Denn die Geschichten, die erzählt werden, erfahren im Laufe der Jahrhunderte naturgemäß zahlreiche Wandlungen. Sie werden ausgeschmückt und erweitert.

„Eine Geschichte ist eine Geschichte, und deshalb kann man sie so erzählen, weiterlesen


08. Dezember 2013

DAS BESTE BUCH ÜBER MÄNNER

Mit meinem Physiotherapeuten komme ich oft ins Gespräch. Er ist literarisch sehr interessiert und fragt manchmal nach meinen Workshops. Vor drei Tagen erzähle ich ihm von meinem Kurzseminar zum Thema „Schreiben Männer anders?“, das morgen stattfinden wird.

Mich beschäftigen die schreib-bezogenen geschlechtsspezifischen Unterschiede bereits seit rund 30 Jahren. Damals habe ich als Buchhändlerin hautnah erfahren, wie Leseverhalten, Bestseller-Listen etc. das Schreibverhalten beeinflussen. Damals: als Buchregale mit der Aufschrift „Frauenliteratur“ selbstverständlich waren.

Das, was man darunter versteht, hat sich in den letzten Jahrzehnten drastisch verändert. Aber was ist mit Männerliteratur? Und welche Auswirkung hat all das auf männliches Schreiben?

Ich habe dazu im Laufe der Jahre einige Thesen entwickelt und werde diese morgen mit den – ausschließlich männlichen – Teilnehmern des Seminars diskutieren. Darauf freue ich mich!

Aber zurück zu meinem Physiotherapeuten. Er erzählt mir, weiterlesen


01. Dezember 2013

EIN HUHN NAMENS ANGELA MERKEL

O.k., heute also zu Jonas Jonasson und seinen beiden mehr oder weniger identischen Büchern. Nicht nur in Bezug auf äußere Aspekte wie Titel und Cover, sondern auch, was die Grundidee betrifft: Eine sympathische Hauptfigur ändert die Weltgeschichte, ohne es zu wollen. Erzählt in einem Plauderton mit gesellschaftskritischen Einsprengseln.

Wer nach dieser auffallenden Parallelität fragt, bekommt die diplomatische Antwort: Na, weil es derselbe Autor sei!

Ein Autor, der nach einem Burn-out mit 47 Jahren beschlossen hat, ein anderes Leben zu leben. Als Beruf habe er „Bestsellerautor“ gewählt. Von 9 Uhr morgens bis 3 Uhr nachmittags sitze er in seinem Schreibhäuschen im Garten und kümmere sich den Rest des Tages um seinen Sohn.

Ich bewundere diese Konsequenz durchaus und dennoch ist es auffällig, wie er diese biografischen Infos im selben Plauderton erzählt. Authentisch oder ebenfalls Marketingstrategie? weiterlesen


24. November 2013

SCHLECHTE EINFÄLLE SIND WIE PRÜGELKNABEN

Eigentlich wollte ich über Jonas Jonassons neues Buch „Die Analphabetin, die rechnen konnte“ schreiben, das mir seit Tagen auf allen möglichen Großplakaten entgegen leuchtet und dessen nahezu identische Aufmachung wie Jonassons erster Roman über den Hundertjährigen, der aus dem Fenster stieg, das dahinter stehende Marketing mehr als entlarvt, ABER:

Ein Satz, den ich vorhin im Film „Unter der Sonne der Toskana“ gehört habe, hat sich vor die Analphabetin gedrängt.

Da dankt ein Jungautor seiner ehemaligen Lehrerin, der Autorin Francis (Diane Lane) und sagt: „Sie hat mir beigebracht, dass schlechte Einfälle wie Prügelknaben auf dem Schulhof sind: mit genügend Liebe und Arbeit kann noch was Erstaunliches aus ihnen werden.“

Schlechte Einfälle wie Prügelknaben?

Zuerst kam mir der Vergleich unpassend vor. Aber dann dachte ich: doch nicht so schlecht. Denn Prügelknaben werden ungerechtfertigterweise bestraft. weiterlesen


17. November 2013

EACH THEIR OWN WILDERNESS

Doris Lessing ist heute gestorben.

In meiner Buchclub-Reihe ’Literaturnobelpreisträgerinnen’ an der Freien Universität stand sie ein Semester lang im Mittelpunkt. Seitdem gehört ihr Goldenes Notizbuch für mich zu einem der faszinierendsten autobiografischen Romane, die ich kenne.

In der Jurybegründung zum Nobelpreis, den sie 2007 erhielt, als Niemand mehr damit gerechnet hat – auch sie selbst nicht – wurde sie gewürdigt als „Epikerin weiblicher Erfahrung, die sich mit Skepsis, Leidenschaft und visionärer Kraft eine zersplitterte Zivilisation zur Prüfung vorgenommen hat.“

Ihr Goldenes Notizbuch gilt – nicht zuletzt in diesem Sinn – als Bibel alias Kultbuch der Frauenbewegung, auch wenn Lessing sich selbst nie als Feministin betrachtet hat.

Ich gestehe, dass ich das immer bedauert habe, auch wenn ich ihre Beweggründe verstehe, allen voran die Weigerung, sich von irgendeiner „Bewegung“ vereinnahmen zu lassen, denn dies bedeutet immer auch eine Eingrenzung und Domestizierung. weiterlesen


10. November 2013

SHITSTORM

Die Schweiz hat nun ihr Wort des Jahres 2012 (!) gewählt: shitstorm.

Ja, es handelt sich dabei tatsächlich um das Wort und nicht das Un-Wort des Jahres (die Ehre des Unwortes erhält das Wort: Bio.)

Shitstorm ist Ehrung gewohnt. So war dieses Wort unter anderem Anglizismus des Jahres 2011, die Gesellschaft für deutsche Sprache, die sich naturgemäß grundsätzlich gegen jede Art von Anglizismus wehrt, wählte Netzhetze auf den sechsten Platz des Wort des Jahres 2012 und in diesem Jahr ist dieses Wort nun auch geadelt, seit es im neuen Duden aufgenommen wurde und nun als „Sturm der Entrüstung in einem Kommunikationsmedium des Internets, der zum Teil mit beleidigenden Äußerungen einhergeht“ definiert wird.

Das Wort selbst hat literarische Wurzeln. Zum ersten Mal hat es Norman Mailer 1948 in seinem Roman Die Nackten und die Toten benutzt. weiterlesen


03. November 2013

DIE DEUTSCHE MEISTERSCHAFT IM GEDICHTE REZITIEREN

Komme gerade von der Wahl zum Volksentscheid über die Rekommunalisierung der Berliner Energieversorgung. Mein Wahllokal war eine Kita neben der Kurt-Tucholsky-Grundschule.

Da musste ich gleich an gestern Abend denken. Auf der Suche nach einem schönen Samstag-Abend-Film zappe ich durch die Programme und will auch bei ARD sofort weiterschalten, denn die von Kai Pflaume moderierte Deutsche Meisterschaft skurriler Disziplinen interessiert mich nicht. Aber dann bleibe ich doch dran, denn: gerade in diesen Minuten wird die „Deutsche Meisterschaft im Gedichte rezitieren“ ausgetragen.

Eine Frau und ein Mann treten im direkten Wettstreit gegeneinander an. Das Procedere ist folgendermaßen: Ben Becker liest ihnen jeweils eine einzige Zeile mitten aus einem deutschen Gedicht vor und es müssen die jeweils folgenden drei Zeilen absolut korrekt rezitiert werden. Dies muss ihnen dreimal gelingen.

Ich habe wohl zu spät eingeschaltet, um zu erfahren, weiterlesen


25. Oktober 2013

WÄREN SIE GERN UNSTERBLICH?

Diese Woche war für mich stark geprägt von der Hessischen Schülerakademie Burg Fürsteneck. Hier haben 60 SchülerInnen der Mittelstufe in ihren Herbstferien zehn Tage lang gemeinsam gelebt und gelernt. Beispielsweise in einer meiner zwei Philosophie- und Schreibwerkstätten zum Thema „Identität“.

Unter anderem haben die Jugendlichen ihre ganz persönlichen Top 10 formuliert: zehn Fragen, die ihnen momentan am wichtigsten sind. Natürlich gab es große Unterschiede bei diesen Fragen. Aber dennoch auch erstaunlich oft ähnliche oder sogar dieselben Fragen. Besonders häufig waren beispielsweise Varianten von „Wären Sie gern unsterblich?“, „Hat alles einen Sinn?“, „Gibt es außerirdisches Leben?“ oder „Gibt es ein perfektes Leben?“

Nach Abschluss der Akademie saß ich auf meinem Rückweg im ICE zwischen Fulda und Mannheim und war nachhaltig berührt von all diesen Sehnsüchten, Unsicherheiten und Träumen der Jugendlichen, die – direkt oder indirekt – zum Ausdruck kamen. weiterlesen


20. Oktober 2013

KAMISHIBAI

In dieser Woche habe ich für die Stadtbibliothek Brilon zwei Einführungs-Workshops für ehrenamtliche VorleserInnen geleitet. Diese sehr engagierte Stadtbibliothek hat seit 2011 einen ihrer Arbeitsschwerpunkte im Bereich Medienerziehung und unter anderen aus diesem Grund auch ein ausleihbares Kamishibai.

Ein Kamishibai (kami = Papier, shibai = Theater) ist eine Art aufklappbarer Bilderschaukasten und ist als Form des öffentlichen Theaters zu Beginn des 20. Jahrhunderts in Japan entstanden. Die Vorführer des Kamishibai, die als Süßwarenverkäufer mit dem Fahrrad von Dorf zu Dorf fuhren, erzählten mit kurzen kindgerechten Texten zu wechselnden Bildern, die in diesen bühnenähnlichen Holzrahmen geschoben wurden. Die Vorstellungen selbst waren kostenlos und dienten im Grunde lediglich dazu, den Verkauf der Süßigkeiten anzukurbeln.

In Deutschland erst seit wenigen Jahren bekannt, wird dieses japanische Bildtheater im Leseförderungs-und Spracherwerbs-Kontext als Erzähl-, Vorlese- und Spielmöglichkeit eingesetzt. Meist handelt es sich dabei um Märchenkarten. weiterlesen


11. Oktober 2013

SENSATION: SHORT STORIES ALS LITERATUR ANERKANNT

Noch nie habe ich mich über die Bekanntgabe des Literaturnobelpreises so gefreut wie gestern: Alice Munro hat ihn bekommen. ENDLICH!

Um ehrlich zu sein, ich hätte es nicht geglaubt. Denn wer so oft als Anwärterin gehandelt wird, erhält ihn meist nie.

Unabhängig davon, dass ich eine große Bewunderin ihrer short stories bin, finde ich es einfach großartig, dass mit diesem Preis auch die Gattung der Kurzgeschichte geehrt wird, denn es gibt nach wie vor Menschen, die RomanautorInnen per se mehr wertschätzen als AutorInnen von Kurzgeschichten und die der Ansicht sind, wahre Meisterschaft zeige sich erst in der so genannten „großen Form“.

Kurzgeschichten, die im Fall von Munro übrigens oftmals auch als Novellen oder Erzählungen bezeichnet werden. Short Fiction ist der aktuellste Begriff dafür. Aber was sind schon Begriffe, Bezeichnungen und Namen? Schall und Rauch! weiterlesen


05. Oktober 2013

„LITERATUR MIT ’H’, ODER?“

Heute beginnt meine dreiwöchige Arbeits-Reise durch Deutschland. Erste Station: die wunderbare neue Stuttgarter Bibliothek. Dort werde ich mehrere Workshops für ehrenamtliche VorleserInnen leiten und dabei wird es nicht nur ums reine Vorlesen, sondern um Literacy insgesamt gehen, also die ganzheitliche Verbindung von Vorlesen, Erzählen, Spielen, Bewegung etc. Und natürlich ist damit auch die Förderung des Lesens und Schreibens eng verbunden.

All das flirrte in meinem Kopf, als ich am Berliner Hauptbahnhof am DB Schalter eine neue BahnCard kaufe und in diesem Zusammenhang meine gespeicherten Daten auf Aktualität überprüft wurden. Tatsächlich war noch meine uralte Mailadresse im System. Ich werde nach der aktuellen gefragt und sage das Übliche: „stoff@literaturschneiderei.de… Stoff wie Stoff…. und dann Literatur und Schneiderei als EIN Wort.“

Die Frau am Schalter notiert parallel die Adresse zunächst mit einem Stift auf eine Schreibunterlage vor sich. weiterlesen


30. September 2013

EGOZENTRISCHER GRÖßENWAHN

Tja, Reich-Ranickis Tod… Die Nachrufe allesamt positiv und allesamt mehr oder weniger Varianten dessen, was Frank Schirrmacher von der FAZ, der ihm auch persönlich sehr verbunden war, bewundernd sagt: „Er war ein großer Mann.“

All diese Nachrufe auf diesen großen Mann, diesen Literatur-Papst sind nachvollziehbar. Dennoch: sie verursachen in mir ein ungutes Gefühl. Denn etwas meiner Ansicht nach Wesentliches bleibt ungesagt. Eine sehr bestimmende und wirkungsvolle Seite an ihm: seine gnaden- und kompromisslos verletzende Seite.

Unzählige Male und auf unterschiedlichste Weise hat er unter anderem seine Gesprächspartner verletzt, beispielsweise indem er seine Sachargumente mit der menschlichen Ebene verknüpft hat. Schmerzhaft in Erinnerung beispielsweise die Folge des Literarischen Quartetts, in der er seine Kollegin Sigrid Löffler – alles andere als eine leicht verletzbare und zart besaitete Person – durch diese seine Art zum Weinen brachte. Für sie war eine Grenze überschritten. weiterlesen


21. September 2013

ES WIRD SICH SOWIESO NICHTS ÄNDERN

Eigentlich wollte ich etwas zum Tod von Marcel Reich-Ranicki schreiben. Aber die morgige Bundestagswahl hat auch das Thema dieses Blog-Eintrags beeinflusst. Genauer gesagt: Renate Künast, die heute um 12:15 Uhr am Breslauer Platz in ihrem Wahlkreis Tempelhof-Schöneberg plötzlich vor mir stand und mir eine kräftig-stämmige Sonnenblume mit den Worten in die Hand drückte „Sie haben doch noch Platz?“ Ja, ich hatte noch Platz.

Die Sonnenblume steht neben mir, während ich dies schreibe und mir kommen Parallelen in den Sinn: Ähnliche Argumentationen von Menschen, die die Wahl verweigern (obwohl sie im Grunde gerne wählen würden) und Menschen, die das Schreiben verweigern (obwohl sie im Grunde gerne schreiben würden).

„Es gibt keine perfekte Partei, warum also soll ich wählen? Und es gibt auch keinen perfekten Text, warum also soll ich schreiben?“

„Letztlich sind alle Parteien sowieso ziemlich gleich. weiterlesen


14. September 2013

EIN BUCH IN DEM MAN BLÜTENBLÄTTERN KANN

Auf meinen letzten Blogeintrag hin habe ich mehrere interessante Gedanken gemailt bekommen. Diese möchte ich Ihnen nicht vorenthalten: „Das Haptische auf einen Fingerwisch oder Fingertitsch zu reduzieren – was für ein trauriges Unterfangen! Aber sicher gibt es auch da die berühmten 2 Seiten der Medaille.“

„Für mich ist ein Buch multisinnlich: in der Auslage sehen, es im Geschäft zur Hand nehmen, daran riechen, das Inhaltsverzeichnis anschauen, im Blättern, blättern, innehalten, Seiten umblättern…Es wird Zeiten geben, in denen Menschen DIESE Erfahrungen nicht mehr machen werden.“

„Ich habe die Nutzer- oder Userbrille auf. Deshalb sage ich, dass auch ein Kindle ein Buch ist, denn ich kann drin lesen. Eine E-Zigarette ist auch eine Zigarette und ein e-Mobil ist auch ein Auto. Also bleibt ein E-Book auch ein Buch. (…) Ein e-Book ist ein Buch ist ein e-Book ist ein Buch ist ein E-Book ist ein Kindle ist ein Buch ist ein e-Book ist ein Buch…“

Und weil Sie jetzt mit großer Wahrscheinlich an Gertrude Stein denken, weiterlesen


06. September 2013

WARUM WIR DAS HAPTISCHE ZEITALTER EINLÄUTEN SOLLTEN

Ich weiß: Beispiele für das Verschwinden des Buches in Zeiten von e-book readern etc. gibt es wie Sand am Meer. Aber heute früh musste ich mir tatsächlich die Augen reiben, als ein besonders repräsentatives Sandkorn plötzlich und unvermutet meine Augen gereizt hat:

Im ZDF Morgenmagazin war ein Bericht über die IFA Anlass, einen Interviewausschnitt mit der Sängerin Katie Melua einzuspielen, die sich gerade auf dem Vodafone Stand präsentiert hat. Melua, knapp 30 Jahre alt, erzählt, dass sie bei allem Stress, dem sie ausgesetzt ist, auch immer wieder Ruhe brauche. Natürlich habe sie „einen i pod und ein kindle“ und da könne es leicht passieren, dass man vergisst „wie sich ein echtes Buch anfühlt.“ Deshalb gehe sie ab und zu in eine Bibliothek, um mal wieder ein Buch in die Hand zu nehmen.

Wie gesagt: weder Einzelfall, weiterlesen


30. August 2013

I HAVE A DREAM

Vor zwei Tagen hat sich Martin Luther Kings berühmte „I have a dream…“-Rede zum 50sten Mal gejährt. Die Rede ist mir vertraut. Neu war mir allerdings, dass King die Worte „I have a dream“ ursprünglich gar nicht verwenden wollte. Seine Berater hatten ihm davon abgeraten, denn er hatte bereits in vielen Reden davor diese Formulierung gebraucht.

Tatsächlich war es die Sängerin Mahalia Jackson, die sich in diesen Minuten direkt hinter ihm befand und ihn aufforderte, seinen Traum zu erzählen.

Was lernen wir daraus?

Hinter jedem erfolgreichen Mann steht eine starke Frau. Ja, vielleicht. Aber auch das: manchmal ist es gut, sich nicht vor Wiederholungen zu scheuen. Zumindest nicht, wenn es um die eigenen Träume geht…


23. August 2013

EIN ROMAN ALS LIEBESBRIEF

Gestern habe ich mit einem Klienten eine der zentralen Fragen diskutiert, die bei der schreibstrategischen Planung eines Romans auftauchen: muss ich bereits zu Beginn meines Schreibens genau wissen, wie der Roman enden wird?

„Um einen Liebesbrief zu schreiben, musst du anfangen, ohne zu wissen, was du sagen willst, und endigen, ohne zu wissen, was du gesagt hast.“ Dieses Zitat stammt von Rousseau und wurde gestern im 3sat Kulturzeit-Beitrag über Per Olov Enquists neuen autobiografischen Roman „Das Buch der Gleichnisse“ erwähnt. In diesem Roman erfüllt ein Mann den Wunsch seiner Geliebten, ihr nach (!) ihrem Tod einen Liebesbrief zu schreiben. Aus diesem Liebesbrief entsteht ein Roman und diesen halten wir in der Hand, wenn wir Enquists Buch lesen.

Natürlich ist es ein Unterschied, werden Sie sagen, ob man einen Liebesbrief schreibt oder einen Roman. Und natürlich sollte man wissen, weiterlesen


16. August 2013

ALLES IST ERLEUCHTET

Gestern hat mich die überdimensionale Apple-Werbung an einer Hotelfassade hinter dem Berliner Hauptbahnhof überrascht. Zu sehen ist ein iPad, eine Schreibmaschine und ein Buch: „Alles ist erleuchtet“ von Jonathan Safran Foer. Eine humorvolle wortspielerische Anspielung auf die erleuchtungs- und erfindungsreiche Historie von Apple?!

Das Erstaunliche: Foers großartiger Bestseller ist bereits rund 10 Jahre alt. Aber er passt einfach gut, nicht zuletzt deshalb, weil der Autor einen zweiten Erzähler erfindet, der ein lustig-falsches Englisch spricht und zum Beispiel den Ausdruck „wahrheitlich“ gerne im Munde führt. Schöner als mit „wahrheitlich“ könne man die Ambition des Romans, Erfindung und Erinnerung in eins zu bilden, kaum ausdrücken, meinte Hubert Winkels von der ZEIT damals. Und auch diese Kombination – Erfindung und Erinnerung – passt zu Apple. Ganz schön raffiniert!

Noch raffinierter wurde es, als ich am selben Abend noch einmal am Bahnhof bin. weiterlesen


10. August 2013

LIFE BEGINS AT THE END OF YOUR COMFORT ZONE

Letzten Donnerstag Abend: Ich zappe spätabends durch die TV-Programme und bleibe bei Beckmann hängen, als er einen neuen Talkgast mit der Frage ankündigt: „Woran denken Sie bei Freewriting?“ Ich traue meinen Ohren nicht. Ein Gast in einer Late Night Talkshow, der sich auf Freewriting spezialisiert hat? Ist ja großartig!

Nun, Sie ahnen sicher, wie es weiter ging. Einer der Gäste sagt „Schnee“, ein anderer „Snowboard“ und Beckmann sagt „Richtig, und Off-Pisten-Skifahren. Und ich freue mich, Ihnen eine Freeriding-Spezialistin vorzustellen. Eine der besten der Welt.“

O.k., soweit zum Aspekt: Man hört nur was man kennt!

Lorraine Huber fasziniert mich trotzdem und während des Interviews ziehe ich automatisch Vergleiche zwischen Freeriding und Freewriting. Die jeweilige Vorgehensweise ist absolut gegenteilig. Strategielos und spontan das eine, strategisch und im Detail vorab überlegt das andere. Auf Lorraine Hubers Website finde ich dann ihr Motto: Life begins at the end of your comfort zone. weiterlesen


04. August 2013

BEACH LIBRARIES

Nach meiner freien Sommerzeit springe ich heute zurück in meinen Blog und freue mich, mit Ihnen wieder in Kontakt zu sein.

Falls Ihr Sommer-Urlaub ebenfalls schon vorbei ist, fragen Sie sich vielleicht wie ich, welche inneren Bilder das Urlaubsgefühl in uns bewahren können. Eine individuelle visuelle Trutzburg sozusagen – gegen den Bildersturm aus der Arbeits-Außenwelt.

Mein Vorschlag: Bilder von beach libraries. Am Strand im Sand aufgestellte Regale, in denen eine Menge Bücher zum Ausleihen für die klassische Strandlektüre vorhanden sind.

Durch Zufall bin ich auf die Strandbibliothek von Albena Resort in Bulgarien gestoßen, die es bereits seit drei Jahren gibt. Hier kann man kostenlos tausende Bücher in allen möglichen europäischen Sprachen ausleihen.

Dann gibt es die Brighton Beach Library, eine Bibliothek in Brooklyn sowie die niederländische Strandbibliotheek in IJmuiden, eine saisonale Ablegerin der dortigen Velsen Library. weiterlesen


30. Juni 2013

RILKE ALS TATTOO

In dieser Woche ist ein Tattoo – ja, ein Tattoo! – immer wieder durch die unterschiedlichsten Medien gegeistert: ein Tattoo von Lady Gaga, bekannt nicht nur für ihre Musik und ihre Aufsehen erregenden Aktionen, sondern auch für ihren intellektuellen Hintergrund.

Das Tattoo – riesengroß auf ihrem linken Unterarm – ist ein Rilke-Zitat. Es begleitet mich sowohl in meiner Arbeit als Schreibcoach als auch in meinem eigenen Schreiben schon seit langem und lautet folgendermaßen:

“Prüfen Sie, ob er in der tiefsten Stelle Ihres Herzens seine Wurzeln ausstreckt, gestehen Sie sich ein, ob Sie sterben müßten, wenn es Ihnen versagt würde zu schreiben. Dieses vor allem: Fragen Sie sich in der stillsten Stunde Ihrer Nacht: Muss ich schreiben?“

Diese Zeilen stammen aus dem ersten von insgesamt zehn Briefen an einen jungen Dichter, die Rilke in den Jahren 1903 bis 08 als Antwort an Franz Xaver Kappus verfasst hat, weiterlesen


23. Juni 2013

DEM GEISTESMENSCHEN IST DAS SO GENANNTE NICHTSTUN JA GAR NICHT MÖGLICH

Gestern. Samstag Abend. Fernsehabend.

Beim Fernsehprogrammheft-Blättern springt mir ein Film mit Namen „Die Auslöschung“ ins Auge. Eine mir unbekannte Verfilmung von Thomas Bernhards zentralem Roman „Auslöschung“? Nein, der neue Film mit Gedeck und Brandauer, in welchem dieser einen Kunsthistoriker spielt, der an Alzheimer erkrankt.

Ich sehe mir den Film trotzdem an und mache dann mit einer echten Literaturverfilmung weiter: Der talentierte Mr. Ripley von Patricia Highsmith. Die ersten drei Sätze des Films – gesprochen von der Hauptfigur aus dem Off – lauten: “Könnte ich doch nochmal von vorne anfangen. Könnte ich doch alles auslöschen. Einschließlich mich selbst.“

Heute. Sonntag Vormittag. Traditionell der Nichtstun-Tag der Woche. Eigentlich. Kirchenglocken draußen.

Gestern Nacht war ich zu müde, aber heute suche ich Bernhards Auslöschung aus meinen Bücherstapeln und erinnere mich an die Zeit, in der ich monatelang nichts anderes als die Bücher dieses Autors gelesen habe. weiterlesen


16.06.2013

AHBEZEH DEÄFFGEH IJOTTKAH ELMNOPEH KUHEREST UFF AU WEH!

Heute ist für mich ein besonderer Tag: Bloomsday!

Der Tag, an dem der Jahrhundertroman Ulysses spielt und der an vielen Orten auf der Welt gefeiert wird. Dieses Buch begleitet mich seit mehr als einem halben Jahr täglich und es ist mir mittlerweile sehr ans Herz gewachsen.

Ich weiß: für viele Menschen scheint der Ulysses unverständlich und ohne jedwede Verbindung zu ihrem eigenen Leben. Für mich hingegen entfaltet dieses Buch immer wieder aufs Neue seine Magie. Beispielsweise dann, wenn gerade Gelesenes sich in meinem konkreten Alltag spiegelt:

Wenn wir in meinem Ulysses Buchclub gerade über das „tote Vögelchen in der Küchenstreichholzschachtel“ sprechen und ich wenige Minuten später auf dem Weg zur U-Bahn einen toten überfahrenen Spatz auf der Straße sehe.

Oder gestern, als ich auf dem Weg nach Finkenkrug über (Achtung: die folgenden Worte könnten mögliche Vorurteile gegenüber diesem vermeintlich schwierig zu lesenden Buch bestätigen) „jenes wundersam Tier das Einhürne“ lese, weiterlesen


09. Juni 2013

WASSER, ZITTERE FÜR MICH

Eine meiner KlientInnen arbeitet gerade an literarischen Miniaturen. In diesem Zusammenhang bin ich auf Peter Handkes so genanntes „Selbstporträt aus unwillkürlichem Selbstgesprächen“ aus dem Jahr 2006 gestoßen. Kleine Aphorismen, Einzelsätze, Ein-Satz-Miniaturen. Zusammen gelesen und gedacht ergeben sie eine Art Porträt des Denkers.

Heute sah ich eine junge barfüßige Nachbarin auf ihrer Terrasse. In ihrer rechten Hand hielt sie einen Gartenschlauch mit Sprühkopf und goss in aller Seelenruhe ihre vielen großen Kübelpflanzen, während sie in der linken Hand ein Buch hielt, in dem sie gleichzeitig las. Völlig entspannt bewegte sie den Schlauch hin und her und sanft und synchron dazu ihren gesamten Körper.

Ich beobachtete sie fasziniert und es kam mir so vor, als wäre sie das lebendig gewordene Porträt eines Menschen, von dem in den Handke-Aphorismen die Rede ist.

„Alles kann Tanz sein“, schreibt er. weiterlesen


02. Juni 2013

BIBLIOTHÈQUE HUILE ET VINAIGRE

In dieser Woche bin ich auf zwei Bibliotheken gestoßen, die gar keine sind.

Die erste befindet sich in der Lebensmittelabteilung der Galeries Lafayette. Dort sind Öle und Essig wunderschön um eine dicke Säule herum positioniert. Und auf dieser Säule steht Bibliothèque Huile et Vinaigre. Ich war wirklich verblüfft und habe mich gefragt, ob dies im Französischen eine ganz selbstverständliche Bezeichnung ist oder ob sich das die Galeries Lafayette ausgedacht haben. Eine Angestellte, die ich befragt habe, hat nur – etwas peinlich berührt – mit den Schultern gezuckt. Aber so wie es scheint, ist es eine Lafayette-Erfindung. Im Wörterbuch und im Netz ist diese Bezeichnung jedenfalls nicht zu finden.

Und auf die zweite Bibliothek bin ich durch Zufall gestoßen: die Firma Fruhauf aus Kansas, Herstellerin von Marching Band Uniforms, hat auf ihrer Website eine so genannte Sketch Library, weiterlesen


25. Mai 2013

DIE CHAMPIONSLEAGUE DER DEUTSCHSPRACHIGEN LITERATUR

In genau einer Stunde beginnt das Champions League Finale in London. Borussia Dortmund gegen Bayern München. Und während im Nebenraum Vorberichte über den Bildschirm flimmern, frage ich mich, was man unter einer literarischen Champions-League verstehen könnte. Vielleicht einen Londoner Poetry-Slam, bei dem zum ersten Mal zwei deutsche AutorInnen in der Endrunde gegeneinander antreten und vom Publikum angefeuert werden?

Ich bin neugierig und recherchiere, in welchem Zusammenhang beide Begriffe schon einmal aufgetaucht sind. Ich finde im Grunde lediglich zwei Hinweise:

2010 wurde dem 10ten Kölner Internationalen Literaturfest bescheinigt, dass es mit seinem Etat von 1,2 Millionen Euro mittlerweile „auf literarischem Champions-League-Niveau angekommen“ sei.

Und der 30ste Ingeborg Bachmann Wettbewerb im Jahr 2006, der sich mittlerweile als „Champions League der deutschsprachigen Literatur etabliert“ habe.

Hm, so richtig spannend ist das nicht. Aber als ich mir die Definition im Duden genau ansehe, weiterlesen


19. Mai 2013

IN FREMDEN ZUNGEN SPRECHEN

Heute ist Pfingstsonntag. Der Tag, an dem die Apostel erlebten, wie „ein Brausen vom Himmel“ geschah „wie von einem gewaltigen Wind und erfüllte das ganze Haus, in dem sie saßen. Und es erschienen ihnen Zungen zerteilt, wie von Feuer (…) und sie wurden alle erfüllt von dem heiligen Geist und fingen an, zu predigen in andern Sprachen.“

Natürlich ist das bildlich gesprochen. Bilder voller Kraft. Wie gute Poesie. Und doch gibt es Menschen, für die es sich bei diesen Bildern nicht um Symbole handelt, sondern die daran glauben, dass dies greifbare Realität war.

Das erinnert mich an einen Film, den ich letzten Sonntag gesehen habe: Bright Star von Jane Campion. Die dreifach Oscar-preisgekrönte Verfilmung der letzten drei Jahre im Leben des romantischen Dichters John Keats erzählt seine (wahre) Liebesgeschichte mit der Schneiderin Fanny Brawne. Auch Keats beschreibt im Film, weiterlesen


12. Mai 2013

„ICH FREUE MICH AUF IHREM BRIEF“

Seit meinem Blogeintrag vom 21. April habe ich immer wieder Anmerkungen zum Thema Dativ und Genitiv erhalten. Heute möchte ich drei davon mit Ihnen teilen.

Eine STORYtravelling-Teilnehmerin outet sich beispielsweise als „Grammatik-Fan“ und dass sie entsprechend auch den Genitiv liebe.

„Der englische Genitiv schleicht sich allmählich wie ein Trojaner in unsere Sprache ein. In einem Bistro in Weissensee stand auf einem Plakat die Ankündigung: Unsere nächsten Event´s. Auch Baguett´s habe ich schon gesehen. Wann werden uns die neuesten Auto`s angeboten?“

Ihr Vater habe sich in ihrer Kindheit große Mühe gegeben, „mich so lange zu verbessern, bis ich auch „trotz des“ und „wegen des“ verinnerlicht hatte.“ Diese Art von Verbesserungen kennen Sie vermutlich ebenfalls.

Ein Sachbuchautor wiederum kennt – wie er schreibt – „als Lateiner sogar sechs Fälle, den Vokativ und den Ablativ, weiterlesen


04. Mai 2013

WELCHES WIRD DAS LETZTE BUCH SEIN, DAS WIR IN UNSEREM LEBEN LESEN?

Vor zwei Tagen war ich Premierengast der Künstlerkooperative Cultura, die jedes Jahr in Hildesheim eine besondere Performance inszeniert. Immer künstlerisch überraschend, innovativ, lustvoll und gesellschaftskritisch gleichzeitig. Die aktuelle so genannte performative Ess-Installation heißt „feedMe“ und dreht sich in locker ineinander gewobenen Szenen um das, was uns nährt.

Lebensmittel, klar, aber auch geistige Nahrung. Dazu passend sind in einer Wandnische rund zweitausend Bücher aufeinander und ineinander gestapelt und Tänzer Gustavo Fijalkow versucht, diese steile Bücherwand – ein herausforderndes Buchmassiv – in einer Art freeclimbing hinaufzuklettern, indem er auf „hervorragende“ Bücher steigt, sich an ihnen festhält und – egal, wie geschickt er sich anstellt – früher oder später scheitern muss, auf den Boden zurückfällt, dabei Bücher mit sich zu Boden reißt, um sofort von Neuem zu beginnen. So ergießt sich auf dem Boden nach und nach ein immer größer werdendes Meer aus Büchern bis vor unsere Füße. weiterlesen


28. April 2013

WELTTAG DES BUCHES

Am Dienstag hatte mein neues Format STORYtravelling Premiere. Für diesen ersten literarischen Überraschungsspaziergang als Inspiration für eigene Geschichten habe ich den 23. April gewählt, den Welttag des Buches, ursprünglich eine katalanische Tradition und der Todestag von Cervantes.

Entsprechend war Don Quijote unser Gefährte. Er ist im Antiquariat Düwal zu uns gestoßen, das eine wunderschöne alte zweibändige Ausgabe des Don Quijote mit alten Stichen besitzt. Und er hat uns begleitet bis zur Vernissage der literarischen interaktiven Klang-Installation „Es war auf einmal Don Quijote de La Mancha“ im Instituto Cervantes.

Diese Installation hat mich beeindruckt: Fünfzig Vorleser haben sich die Lektüre des kompletten Don Quijote aufgeteilt. Die Lesung wurde aufgenommen und so bearbeitet, dass alle Wörter in einem einzigen Moment – innerhalb weniger Sekunden – wiedergegeben werden.

Außerdem ist im dunklen Raum eine schlanke, etwa vier Meter hohe Skulptur aus übereinander gelegten aufgespießten Papierschnipseln sichtbar. weiterlesen


21. April 2013

DER IRRGARTEN DEUTSCHER SPRACHE

Können Sie sich an das Buch „Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod“ von Bastian Sick erinnern? Dieser Titel erschien vor zehn Jahren und avancierte schnell zum Bestseller. Mittlerweile gibt es bereits den fünften Band aus unserem „Irrgarten der deutschen Sprache.“

Gestern schreibt die taz über den „Tod vom Genitiv“ und dass dieser nicht aus seiner Opferrolle herauskomme und es auch nur dem Dativ seine Schuld sei, dass sich der Genitiv rar mache, denn auch der Nominativ – genauer gesagt: die undeklinierte Form des Substantiv – sorge dafür. So!

Und bevor Sie sich fragen, was genau das bedeutet, hier ein paar Beispiele:

  • bei Ländernamen wie dem des Iran oder des Irak
  • beim „Buddenbrookhaus im Zeichen des Exil“ (3sat Videotext)
  • „Die Rückgabe von Non-Food-Artikeln ist gegen Vorlage des Kassenbon innerhalb von 3 Monaten möglich“ (Penny-Märkte)
  • „The Quest – der Fluch des Judaskelch“ und „Der Stich des Skorpion“ (Film-Titel)

Das Genitiv-„s“ fehlt also quer durch alle Medien-Niveaus und auch die taz selbst ist nicht davor gefeit, weiterlesen


14. April 2013

SEMINARCOCKTAIL

Dieses Wochenende war wie ein guter Cocktail: Mein Seminar Achtsames Schreiben an der Akademie Burg Fürsteneck.

Die Zutaten: eine liebevoll restaurierte Burg, ein großzügiger und gut ausgestatteter Seminarraum unterm Dach, mit Holzboden und Rundumblick in die Landschaft, eine wunderbare engagierte Fachbereichsleiterin, interessante Parallelkurse, freundliches Personal und nicht zuletzt gutes Essen.

Aber die entscheidende Hauptzutat: sechs persönlichkeitsstarke TeilnehmerInnen, die unter Beweis gestellt haben, dass Achtsamkeitspraxis keinesfalls ausschließlich etwas ist, das Jemand für sich allein in aller Stille und Zurückgezogenheit praktiziert, sondern gerade im gemeinsamen künstlerischen Tun einen vitalen freudesprühenden Ausdruck erhalten kann. Die Mischung dieser beiden Qualitäten ist mir besonders wichtig.

Und so war dieses Wochenende nicht nur hochkonzentrierte und durchaus anstrengende Arbeit, sondern auch ein überraschend erfrischender Genuss – ein guter Cocktail eben!

 


7. April 2013

WHAT IS THE RELATIONSHIP BETWEEN THE WORLD AND THE ARTIST?

Ich komme gerade von der Yoko Ono Ausstellung in der Frankfurter Schirn, die anlässlich des 80. Geburtstags der Künstlerin eine große Retrospektive zeigt.

Onos vielseitiges, anregendes und engagiertes Werk beeindruckt mich sehr. Als wegweisende Fluxus-Künstlerin war ihr Sprache immer äußerst wichtig (ganz abgesehen davon, dass sie in New York unter anderem Creative Writing studiert hat). Zum Beispiel in ihren Touch Poems oder den vielen Instruction Pieces und Event Scores: in Worten, nicht in Notenschrift festgehaltene Partituren, die zu körperlichen Aktionen auffordern.

Im Zug zurück nach Berlin lese ich im Katalog ihre Rede „What is the Relationship between the World and the Artist?“ die sie 1971 im Rahmen des Film Festivals von Cannes gehalten hat.

Sie spricht darin von der Verunsicherung der damaligen KünstlerInnen, die nicht mehr wissen, „ob sie etwas schaffen, das in diesen Tagen und in diesem Zeitalter, weiterlesen


31. März 2013

DIE ZEIT IST EINE KARAWANSEREI

Heute ist Ostersonntag und außerdem wurden die Uhren heute Nacht um eine Stunde Richtung Sommer vorgestellt. Zwei menschengemachte zeit-bezogene Festlegungen… die auch unsere Wahrnehmung von Zeit durchaus beeinflussen können.

Heute möchte ich Ihnen eine wohltuende Osterzeit wünschen und ein paar Zeilen aus Gottfried Kellers Gedicht „Die Zeit geht nicht…“ mitsenden.

Ein Coachingklient hat mich auf dieses Gedicht aufmerksam gemacht in Verbindung zu meinem Blogeintrag vom 16. März und Bas Böttchers Zeilen zur Zeit, die so wunderbar doppeldeutig „passiert“: die anhaltende Zeit / sie passiert dir / sie passiert dich…

Was also sagt Gottfried Keller?

Die Zeit geht nicht, sie stehet still,

wir ziehen durch sie hin;

Sie ist die Karawanserei,

wir sind die Pilger drin.

Ebenfalls eine interessante Vorstellung: die still stehende Zeit… und lediglich wir Menschen bewegen uns (und sind bewegt!). weiterlesen


24. März 2013

DAS RECHT DER LESER/INNEN NICHT ZU LESEN

Gestern hat Lothar Müller in der Süddeutschen Zeitung Salman Rushdie interviewt, der unter anderem über die „internationale Republik der Autoren“ und über die Freiheit als universalen Wert gesprochen hat.

Rushdie hat sich in seiner vor wenigen Monaten erschienenen Autobiografie Joseph Anton die Freiheit eines neuen Namens gegeben – zusammengesetzt aus den Vornamen zweier seiner literarischer Vorbilder, Joseph Conrad und Anton Tschechow. In Joseph Anton schreibt er beeindruckend von den Jahren der Fatwa. Damals war es seine Aufgabe zu kämpfen, wie er sagt: ums Überleben, um seinen Beruf und um „die Freiheit der Kunst, des Wortes, des Lesens.“

Kein Wunder, dass er – wie Frank Schirrmacher im Dezember bei der Buchvorstellung hier in Berlin formulierte – als eine Art „Freiheitsstatue“ gilt, und dies im Grunde bereits seit Erscheinen seiner Satanischen Verse und der Verhängung der Fatwa im Jahr 1989. weiterlesen


16. März 2013

ERZÄHLERISCHE GERECHTIGKEIT

Komme gerade von der Leipziger Buchmesse zurück. Zweimal war ich dieses Jahr dort, heute als Exkursions-Leiterin gemeinsam mit elf sehr interessierten GasthörerInnen der FU Berlin.

Und wieder ist das passiert, das manchmal passiert, wenn man innerhalb weniger Stunden verschiedene AutorInnen und Veranstaltungsformate aufsaugt: plötzlich scheint es eine Art roten Faden zu geben, der alles auf geheimnisvolle Weise miteinander verbindet.

Mein roter Faden heute: die vergehende Zeit und was diese mit den AutorInnen und deren Figuren und Erinnerungen macht.

Robert Schindel hat am Vormittag begonnen, für mich diesen Faden zu spinnen, als er von seinem neuen Buch Der Kalte erzählt hat. Im Zentrum steht der KZ-Überlebende Edmund Fraul: dem Lager nie entkommen, kann er Gefühle weder spüren noch äußern. Warmherzige Gegenfigur ist seine Frau Rosa und als Schindel gefragt wird, ob er diese Figur besonders liebe, weiterlesen


10. März 2013

DAS IMAGE VON BIBLIOTHEKARINNEN

Gestern lande ich beim TV-Zappen zufällig in der Literaturverfilmung „Wenn wir alle Engel wären“ aus dem Jahr 1956 nach dem Roman von Heinrich Spoerl. Marianne Koch, Dieter Borsche und Gustav Knuth verhandeln das Thema „Ordnung, Sauberkeit und Pflichtbewusstsein“ – so lautet die Lebensdevise des Protagonisten Christian Kempenich.

Raten Sie mal, welcher Beruf diesem Mann mit oben genannten preußischen Tugenden angedichtet wurde…. Bibliothekar!… Stadtbibliothekar eines kleinen Moselstädtchens. Und Sie ahnen schon, dass sowohl er als auch seine Frau moselhaft verführt von Wein, Weib und Gesangslehrer in ihrer Moral herausgefordert werden und sie schließlich erkennen, dass Ordnung, Sauberkeit und Pflichtbewusstsein zwar wichtig sind, aber Menschen auch Fehler machen dürfen – schließlich sind sie keine Engel.

Diese 50er-Jahre Filme faszinieren mich auch deshalb, weil aus dem zeitlichen Abstand heraus die gesellschaftliche Werte, Sehnsüchte etc. so deutlich abzulesen sind.

Das Interessante: vorgestern haben sich zwei Freitag-Talkshows (in)direkt ebenfalls diesem Tugendkomplex gewidmet. weiterlesen


02. März 2013

WAS IST DAS SCHÖNSTE BUCH, DAS SIE KENNEN?

Was ist das schönste Buch, das Sie kennen (und vielleicht sogar besitzen)?

Und mit „schön“ meine ich nicht – aber das haben Sie bereits geahnt – den Inhalt, sondern die ästhetische Präsenz (die natürlich durchaus mit dem Inhalt in enger Verbindung stehen kann). Das Buch als künstlerisches Objekt, als visuelle und vielleicht sogar haptische Besonderheit.

Die Stiftung Buchkunst prämiert seit 1963 jedes Jahr eine Reihe dieser Bücher in Leipzig, die durch herausragende Buchgestaltung und Buchherstellung auffallen. Mittlerweile konkurrieren rund 600 Bücher aus rund 30 Ländern miteinander.

Hauptpreis ist die so genannte Goldene Letter, vergeben für „das schönste Buch der Welt“ und diese Auszeichnung klingt so aufregend wie anmaßend, finde ich. Aber neugierig macht sie allemal.

Ich finde diesen Preis nicht nur spannend, sondern auch wichtig, denn er macht deutlich, dass das Objekt Buch nicht nur Trägermedium für literarische Inhalte ist (um es mal ein bisschen gestelzt auszudrücken), weiterlesen


24. Februar 2013

MUSS DIE KLEINE HEXE MODERNISIERT WERDEN?

In dieser Woche ist Otfried Preußler gestorben. Und es ist erst knapp ein Monat her, seit die Ankündigung seines Verlags, die Kleine Hexe zu „modernisieren“ eine große, zum Teil unerfreuliche Mediendiskussion ausgelöst hat (siehe auch mein Blogeintrag vom 13. Januar).

Es macht mich ein wenig traurig, dass ausgerechnet diese Art der Kontroverse die letzte Publicity war, die Preußler noch kurz vor seinem Tod hat erleben müssen. Ob ihn diese ganze Diskussion gewundert hat? Oder vielleicht im Gegenteil amüsiert? Kalt gelassen? Hat sie ihn verletzt? Und hätte er womöglich seine Zustimmung zu den Änderungen gerne wieder zurückgenommen, nachdem er sich ja jahrelang DAGEGEN ausgesprochen hatte.

Im Wissen, dass er bald sterben würde, wären einige Kommentare vielleicht anders ausgefallen. Vielleicht auch nicht. Dennoch frage ich mich, welcher Autor/welche Autorin womöglich genau HEUTE etwas Negatives, womöglich Verletzendes hören, lesen, weiterlesen


17. Februar 2013

DER VERSPANNTE HIMMEL ÜBER BERLIN

Vor ein paar Tagen habe ich meine Hausmeisterin zufällig im Treppenhaus getroffen. Sie ist eine sehr sympathische, offene und vielseitig interessierte Frau Mitte Fünfzig. Ich weiß nicht, aus welchem Land sie ursprünglich kommt, aber ihr Deutsch ist manchmal etwas schwierig zu verstehen.

Wir unterhalten uns oft über Bücher und dieses Mal erzählt sie mir, dass sie gerade ein ganz besonderes Buch für sich entdeckt hat (…und macht eine Pause…) und sieht mich an.

„Welches denn?“

„Die Bibel!“ Sie strahlt. So viele faszinierende Geschichten sind da drin, sagt sie, und es enthält Antworten auf alle Fragen, die man so hat. Morgens blättere sie oft darin und zur Zeit sei ihre Lieblingsgeschichte „die mit dem verspannten Himmel.“

„Verspannter Himmel?“

„Ja,“ sagt sie und zeichnet mit ihren beiden Armen einen großen Halbkreis über ihrem Kopf. weiterlesen


10. Februar 2013

FRAUENWANDLUNG

So viele Rückmeldungen auf meinen Aufruf im letzten Blogeintrag hin, man möge mir doch um Himmels Willen mal Zitate von Frauen zum Thema Wandlung senden, da ich ausschließlich über männliche Zitate stolpere. Vielen Dank!

Viriginia Woolf und Ingeborg Bachmann wurden mehrfach genannt. Auch Nathalie Sarraute, aus deren „Kindheit“ die Passage stammt: „Stimmt das auch? Hast du wirklich nicht vergessen, wie es darin war? Wie alles darin schwankt, sich verwandelt, sich davonmacht…“

Oder ein Satz von Anais Nin: „Eines Tages kam der Augenblick, an dem das Risiko fest in einer Knospe verschlossen zu sein schmerzhafter war, als das Risiko zu erblühen.“

Und eine Vortragsteilnehmerin hat den Titel einer wissenschaftlichen Arbeit gemailt: Sprachproblematik bei Ingeborg Bachmann unter der Berücksichtigung der Wandlung des Problembewusstseins im gesamten Schreibprozess.

Tja, eine Menge Romane, Geschichten, Gedichte und wissenschaftliche Abhandlungen. weiterlesen


02. Februar 2013

SIND FRAUEN NICHT ZITIERBAR?

Gestern habe ich einen Vortrag zum Thema „Schreibprozesse: Das Prinzip der Wandlung“ gehalten und dafür Zitate von SchriftstellerInnen gesucht, die Interessantes zum Thema „Wandlung“ gesagt haben.

Zunächst irritiert, dann erstaunt und schließlich ärgerlich war ich aufgrund der Tatsache, dass in den klassischen Zitatdatenbanken zwar die üblichen männlichen Zitatpromis wie Goethe, Rilke, Hesse oder Heraklit zu finden sind, aber tatsächlich kein einziges Zitat einer Autorin.

Und das, obwohl „Wandel“ – nicht zuletzt aus biologischen Gründen – ein zentrales weibliches Thema ist und in Romanen von Frauen eine durchaus relevante Rolle spielt. Oder ist genau das der Grund? Eben WEIL es als zu vielschichtig, differenziert und existentiell empfunden wird, um es auf einen einzigen klugen / klug daherkommenden Satz zu reduzieren?

Ich habe gestern das Publikum dazu aufgerufen, mir ein aussagekräftiges Zitat einer relevanten Autorin zum Thema zu mailen, weiterlesen


25. Januar 2013

HAT DER KÖRPER ETWAS IN ROMANEN ZU SUCHEN?

Hat der Körper etwas in Romanen zu suchen?

Und damit meine ich nicht etwa romantisch-erotische Beschreibungen, die den AutorInnen in guter Tradition auf die Seiten fließen, sondern alltägliche Verrichtungen und schambesetzte Bereiche, die erst die Moderne Literatur zwischen Buchdeckeln geboren hat.

Aber kann so etwas überhaupt gute Literatur sein? Fragte gestern recht empört eine Seminarteilnehmerin. Sie wolle nicht lesen, wie jemand über seinen Stuhlgang reflektiere. Sie fände das ekelerregend und unästhetisch.

Eine sehr interessante Frage, aber im Grunde grotesk: dass etwas, das alle Menschen (und somit auch alle LeserInnen!) verbindet, nämlich der tägliche Stuhlgang, für die Kunst tabu sein soll.

Je weiter weg vom so genannten banalen Alltagsleben, umso größer der Garant, dass es Kunst sein darf? Weil es damit möglichst nah am Guten und Schönen ist? Aber was ist mit dem Wahren? weiterlesen


20. Januar 2013

ULI S.

Eine Bekannte fragt mich, was ich momentan lese.

Ich sage: „Ulysses.“

Sie sagt: „Uli S.? Kenne ich nicht…“

Akustisches Missverständnis? Unkenntnis? Joycescher Humor?


13. Januar 2013

VON NEGERN UND CHINESENMÄDCHEN

Ich hoffe, Sie sind literarisch gut eingetaucht in den „Strom des Lebens 2013“– um an meinen letzten Blogeintrag in 2012 anzuknüpfen. War es ein sanft dahinziehender Strom? Ein reißender? Oder vielleicht so etwas wie ein Strudel, Mahlstrom, der einen in die Tiefe zieht und nicht mehr loslässt? So ging es mir mit Ulysses, der mich in den Schottischen Highlands begleitet hat.

Bei dieser Re-Lektüre ist mir wieder besonders deutlich geworden, wie unterschiedlich die Wirkung eines Buches ist, je nachdem, in welchem Alter, welcher Lebensphase, mit welchem Erfahrungshintergrund man es liest. Und: welcher aktuelle Zeitgeist inklusive vorherrschender Moral-Vorstellungen gerade herrscht. Auch dieser nimmt Einfluss: bei persönlicher Lektüre ebenso wie bei der professioneller Lektüre von Verlagen und Agenturen.

So fand der Ulysses lange keinen Verlag und wurde zensiert: zu pornografisch. Diese vermeintliche Eigenschaft haftet dem Werk bis heute an und entsprechend irritiert bis enttäuscht sind zeitgenössische LeserInnen, weiterlesen


2012

 

 


22. Dezember 2012

EIN UNGLAUBLICHES BUCH

Zwei Tage bis Weihnachten… Vielleicht gehören Sie zu den Menschen, die Weihnachten genießen oder zu denen, die froh sind, wenn diese Zeit endlich wieder vorbei ist.

So oder so: Ich wünsche Ihnen wohltuende Weihnachtstage – falls Sie diesen Stoffbahneintrag tatsächlich in diesen Tagen lesen.

Vielleicht aber ist JETZT in dieser Minute, gerade der 5. Oktober, 1. Mai oder womöglich der 16. Juni: der Tag, an dem Ulysses spielt?!

Die 1000 Seiten dieses Jahrhundertbuchs werden mich über Weihnachten und Silvester begleiten (ich leite ab Januar einen FU-Buchclub zu diesem Werk), wenn ich in den schottischen Highlands zwar nicht in Irland, aber immerhin in der Nähe sein werde.

Ein unglaubliches Buch! Man kann es aufschlagen und findet unter Garantie etwas, das man hinausrufen möchte… zum Beispiel in diesen Blog hinein: „Es strömt und fließt doch unaufhaltsam dahin, weiterlesen


15. Dezember 2013

DIE VORSTELLUNG DASS 10 MEGABITE NICHTS WIEGEN

Nein, kein Weihnachtsbezug hier. Versprochen ist versprochen: diese Woche gebe ich zwei interessante Kommentare zu meinem Blogeintrag vom 2. Dezember weiter, Thema e-books:

’Ein e-Book liest man nur einmal und dann ist es weg,’ schreibt eine Klientin, die vor kurzem Ihren ersten Roman beendet hat. ’Man würde denken, das Erlebnis reicht, aber nein. Es ist tatsächlich das Buch. Ich hab mir beim letzten Berlinbesuch ein Taschenbuch gekauft. Ein echtes Taschenbuch: Hardcover und Miniformat (10×15 cm). Steinfisch von Keri Hulme. Es hat mich längere Zeit in der Handtasche begleitet, jetzt liegt es auf dem Nachttisch und ist so unglaublich wertvoll! Ich verstehe vieles darin nicht, aber gerade deshalb muss ich es manchmal anfassen. Die Vorstellung dass 10 Megabite nichts wiegen, macht mir irgendwie Sorgen.’

Und ein anderer Klient, Sachbuchautor: „Ich habe bisher noch nie ein e-book gelesen, weiterlesen


09. Dezember 2012

„IN MEINER FAMILIE WURDE GESCHWIEGEN.“

Eigentlich wollte ich heute aus Mails zitieren, die ich auf meinen letzten Blogeintrag hin erhalten habe. Aber das werde ich nun auf nächste Woche verschieben, denn gerade eben, als ich von einem schönen Schneespaziergang zurückkomme, treffe ich eine Nachbarin, Künstlerin aus Hamburg, die mit zwei großen Plastiktüten an den Mülltonnen steht – „noch im Pyjama“, sagt sie lachend. Und obwohl ihr sicherlich sehr kalt ist, unterhalten wir uns eine Weile in der Dunkelheit im Schnee stehend und es entspinnt sich wie aus dem Nichts ein Gespräch über die Kraft der Literatur.

Sie habe sich gerade im Internet einen Weltempfänger bestellt, erzählt sie, da könne sie endlich mit der Welt in Verbindung sein (und lacht wieder), aber auch ihr geliebtes NDR hören mit den wunderbaren Lesungen morgens und abends. Dadurch habe sie schon viele Autoren kennengelernt, zum Beispiel Margriet de Moor und ihr Buch „Die Sturmflut“, weiterlesen


02. Dezember 2012

YOU ONLY LOOK ONCE

In dieser Woche wurde im Literaturhaus Berlin mal wieder über die Zukunft des Buchs diskutiert. Zu Beginn waren sich zwar Alle einig, NICHT„das Loblied des Buches“ zu singen, aber es lief dennoch auf das uns allen bekannte Lied hinaus: auf den Punkt gebracht: die haptische und auratische Präsenz des Mediums.

Entsprechend wichtig sei es, sich auf dieses – ich nenne es mal – Alleinstellungsmerkmal zu konzentrieren und dieses zu verbessern, jenseits von Dünndruck, Leinen und Lesebändchen.

Die Gegensätze scheinen immer extremer zu werden. In Bezug auf Romane als e-book einerseits oder als klassische Printausgabe andererseits heißt das: Anarchische Publikationsflut versus althergebrachtes Verlagswesen. Inhalt versus Form. Schnelle Unterhaltung versus langsame Eroberung.

„Wir müssen für die junge Generation Argumente sammeln fürs gute Buch,“ sagt Thomas Lehr am Ende der Veranstaltung. Nichts Neues, passt aber irgendwie zum Jugendwort des Jahres, weiterlesen


25. November 2012

DER LANGE WEG ZUR TEETASSE

Eben habe ich auf meinem Literaturkalender entdeckt, dass heute Anthony Burgess’ Todestag ist. Vermutlich ist mir das nur deshalb ins Auge gesprungen, weil ich gerade das Hörbuch „Der lange Weg zur Teetasse“ höre. Dieses Kinderbuch von Burgess ist nicht mehr lieferbar. Umso schöner, dass man sich in das Hörbuch (in Übersetzung und gelesen von Harry Rowohlt) hineinfallen lassen kann… so wie sich unser Held Edward, (der die nölige Stimme des Lehrers anhören muss, wie dieser über die langweiligen Könige der Angeln und Sachsen doziert und der sich sehnlichst woanders hin wünscht) durch ein Loch fallen lässt.

Edwards Pult hat nämlich Pockennarben von winzigen Löchern, wie sie ein kritzelnder Zirkel macht. Und er denkt, es wäre doch klasse, wenn er in einem dieser Löcher verschwinden könnte. Und natürlich passiert genau das und er befindet sich auf einem Schiff, das „sorgsam durch eines dieser Löcher gesteuert wurde. weiterlesen


18. November 2012

5,2 LFM

„Wenn es ein Schicksal gibt, dann ist Freiheit nicht möglich. Wenn es aber die Freiheit gibt, dann gibt es kein Schicksal. Das heißt also, wir selbst sind das Schicksal.“

Das hat der Literaturnobelpreisträger Imre Kertész einmal im Zusammenhang mit seinem berühmtesten Werk Roman eines Schicksalslosen gesagt, in welchem er die Geschichte des 15- jährigen György erzählt, der nach Auschwitz und Buchenwald deportiert wird. Die Zugfahrt in den Viehwaggons erlebt dieser wie ein Pfadfinderabenteuer. Und seine naiven, kindlichen Sätze wie „Ich kann sagen, auch ich habe Buchenwald bald liebgewonnen.“ oder „Ein bisschen möchte ich noch bleiben in diesem schönen Konzentrationslager.“ machen uns LeserInnen auf besondere Weise betroffen und erinnern auch an den Film „Das Leben ist schön“. Einen Film übrigens, den Kertész lobt und für authentisch hält, ganz im Gegensatz zu Spielbergs Film Schindlers Liste, den er als kitschige Auschwitz-Lüge bezeichnet. weiterlesen


11. November 2012

DER BUCHHÄNDLER ALS SONDERLING

„In einer schmalen, sonnenlosen Gasse Barcelonas lebte vor nicht allzu langer Zeit einer von jenen Männern mit bleicher Stirn, trüben, eingesunkenen Augen, eines von jenen sonderbaren, satanischen Wesen, wie Hoffmann sie in seinen Träumen fand.“

Dies ist der erste Satz einer Erzählung, die ich in dieser Woche geschenkt bekommen habe. Der Autor ist sehr berühmt, allerdings nahezu ausschließlich durch sein Hauptwerk. Diese kleine Geschichte ist zwanzig Jahre zuvor, 1837, in der Zeitung seiner Heimatstadt Rouen erschienen. Seine erste Veröffentlichung überhaupt. 15 Jahre alt war er damals.

Die Hauptfigur, die in diesem ersten Satz charakterisiert wird, ist von Beruf Buchhändler. Und natürlich haben wir es mit einem klassischen Buchhändler-Klischee zu tun: bleich (weil nicht an der Sonne, weil drinnen beim Lesen), eingesunkene Augen (weil zu wenig Schlaf, weil bis in die Nacht hinein gelesen) und – auf den Punkt gebracht – ein Sonderling. weiterlesen


04. November 2012

„DAS MEISTE PASSIERT JA IM KOPF.“

Vorgestern habe ich mir in der Theaterwerkstatt Hannover das Tanzstück Fukushima mon amour angesehen. Der Butoh-Tänzer Tadashi Endo (der diesen Tanz in Deutschland bekannt gemacht hat und den Sie vielleicht aus Doris Dörries Film Hanami kennen), hat als Kind viel Zeit mit seiner Großmutter am Strand von Fukushima verbracht. Hier tanzt er auf der Bühne seine persönlichen Erinnerungen, Emotionen und Assoziationen zur Katastrophe, die gleichzeitig weit darüber hinausreichen.

Später am Abend komme ich mit ihm ins Gespräch. Er erzählt mir von der Kraft der Haikus – die berühmte japanische Lyrikform – und dass er keinen rechten Sinn für Romane habe. Diese seien so detailliert und versuchten psychologisch alles komplex in der Breite auszudrücken, während Haikus in die Tiefe gingen, durch Schlichtheit und Einfachheit geprägt seien und damit dennoch alles zum Ausdruck brächten.

Auch meinte er, ein Roman brauche doch allzu viel Zeit zum schreiben. weiterlesen


27. Oktober 2012

WÖLFE

Was für ein Gefühl das wohl ist, wenn einem attestiert wird, man habe die Regeln eines literarischen Genres neu definiert!?

So geschehen diese Woche, als Hilary Mantel mit dem wichtigsten britischen literarischen Preis, dem Booker Prize, ausgezeichnet wurde. Sie erhielt ihn für Ihren Roman „Bring up the bodies“, der im Frühjahr 2013 bei DuMont unter dem Titel „Falken“ erscheinen wird und im England zur Zeit Heinrich VIII spielt.

Das Genre, das durch sie neu definiert wurde, ist der Historische Roman und das, was sie so ausgezeichnet macht, ist „handwerklich perfekte Literatur, in der brillanter Stil mit funkelndem Witz den melancholischen Grundton der Sprache aufhellt.“

Aber das vielleicht Erstaunlichste: Die 60-Jährige Autorin, die früher Sozialarbeiterin und Filmkritikerin war, hat diesen Preis bereits zum zweiten Mal erhalten. Im Jahr 2009 gewann ihn ihr Roman „Wölfe“, erster Teil der geplanten Trilogie. weiterlesen


21. Oktober 2012

C und Z

In dieser Woche habe ich mehrere Tage im Stuttgarter IBIS Hotel an der Siemensstraße übernachtet. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite steht ein Haus:

Im Erdgeschoss ist das Einrichtungshaus Domicil untergebracht. Ganz zeitgenössisch schreibt es sich mit „c“ und auf den Fensterscheiben sind modern-abstrakte selbsthaftende Blumentattoos als Deko angebracht.

In den oberen Stockwerken befindet sich ein Altenheim, dessen Name in großen Lettern auf die Hausfassade gemalt ist: Senioren-Domizil. Ganz traditionell schreibt es sich mit „z“. Auf den Fensterscheiben kleben ebenfalls Blumen: altmodische, aus Tonpapier gebastelte Sonnenblumen.

Ein Wohnort und ein Wohnungseinrichtungsort in ein und demselben Haus. Zweimal fast dasselbe Wort auf der gleichen Hausfassade. Einrichtung und Ausstrahlung dieser beiden Orte könnten unterschiedlicher kaum sein. Was für ein Unterschied ein einzelner Buchstabe machen kann…

 


14. Oktober 2012

ONE OF THE COOLEST LIBRARIES IN THE WORLD

In dieser und der kommenden Woche leite ich Workshops für ehrenamtliche VorleserInnen in der neuen Stadtbibliothek Stuttgart, die vor rund einem Jahr eröffnet wurde. Ein architektonisch beeindruckender Bau des Südkoreaners Eun Young Yi. Im Inneren des „Würfels“ mit 44 Metern Seitenlänge und einer Glasfassade, die nachts blau leuchtet, sind rund 500.000 Medieneinheiten auf insgesamt acht Ebenen untergebracht. Außerdem gibt es eine „Bibliothek für Schlaflose“ (schöner Begriff, nicht wahr?) ein Skriptorium, Klangstudio, Graphothek und nicht zuletzt eine Vielzahl an raffinierten Treppen, die wie ein Bild von Escher wirken. Futuristisch eben.

Auffallend ist auch das Farbkonzept des Architekten: KEINE Farbe! Für ihn war entscheidend, dass die gesamte Architektur und somit auch die Inneneinrichtung „zurücktritt“ und so „unsichtbar wie möglich“ ist. Alles ist in Weiß gehalten, lediglich die Farbe Blau darf an ausgewählten Stellen präsent sein. Die Bücher sollen wirken, nicht die Architektur, weiterlesen


07. Oktober 2012

DER ALLWISSENDE ERZÄHLER

„Da wächst was nach.“ und: „Die Achtziger sind da.“ titelt die ZEIT und meint damit „Deutschlands jüngste Autorengeneration“, deren AutorInnen jetzt um die dreißig Jahre alt sind.

In den 90er Jahren des vorigen Jahrtausends wiederum wurde die letzte so genannte Autorengeneration geboren, vermarktet unter dem Label „Popliteratur“. Dazu gehörten „Fräuleinwunder“ Judith Hermann ebenso wie Benjamin von Stuckrad-Barre, Elke Naters, Alexa Hennig von Lange, Sibylle Berg oder Christian Kracht.

Kracht, damals mit seinem Erstling Faserland bekannt geworden, ist spätestens jetzt – man könnte sagen: sprachlich aufgestiegen. Er gehört nun nicht mehr der „jüngsten“, sondern der „jüngeren“ Autorengeneration an und erhält, wie in dieser Woche bekannt wurde, den Wilhelm-Raabe-Preis (der mit 30.000 Euro höchstdotierte Literaturpreis Deutschlands) für seinen Roman „Imperium“, ein bitteres Gleichnis dafür, wie der deutsche Idealismus des frühen 20. Jahrhunderts umschlägt ins Herrenmenschentum.

Namensgeber ist der gesellschaftskritische Schriftsteller Wilhelm Raabe (1831 bis 1910) und es herrscht in der aktuellen Diskussion um Krachts Imperium durchaus Uneinigkeit darüber, weiterlesen


30. September 2012

MAL WAS ANDERES: POSITIVE AUSWIRKUNGEN DURCH NEUE MEDIEN

Gerade komme ich aus dem Sauerland zurück. Dort habe ich drei Fortbildungen für ehrenamtliche VorleserInnen geleitet und natürlich war auch der Aspekt „Lesen contra Computer & Handy“ immer wieder Thema. Die Balance zu halten zwischen vorurteilsfreiem Akzeptieren der starken Präsenz Neuer Medien im Lebensalltag von Kindern einerseits und dem vorbehaltlosen Fördern der Lesekultur andererseits ist nicht leicht.

Auf dem Rückweg nach Berlin lese ich in der Wochenendausgabe der SZ den Artikel „Google statt Gehirn“, der – ideal zum Thema passend – von einigen positiven Auswirkungen des Umgangs mit Neuen Medien berichtet, die mittlerweile eindeutig nachgewiesen werden konnten. Diese Kinder haben einen wesentlich besseren Umgang mit Bildern und Symbolen, ihre räumliche Orientierung sowie das Visualisieren von Dingen funktioniert besser. Als Erwachsene besitzen sie dann – laut Medienpsychologin Patricia Greenfied von der University of California – „die visuelle Kompetenz, die in vielen Berufen gebraucht wird.“

So können beispielsweise geübte Computerspieler eine Bauchspiegelung bei einem virtuellen Patienten besser durchführen als trainierte Chirurgen, weiterlesen


21. September 2012

EIGENTLICH

Gehören Sie zu den Menschen, die EIGENTLICH gern regelmäßiger schreiben würden, aber EIGENTLICH keine Zeit dafür haben? Gründe für diesen Zeitmangel aufzulisten, spare ich mir. Wir kennen sie alle.

Eine von vielen Möglichkeiten, trotz Zeitmangel wieder in Schreibfluss zu kommen, sind die Morgenseiten, die morning pages, die Julia Cameron in ihrem berühmten Buch Der Weg des Künstlers beschrieben hat: jeden Morgen direkt nach dem Aufwachen drei Seiten zu schreiben, mit der Hand natürlich, und möglichst noch im Bett. Einfach aufschreiben, was einem in die Hand fließt. Dafür braucht man – mit ein wenig Übung – nicht länger als 15 Minuten.

Das bedeutet: den Wecker lediglich 15 Minuten früher stellen und schon haben Sie jeden Tag geschrieben…

Ich freue mich immer, wenn ich auf Menschen treffe, die diese Morgenseiten tatsächlich seit langem in ihren Alltag eingebaut haben (und ich schwöre: deren Ringe unter den Augen sind nicht tiefer als unsere!). weiterlesen


16. September 2012

WIE EIN BUCH DAS EIGENE LEBEN BEEINFLUSSEN KANN

In dieser Woche ist schon wieder etwas Besonderes passiert, das mit Doris Lessings Goldenem Notizbuch zu tun hat (siehe letzter Stoffbahn-Eintrag).

Zwei Teilnehmerinnen aus meinem Lessing Buchclub an der FU Berlin haben erzählt, wie dieses Buch aktuell ihr Leben beeinflusst hat. Den gesamten Sommer habe das Buch sie begleitet, sogar im Urlaub (ich muss dazu sagen, dass es 800 Seiten dick ist!) und es hätte ihr viel über die Beziehung zu einer Freundin zu denken gegeben, meinte die eine Teilnehmerin. Die Beziehung sei nicht mehr so eng wie sie jahrzehntelang war, aber sie hätten nie darüber gesprochen. Sie werde aufgrund des Buches nun Kontakt zu dieser Freundin aufnehmen…

Und eine andere Teilnehmerin erzählte, dass das Buch ihr Mut gemacht habe, alle Frauen, die in ihrem bisherigen Leben wichtig waren, zu einer Feier einzuladen. Ohne die Lektüre dieses Buches hätte sie das nie gemacht… weiterlesen


09. September 2012

„MIR SAN SO UNTERSCHIEDLICH, MIR BEIDE.“

Ich bin zurück aus der Sommerpause… und somit zurück auf dieser Stoffbahn. Immer wieder sind mir in den letzten Wochen mögliche Einträge durch den Kopf gegangen und doch war es auch schön, einmal Pause zu haben.

Aber worüber den ersten Eintrag schreiben? Über interessante Bücher der letzten Wochen? Über den gestrigen Internationalen Tag der Alphabetisierung? Über die Vernissage der neuen Collagen von Herta Müller, die vor zwei Tagen im Literaturhaus stattgefunden hat und zu der ich nicht gehen konnte, weil ich gar nicht in Berlin war?

Stattdessen saß ich im Zug, las in Doris Lessings Goldenem Notizbuch und habe entzückt zwei circa 70jährigen Schweizerinnen zugehört, die sich sehr vertraut über ihre Freundschaft unterhalten haben. So anrührend, dass ich irgendwann ein paar Sätze mitgeschrieben habe:

„Mir san so unterschiedlich, mir beide. Wie Dag un d’Nacht. weiterlesen


01. Juli 2012

„BUCHLÄDEN SIND TEMPEL FÜR MICH.“

Ich habe sie gefragt, die Buchclub-Teilnehmerin (siehe letzter Blog-Eintrag) und sie hat geantwortet:

„Auch ich wende mich seit Jahren lieber an ’meine’ Buchhandlung, zumal ich dort sehr nett empfangen, beraten, sogar namentlich begrüßt werde. Ich scheue also nicht immer die Wege dorthin. Wie Du aber auch erkannt hast, gibt es doch die eine oder andere zweckmäßigere Überlegung, amazon einzusetzen, z.B. für Buchgeschenke, die sogar dort nett verpackt und mit einer Geburtstagskarte mit dem von mir entworfenen Text versehen werden. Man schlägt ja sogar sinnvolle Ergänzungen vor. Und das ganze erledigt sich in kurzer Zeit. So schwankt man immer zwischen zeitaufwändiger Gewohnheit und modernen, praktikablen und erfreulichen Möglichkeiten.“

Geantwortet hat mir auch ein Klient, der schreibt: „Ich rufe hier beim Eulenspiegel an (eine kleine Buchhandlung) oder ich gehe vorbei, incl. Schwätzchen oder Fachliches. Auf der anderen Seite: der Portele (Anmerkung Sandra Schneider: gemeint ist das Buch Autonomie, weiterlesen


23. Juni 2012

BUY LOCAL

Eine Teilnehmerin meines Doris Lessing Buchclubs erzählte am Donnerstag, sie habe Lessings Buch „Mit leiser, persönliche Stimme“ bei Amazon für 3 Euro gekauft. Dieser Essayband – eine wunderbare Ergänzung zu den Romanen der Autorin – ist zur Zeit im Buchhandel vergriffen.

Schon sind wir mitten in einem Thema, das seit längerem die Buchbranche umtreibt: Die wirtschaftlichen Schwierigkeiten der Buchhandlungen vor Ort aufgrund der immens großen Konkurrenz durch Amazon und andere Online Bookshops. Aus diesem Grund hat der Ravensburger Buchhändler Michael Riethmüller (RavensBuch) in dieser Woche eine bundesweite Kampagne angekündigt, „um Käufer für die Leistungen stationärer Händler zu sensibilisieren. Wir wollen deutlich machen, welche langfristigen Folgen das Einkaufen im Internet für die Situation in den Städten hat.“ Botschaft und Slogan lautet: „Buy local.“

Vermutlich assoziieren Sie mit „Buy local“ ebenso wie ich die Aufforderung, lokal/regional angebautem Obst und Gemüse den Vorzug zu geben. weiterlesen


16. Juni 2012

SCHMETTERE MAL NE BALLADE!

Heute ist ein besonderer Tag: Bloomsday! Der einzige literarische Feiertag der Welt. Benannt nach dem Protagonisten Leonard Bloom aus James Joyce’s Jahrhundertroman Ulysses, dessen 1000-seitige Handlung ausschließlich an einem einzigen Tag spielt: dem 16. Juni 1904.

In Irland wird dieser Tag natürlich besonders gefeiert, aber auch in Deutschland, speziell in Berlin, gibt es jedes Jahr Veranstaltungen unterschiedlichster Art. Heute beispielsweise im ARD-Hauptstadtstudio, in welchem bereits seit 07:45 Uhr ein Public Listening der neuen 22-stündigen Hörspiel-Ausgabe stattfindet.

Wieso hat Joyce den 16. Juni 1904 gewählt? An diesem Tag führte er seine spätere Frau Nora Barnacle zum ersten Mal zum Abendessen aus. Aus diesem romantischen Anlass entstand innerhalb von 18 Jahren schließlich ein Roman, erzählt in 18 Kapiteln, alle stilistisch faszinierend unterschiedlich konstruiert.

Ulysses ist eines der Bücher, die in vielen Regalen stehen, aber selten gelesen werden. weiterlesen


10. Juni 2012

MIT LETZTER TINTE

Sie erinnern sich an Günter Grass’ israelkritisches Gedicht, das vor rund zwei Monaten heftige Reaktionen ausgelöst hat. Nun hat er ein weiteres geschrieben, obwohl er „Was gesagt werden muss“ angeblich „mit letzter Tinte“ verfasst hat. Seine nun also in ein neues Tintenfass getauchte Feder hat „Europas Schande“ formuliert, ein Gedicht, das sich in zwölf je zweizeiligen Versen um die Krise Griechenlands dreht und in welchem er Europa vorwirft, dem Land den Giftbecher zu trinken zu geben wie man es einst mit Sokrates getan hat.

Ich frage mich, wer sich für dieses Gedicht interessiert und sich aktiv darum bemüht, es zu lesen – von Literaturbetriebsmenschen einmal abgesehen, die aus professionellen Gründen motiviert sind.

Interessanterweise haben 6.800 Personen diese Verse via Facebook empfohlen. Was allerdings auch daran liegen kann, dass die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung zum Spaß behauptet hatte, weiterlesen


03. Juni 2012

DIE ZUKUNFT DES LESENS UND SCHREIBENS

Am Freitag war ich im Berliner Literaturhaus. Dort haben die Autorin und Journalistin Kathrin Passig (die 2006 den Ingeborg Bachmann Preis gewonnen hat) und Hans Richard Brittnacher (Professor für Neuere Deutsche Literatur an der FU) über die Zukunft des Lesens und Schreibens diskutiert.

Vor allem Passig hat mich fasziniert mit ihren klug-reflektierten und gleichzeitig provokativ-revolutionären Gedanken. Beispielsweise zum Thema Co-Autorenschaft.

Passig geht es um echte Co-Autorenschaft, die weit über das hinausgeht, was bis dato üblich ist. Wie etwa im wissenschaftlichen Kontext, in welchem verschiedene AutorInnen zwar einzelne Kapitel eines Buches verfassen, aber als VerfasserInnen der Kapitel eindeutig zuzuordnen sind und zweitens jede/r für sich alleine schreibt.

Passig wünscht sich, dass die individuellen Schreibtalente verschiedener Menschen (z.B. gute Dialoge schreiben, Plot entwickeln oder recherchieren) gemeinsam für ein Buch genutzt werden können – etwas, das beim Drehbuchschreiben ganz selbstverständlich ist. weiterlesen


26. Mai 2012

„DIE SPRACHE IST EINE WAFFE. HALTET SIE SCHARF.“

Vor zwei Wochen habe ich versprochen, Wolf Schneiders aktuelle Deutsch-Stilkunde in der ZEIT mit Ludwig Reimers Kleiner Stilfibel, dem Klassiker aus dem Jahr 1951, zu vergleichen. Mein Versprechen will ich heute einlösen. Aber ich muss Ihnen gleich sagen: weit bin ich nicht gekommen, denn bereits die jeweiligen einleitenden Worte haben es dermaßen in sich!

Reimers nennt seine Einführung „Ein Brief statt eines Vorworts“ und spricht seine Leser (die Leserinnen sind im Zweifelsfall wohl mitgemeint) bereits im Einstiegssatz direkt an: „Warum haben Sie sich dieses Buch gekauft? Sie hätten dafür ungefähr dreißig Tassen guten Kaffee trinken können.“

Ein paar Zeilen weiter macht er großspurig Werbung für sein Buch („Gründlicher als dieser Lehrgang kann kein Schulunterricht sein.“), um dann die Voraussetzungen dafür zu nennen, nämlich das langsame und laute Lesen.

Wenn man nicht laut lesen könne, weiterlesen


19. Mai 2012

DAS MUSEUM DER UNSCHULD

In meinem letzten Blog-Eintrag ging es ums Loslassen, heute geht es ums Sammeln.

Haben Sie vom Museum der Unschuld gehört, das der Literaturnobelpreisträger Orhan Pamuk gerade in Istanbul eröffnet hat? Genau, das ist der Titel eines seiner Bücher. Nun auch der Name seines Museums, das Fundstücke und Artefakte der fiktionalen Liebe zeigt, die Pamuk im gleichnamigen Roman erzählt. Sein Held Kemal ist Sprössling der Oberschicht und verliert seine Geliebte Füsun, eine arme Verwandte. Er findet Trost im Sammeln von Dingen, die sie berührt hat oder die durch Erinnerungen mit ihr verknüpft sind: Schminkutensilien, Taschentücher, Eintritts- und Visitenkarten, Streichholzschachteln, Gläser etc.

Seit 2001 schrieb er am Roman und erzählte ihn um die Dinge herum, die er sammelte. 2008 in der Türkei erschienen und auf Deutsch im Jahr 2010, als Istanbul Kulturhauptstadt Europas war. Die Eröffnung des Museums hätte Teil des offiziellen Programms sein sollen. weiterlesen


13. Mai 2012

BOOKCROSSER

Vor drei Tagen laufe ich nachts in der Lehrter Straße am A&O Hostel vorbei und stehe plötzlich vor einer graffiti-besprühten Telefonzelle, die Tags zuvor noch nicht dort stand. Eine Menge Bücher sind im Zelleninneren gestapelt – das kann nur eines bedeuten: ein Buchtauschort! Aber davon gibt es unterschiedliche. Als ich lese, dass es sich um Bookcrossing handelt, freue ich mich wirklich: es ist erst das zweite Mal, dass mir ein solcher Ort über den Weg läuft (bzw. ich ihm).

Kennen Sie die BookCrosser? Unter dem Motto „Mitnehmen! Lesen! Freilassen!“ werden weltweit Bücher entweder an betreuten Orten (wie der so genannten BücherboXX hier am Hostel) oder aber irgendwo in der „freien Wildbahn“ ausgesetzt. Die Bücher sind registriert und man kann im Internet ihre Reise von Lesehand zu Lesehand verfolgen. Aktuell gibt es über 1 Million BookCrosser und über 9 Millionen Bücher, weiterlesen


06. Mai 2012

BUBBLE TEA

Ich bin begeistert: Auf meinen letzten Blog-Eintrag hin haben sich mehrere LeserInnen mit „poetischen Produkten“ gemeldet, die ihnen aufgefallen sind. So landeten beispielsweise ein „Brandstifter“ und ein „Unschuldsengel“ bei mir: aufgestöbert in einem Kühlschrank.

Und ganz poetisch im klassischen Sinn der „bubble tea“ (chinesischer „Perlen-Milchtee“), den mir eine Klientin zugeblubbert hat und über den sie schreibt:

„Wie kleine, matte Glasmurmeln schlummern die farbigen Perlen – Popping Bobas -, gefüllt mit einer ebenfalls farbigen Flüssigkeit auf der Basis von gesüßtem schwarzen oder grünen Tee am Grund eines Plastikbechers, darüber die Flüssigkeit gleicher Farbe als gesamte Fließmasse. (…) Ihr Zerplatzen beim Draufbeißen stelle ich mir wie die süße Riesenvariante von Kaviarkügelchen vor. (…)

Bubble tea – das klingt so verheißungsvoll, macht mir den Mund wässrig. Lässt mich eine Vorahnung haben von etwas Perlendem, Blubberndem ………Champagner?! Popping Bobas – das klingt eher beunruhigend. weiterlesen


28. April 2012

POETISCHE PRODUKTE

Eigentlich wollte ich heute im Edeka-Center nur einen schnellen Mini-Einkauf machen. Doch dann blieb ich fasziniert vor der Heinz Ketchup Grill-Aktionsfläche stehen, stöberte sicherlich eine halbe Stunde durch all die verschiedenen Saucen – fasziniert von den neu designten Flaschen und der aktuellen Kampagne.

O.k., hier und heute also der Beginn einer neuen Serie: „Poetische Produkte“ werde ich sie nennen und Heinz Ketchup macht den Anfang.

Poetisch sind zunächst mal die Geschmacksrichtungen, die vielsprachige Bezeichnungen tragen wie „Gerösteter Knoblauch Mayo ail frit“ oder „Ein Hauch von Chili Mayo légèrement pimenté“. Ist das nicht wunderbar?

Poetisch (und prosaisch!) vor allem aber die neuen Sprüche auf den klassischen Tomatenketchup-Flaschen: „Wurst coming home“, „Frei Heinz Statue“, „My way“, „You never grill alone“, „Happy T-day“, „Der frühe Vogel grillt die Wurst“, “Alles unter 400gr. ist Carpaccio“ ,„Yes, we grill“, weiterlesen


22. April 2012

NO AWARD

Vor wenigen Tagen wurde bekannt gegeben, dass der diesjährige Pulitzer-Preis für Fiction nicht verliehen wird. Die Pulitzer-Preise sind die höchsten Medienpreise in den USA. Sie werden in 21 Kategorien ausgeschrieben und sind mit jeweils 10.000 Dollar dotiert.

Was steckt dahinter? Die Jury – bestehend aus Michael Cunningham, dem letztjährigen Gewinner, der Herausgeberin Susan Larson sowie der Literaturkritikerin Maureen Corrigan – gab zunächst keinerlei Gründe an.

In der Endrunde waren drei KandidatInnen, die wie immer von einem jährlich wechselnden LeserInnen-Komitee ausgewählt wurden. In diesem Jahr waren dies der so genannte Kurzroman „Train Dreams“ des in München geborenen Schriftstellers Denis Johnson (noch nicht ins Deutsche übersetzt), „Swamplandia!“ (ja, das Ausrufezeichen gehört zum Titel!) von Karen Russell (erzählt aus der Sicht einer 13Jährigen: interessant) sowie „The Pale King“ von David Foster Wallace. Dieser sprachlich fulminante Roman wurde erst nach dem Freitod des Autors 2008 auf der Grundlage vieler Fragmente, weiterlesen


15. April 2012

1 FAN = 1 BUCH

Gezielte Leseförderung hat in Deutschland mittlerweile eine jahrelange Tradition – gut so! Die Frage ist nur immer: wer soll gefördert werden und funktioniert das wirklich? Sie erinnern sich vielleicht an die ersten ungewöhnlichen Aktionen wie Fußballmannschaften, die sich lesefördernd engagieren, um auch die eher leseunfreudigen Jungs zu erreichen. Das war vor rund 15 Jahren direkt spektakulär…

Mittlerweile können Leseförderungsaktionen neue und vor allem auch internationale Dimensionen annehmen. So las ich vorgestern von einer – man könnte sagen – Fair Trade-Idee: Das Kölner Modelabel Armedangels engagiert sich mit einer Social-Media-Aktion vom 10. April bis zum 10. Mai. Auf ihrer Facebookseite kann man sich an „1 Fan = 1 Buch“ beteiligen. Mit jedem neuen Fan der Facebook-Seite bekommt ein unterprivilegiertes Kind in Indien ein Buch.

Für die Buchschenkaktion arbeitet die Firma, die seit ihrer Gründung 2007 soziale Projekte unterstützt, weiterlesen


05. April 2012

BORED BY POLYMERE SPEECHES

Vor zwei Tagen hatte ich einen Termin an der Evangelischen Akademie Meissen. Die Akademie zeichnet sich nicht nur durch ein interessantes inhaltliches Programm aus, sondern auch durch ihre attraktive Klosterarchitektur und -atmosphäre.

Als ich gerade im Klosterhof die Sonne genieße, ist es rings um mich herum ganz still. Die TeilnehmerInnen einer Tagung des Leibniz-Instituts für Polymerforschung waren wieder zu ihren Vorträgen verschwunden und so fällt mir ein Mann um die 60 auf, der in professioneller Joggingmontur die Akademie verlässt, um 20 Min. später zurückzukommen und sich mit einer kleinen Flasche Wasser, schwitzend und schwer atmend ebenfalls in die Sonne zu setzen.

Wir kommen ins Gespräch und es stellt sich heraus, dass er Amerikaner ist, ebenfalls Tagungsteilnehmer, aber „bored by the polymer speeches.“ O.k., er sei „easily bored“ und „maybe I’m gonna miss something important“, aber man müsse sich entscheiden und „running is more important!“

Wir unterhalten uns schließlich über „important literature“ und er erzählt, weiterlesen


01. April 2012

READ & MEET

Meine Gedanken haben sich direkt überschlagen, als ich folgende Meldung vorgestern im Newsletter des Börsenblatts (des Dt. Buchhandels) gelesen habe: Das Forum Zukunft und der mediacampus frankfurt starten eine neue Initiative, um das Konzept interaktiver Leserunden in der Branche zu etablieren. Die Initiative heißt „Read&Meet“: Lesebegeisterte können sich in einer Online- und einer Offline-Leserunde über einen ausgewählten Titel austauschen und ihn diskutieren. \“Anders als in den USA oder Großbritannien gibt es hierzulande kaum Verlage und Buchhandlungen, die Leserunden für ihr Marketing und zur Kundenbindung nutzen\“, sagt Jasmin Marschall vom mediacampus frankfurt.

Zuerst dachte ich…

… an die Veranstaltungsreihe LiteraturLounge, die ich für Dussmann das Kulturkaufhaus ein ganzes Jahr lang einmal monatlich geleitet habe: eine Diskussionsrunde zu jeweils einer aktuellen deutschen Neuerscheinung. In bequemen Sesseln habe ich mit rund 10 interessierten KundInnen diskutiert, die das Buch vorab alle gelesen hatten. weiterlesen


25. März 2012

FRAUEN STEHEN, MÄNNER SITZEN

Auf meinen Stoffbahneintrag zu den derzeitigen Covermotiv-Favoriten auf dem deutschen Buchmarkt habe ich unterschiedlichste Rückmeldungen bekommen. Von „Wenn mir das Cover nicht gefällt, kaufe ich mir den Roman nicht, außer es gibt einen speziellen Grund.“ (was mich an eine Buchclub-Teilnehmerin erinnert, die das Cover von Herta Müllers Atemschaukel mit einem Schutzumschlag unsichtbar gemacht hat, weil sie es nicht ständig ansehen mochte) bis hin zu LeserInnen, die schreiben, dass sie noch nicht einmal sagen könnten, wie die Cover der Bücher aussehen, die sie gerade lesen.

Ein Sachbuchautor hat gemailt: „Sorry, was die Cover betrifft, da scheine ich wohl blind zu sein. Ich gehe gleich auf den Inhalt. Hab sogar bei meinen eigenen Büchern Schwierigkeiten zu beschreiben, wie sie aussehen. Ausnahme derzeit: Lese gerade den Briefwechsel zwischen Zweig und Roth: da ist vorne ein Foto der beiden, und die Gesichter sagen schon alles, weiterlesen


18. März 2012

MEHR ALS ZWEI, DREI STORIES PRO JAHR SCHAFFT SIE NICHT

Vor vier Tagen habe ich in der autorenbuchhandlung Berlin einen inspirierten „Abend für Alice Munro“ erlebt. Ihre Übersetzerin Heidi Zernig, die Autorin Judith Hermann und die Kulturjournalistin Manuela Reichart haben aus einigen (denn natürlich haben Sie jede Menge!) ihrer Munro-Lieblingsgeschichten gelesen und über ihre persönlichen Verbindungen zu dieser Autorin erzählt.

So gesteht Judith Hermann beispielsweise, dass es durchaus stimmt: wenn man selbst gerade an einer Kurzgeschichte arbeitet und dann liest man Munro und denkt „So wird es nie werden!“ – das sei schon deprimierend, selbst wenn man natürlich kein Munro-Imitat sein wolle, trotzdem…

Und als sie das erzählt, schweift ihr Blick übers Publikum: „Sie alle könnten eine Protagonistin in einer Geschichte von Munro sein.“

Na, wenn das nichts ist: Eine von diesen facettenreichen Protagonistinnen, mit denen man sich automatisch identifiziert, so dass sie einem seltsamerweise immer so alt vorkommen wie man selbst gerade ist – jedenfalls geht es Hermann so. weiterlesen


11. März 2012

UNSER BEUTESCHEMA BEIM BUCHKAUF

Wenn Sie mal kurz die Augen schließen… danke… und nun vor Ihrem inneren Auge im Schnelldurchlauf alle möglichen Taschenbuchausgaben von Romanen an sich vorbeifliegen lassen… so, wie sie beispielsweise in klassisch sortierten Bahnhofsbuchhandlungen auf Stapeln liegen und in Drehsäulen stecken. Novitäten genau so wie Neuauflagen mit neuem Cover. So genannte anspruchsvolle ebenso wie durchschnittliche Literatur.

Welche Cover-Motive sehen Sie da besonders häufig vor sich?

Christiane Ludena hat Ihre Augen offengehalten und zeigt in der ZEIT unter der Überschrift „Titelhelden“ eine Cover-Auswahl mit den drei Motiven, die auf dem deutschen Buchmarkt derzeit offensichtlich favorisiert werden.

Brauchen Sie kleine Tipps? Also: das erste Motiv ist das Gegenteil von vollen Tischen. Das zweite Motiv ist eine Art geschlechtliche Umkehrung von C. D. Friedrichs Wanderer über dem Nebelmeer. Und das dritte ist das Sehnsuchtsmotiv für (fast) alle Menschen, weiterlesen


04. März 2012

WORD-RAGA

An diesem Wochenende habe ich am Ayurveda-Kongress des Yoga Vidya Zentrums in Bad Meinberg teilgenommen. Pralle ganzheitliche Tage voller faszinierender Vorträge, Diskussionen, Yoga-Praxis etc. Hier möchte ich Ihnen kurz von Sanjay També erzählen, der über ganz pragmatische Möglichkeiten der Selbstheilung durch Klang im Alltag gesprochen hat.

També lernte die heilende Musik bei seinem Vater Dr. Balaji Tambe, den er seit über 20 Jahren bei Konzerttourneen als Percussionist und Chorsänger begleitet. In Europa arbeitet er unter anderem als Radio-Moderator und erklärt die – wie er es nennt – „lyrischen“ Hintergründe orientalischer Musik.

Heute hat er vom Schriftsteller Ilija Trojanow erzählt. Er habe ihn gebeten, für das Münchner Literaturfest 2010, dessen Kurator er war, etwas ganz Spezielles zu entwickeln, das im Programm schließlich unter „Word-Raga: Elfstündige Echtzeitlesung“ zu finden war.

Trojanow, bei uns bekannt geworden mit seinem Bestseller „Der Weltensammler“ ist im Übrigen nicht nur Schriftsteller, weiterlesen


24. Februar 2012

VERWISCHUNGEN UND VERMALUNGEN

Heute war ich in der Gerhard Richter Ausstellung PANORAMA in der Neuen Nationalgalerie. Unabhängig davon, dass ich mich auf diese Ausstellung schon seit langem freue, war der Besuch auch Teil der Vorbereitung auf mein Gerhard Richter Seminar an der FU im März, in welchem ich mit den TeilnehmerInnen Richters verschiedene künstlerische Positionen darauf hin untersuchen werde, wie sie für das eigene Schreiben fruchtbar gemacht werden können.

Dafür gibt es meiner Ansicht nach eine unglaubliche Vielzahl an Ansatzpunkten (die konkrete Auswahl für fünf Termine wird eine Herausforderung für mich sein) und natürlich will ich Ihnen in diesem Blog heute ein Beispiel dafür geben.

O.k., was wähle ich aus? Lassen Sie mich in meinen Notizen blättern… ah, ja, wie wär’s mit Folgendem?

„Fast alle meine abstrakten Bilder zeigen Szenen, Gegenden – Wald zum Beispiel – die es nicht gibt, weiterlesen


19. Februar 2012

DER LITERARISCHE LANDTAG

Heute geht die Berlinale 2012 zu Ende. Viele Filme, viele Interviews… Unter anderem ist mir eines mit Andreas Dresen im Gedächtnis. Der Regisseur war mit seinem Film „Herr Wichmann aus der dritten Reihe“ vertreten. Dieser Film entstand zehn Jahre nach „Herr Wichmann von der CDU“ und begleitet ein Jahr lang den Arbeitsalltag von Henryk Wichmann, 33, Mitglied der CDU und seit 2009 Oppositionsabgeordneter im Brandenburger Landtag.

Im Interview mit Anke Engelke aus ihrem „Berlinale Palästchen“ (einem selbstgebauten Häuschen aus Holz und Glas, vis-à-vis zum Berlinale Palast) erzählt Dresen, dass Wichmann kein einziges Mal von seinem vereinbarten Vorrecht Gebrauch gemacht habe, bestimmte Szenen – beispielsweise weil sie nicht sehr schmeichelhaft waren – zu zensieren. Das habe ihn als Regisseur beeindruckt. Und dann sagt er: „Scheitern gehört zum Handwerk.“

Diejenigen unter Ihnen, die schreiben, werden mit diesem Satz sicherlich etwas anzufangen wissen. weiterlesen


11. Februar 2012

WAS EINEM AN TAGEN DES MANUSKRIPTBAUS SO ALLES DURCH DEN KOPF GEHEN KANN

Auf meinen vorletzten Blogeintrag zur erstaunlichen Biografie der Krimiautorin Anne Perry habe ich einige Rückmeldungen bekommen. In erster Linie von LeserInnen, die „sehr gern Bücher lese(n), die in der viktorianischen Zeit spielen.“ Von richtigen Perry-Lesephasen weiß ich nun, teilweise mit einem „verschämten“ Gefühl verbunden, weil es sich dabei ja nicht um so genannte ’anspruchsvolle’ Literatur handelt. Niemand kannte Perrys wahre Lebensgeschichte.

Eine ehemalige Teilnehmerin an meinem ROOM-SERVICE (der Langzeitgruppe für literarische Projekte), die als Journalistin und Sachbuchautorin arbeitet, hat gleich – angeregt durch diese „Geschichte, die das Leben schrieb“ – im Internet recherchiert und sich den Dokumentarfilm „Anne Perry – Interiors“ von Dana Linkiewiecz ins Haus bestellt:

„Mann und Kind in Berlin, ich also sturmfreie Bude zum Arbeiten (…). Doch irgendwann braucht man ja eine Pause… 70 Minuten, ach, ich werfe also doch den Film ein und bin ganz angetan. weiterlesen


05. Februar 2012

DIE PAUSE ZWISCHEN EIN- UND AUSATMEN

Beim Praktizieren der Vipassana Meditation hat mich heute ein Satz besonders angesprochen, den der Meditationslehrer während des angeleiteten Teils formuliert hat. Er sprach von der Aufmerksamkeit, die man der Pause zwischen dem Ein- und dem Ausatmen schenken kann.

Diese Pause kommt mir vor wie ein Raum. Ein Raum, der immer da ist und den man doch nur sehen und betreten kann, wenn man sich seiner bewusst wird. Er ist Atem-Pause und gleichzeitig Teil des Atmens. Ein wertvoller Raum des Dazwischen.

Ich denke an Herta Müller, zu deren Literatur ich in diesen Wochen einen Buchclub leite. Momentan lese ich intensiv ihre Essays und nicht nur in diesen spricht sie ebenfalls immer wieder von dem, was sich „zwischen den Sätzen“ befindet, dem Schweigen, dem Verschwiegenen, dem Unaussprechbaren. Auch dieses Schweigen zwischen den Zeilen ist eine Art Raum des Dazwischen. weiterlesen


28. Januar 2012

ICH ERTAPPE MICH BEI PSEUDO-ROMANTISCHEN VORSTELLUNGEN

In dieser Woche hat mich berührt – und auch meine Fantasie angeregt – , was ich über die Vergangenheit einer weltbekannten Krimiautorin gehört habe.

Die 1944 mit sechs Jahren aufgrund einer Tuberkuloseerkrankung von England in ein wärmeres Klima zu einer Pflegefamilie auf die Bahamas geschickt wurde und mit dieser Familie dann nach Neuseeland umzog und fast drei Jahre lang keine Schule besuchen konnte. Deren Vater dann schließlich eine Stelle als Rektor in Neuseeland angenommen hat, damit die Familie wieder zusammen war. Die als Jugendliche über eine längere Zeit eine außerordentlich enge Beziehung zu ihrer Freundin Pauline Parker hatte (die später sagte, ihre Freundschaft sei „obsessiv“ gewesen), mit der sie eigene Welten entwickelte und in diesen lebte, als seien sie real. Die 1954 gemeinsam mit Pauline ihre eigene Mutter tötete, nach einem Mordplan, den Pauline entwickelt hatte, da die Mutter ihre Freundschaft nicht billigte.  weiterlesen


20. Januar 2012

JEDES KLEID ERZÄHLT EINE GESCHICHTE

Anlässlich der Berliner Fashion-Week, die vor drei Tagen begonnen hat, stolpere ich (gern!) über Porträts von und Interviews mit ModedesignerInnen. Angeregt hat mich unter anderem ein Gespräch mit der Münchner Designerin Gabrielle Greiss, die nach einer fulminanten Karriere mit erst 38 Jahren letzten Herbst ihr eigenes Label gegründet hat. Nur 20 Kleider, „aber jedes erzählt eine kleine Geschichte“ sagt sie.

Kleider, die eine kleine Geschichte erzählen. Ja, man ahnt, was gemeint sein könnte, aber was genau meint Greiss damit? „Ein Kleid soll so sein, wie wenn man nachts im Nachthemd in den Garten läuft und sich wunderschön findet.“

Kein Wunder, dass ihre Mode als „eigensinnig, sperrig und poetisch“ bezeichnet wird. Mit den Licht- und Schattenseiten der Poesie hat Greiss Erfahrung. Zuletzt als Modechefin des Hauses Sonia Rykiel, deren ausschließlich in Schwarz gekleidete Gründerin „poetisch zurückgezogen in ihrem dunklen Appartement lebt.“

Mich interessieren die Ähnlichkeiten zwischen poetischer Mode und poetischer Literatur. weiterlesen


15. Januar 2012

HINTER MEINEN AUGEN STEHEN WASSER

In dieser Woche hat mein aktueller Buchclub an der FU begonnen. Dieses Mal dreht sich alles um die Literatur der Nobelpreisträgerin Herta Müller und so lese ich derzeit unter anderem wieder ihr unglaublich faszinierendes Werk Die Atemschaukel. Erschreckend und faszinierend, prosaisch und lyrisch gleichzeitig.

Die Erfahrungen der ZwangsarbeiterInnen: all das, was diese Menschen auch nach so langer Zeit in ihrem Herzen tragen müssen. All dem gibt Herta Müller eine Sprache, die so starkt sind, dass sie in meinen Alltag hineinwirken.

Und so schaukelt mein Atem in diesen Tagen auch in Verbindung zu all diesen Geschichten und Bildern, sehe ich in der Kälte meine Atemluft mit anderem Blick… eine leere Schaukel auf einem Spielplatz… Und wieder einmal verbinden sich aktuelle Lektüre und die Wahrnehmung im eigenen Alltag auf wundersame Weise.

Der heutige Sonntag schenkt mir eine weitere Verschmelzung, weiterlesen


08. Januar 2012

DER MENSCH ALS SOMATISCHE KREATUR

In meinem ersten Blogeintrag in diesem Jahr möchte ich Ihnen vor allem erst einmal von Herzen ein wirklich gutes, positives Neues Jahr wünschen. Ein Jahr, in welchem Sie mit Energie und Freude all das verwirklichen werden, was Ihnen wichtig ist!

Aber was ist, wenn „all das“ viel zu viel ist, um in einem einzigen Jahr realisiert werden zu können? Wenn man dafür drei Leben gleichzeitig leben oder zumindest auf extreme Weise multitasking-begabt sein müsste?

Wären Sie das gern? Dann ist vermutlich Harry Kahne Ihr Vorbild, von dem ich heute zum ersten Mal gehört habe und zwar im Kontext der Ambidextrous Performance (2006) des Künstlers Lars Siltberg, auf den ich in der Neuen Gesellschaft für Bildende Kunst gestoßen bin, um mir die Ausstellung „The Urban Cultures of Global Players“ anzusehen, die neue religiöse Bewegungen in den Metropolen der Welt thematisiert. weiterlesen


2011

 

 


23. Dezember 2011

461 MILLIONEN GESPROCHENE WÖRTER PRO LEBEN

Im Fernsehen habe ich in dieser Woche eine Sendung gesehen, in der zu allen Aspekten unseres bundesrepublikanischen Lebens die dazu gehörige Statistik geliefert wurde. So weiß ich jetzt, dass wir Deutsche im Laufe unseres Lebens durchschnittlich 461 Millionen Wörter sprechen, macht pro Tag durchschnittlich 16.000.

Kommt Ihnen das viel oder im Gegenteil eher wenig? O.k., das ist der Durchschnitt. Auf jeden schweigsamen Zeitgenossen kommt also einer, der besonders gern redet. Und das Schweigen in den vier Trappistenklöstern Deutschlands wird sicherlich mehr als deutlich ausgeglichen durch die vielen RhetorikstudentInnen an Universitäten wie beispielsweise der Uni Tübingen, die jedes Jahr eine Rede zur „Rede des Jahres“ auszeichnet.

Dieses Jahr erhielt Jean Zieglers „Aufstand des Gewissens“ diese Auszeichnung. Vielleicht haben Sie den „Skandal“ verfolgt: der Soziologe und Globalisierungskritiker Ziegler wollte diese Rede zur Eröffnung der Salzburger Festspiele halten – wäre er nicht wieder ausgeladen worden. weiterlesen


18. Dezember 2011

DAS ERSTE PARFUM, DAS NACH BUCH RIECHT

In der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung lese ich heute einen sehr interessanten Artikel über den Parfümeur Geza Schön, der den Geruch von Büchern nachgebildet hat.

Ausgangspunkt war der Film „How to make a book with Steidl“ von 2010. Ein Film über den bekannten Verleger Gerhard Steidl, in welchem der Fotograf Robert Frank sagt, dieser Geruch sei „Steidls Parfüm“. Und so tat sich Steidl mit Schön zusammen, mit dem Ziel, ein Parfüm zu kreieren, dessen Duft dem Geruch frisch gedruckter Bücher entspricht. Sogar Karl Lagerfeld sogar mitmachen, ist dann aber abgesprungen.

Aber wie riecht ein Buch, wie riecht Papier? „Papier riecht wie Papier. Jeder wird dazu etwas Anderes assoziieren.“ sagt Schön. Und was er dann noch sagt, finde ich sehr faszinierend: „Am Anfang steht immer eine Assoziation. Und die ist ein Wort. Insofern bestimmt Sprache, was gerochen wird.“

Folgende Eigenschaften sind für Schön typische Papier-Eigenschaften: fettig, weiterlesen


11. Dezember 2011

DER AUDI 1 KANN LESEN, WAS SIE SCHREIBEN

Beim gelangweilten Blättern in einer alten Zeitschrift, die in einer Arztpraxis auslag, bleibe ich diese Woche an einer doppelseitigen Autowerbung hängen: ein übergroßer grafisch stilisierter Griffel ist da zu sehen, der sich von oben über ein Auto legt. Es handelt sich um den Audi A1 projekt quattro.

Eine Schreibfeder in einer Autowerbung?

Da steht: „Der Audi A1 kann lesen, was Sie schreiben.“ Wow! Darüber muss ich natürlich mehr erfahren, als in der Printwerbung steht, also lese ich zuhause auf der Website von Audi weiter und lerne, dass die Rede ist von einem mit Bluetooth-Technologie ausgestatteten Touchpad, und dass dieses System nicht nur – Achtung: festhalten! – Handschriften erkennen kann, sondern auch japanische Schriftzeichen oder lateinische Buchstaben.

Ich bin beeindruckt. Heißt das, dass ich diesem Auto lediglich meine handschriftlich verfassten Notizen für eine Kurzgeschichte auf den Beifahrersitz legen müsste und er könnte das dann lesen? weiterlesen


04. Dezember 2011

DAS VERGANGENE IST NICHT TOT. ES IST NICHT EINMAL VERGANGEN.

Vor zwei Tagen ist Christa Wolf gestorben. Das macht mich traurig.

Immer wieder denke ich an sie und auch an die Berührungspunkte, die ich mit ihr und ihrer Literatur hatte. Von der ersten „Begegnung“ in Form der Schullektüre „Der geteilte Himmel“… über Diskussionen zu Kassandra… über Bücher, die ich als Buchhändlerin von ihr verkauft und gelesen habe… hin zu ihrer Anwesenheit an meiner Universität in Hildesheim, an der sie – nicht unumstritten – die Ehrendoktorwürde erhalten hat… Jahre später meine Veranstaltung LiteraturLounge im Kulturkaufhaus Dussmann, wo ich ihre damalige Neuerscheinung „Mit anderem Blick“ mit Publikum (das ebenfalls sehr zwiegespalten war) diskutiert habe… und immer wieder auch ihr Buch „Ein Tag im Jahr“, welches in meinen Tagebuchseminaren naturgemäß zur Sprache kommt.

Gregor Dotzauer schreibt im Tagesspiegel: „Wie jede bedeutende Schriftstellerin überschritt sie die Grenzen ihres unmittelbaren Erfahrungsraums.“ Nun hat sie dies ein weiteres Mal getan und ist gleichwohl noch intensiver in diesen Raum eingedrungen. weiterlesen


27. November 2011

BLEISTIFTGESCHICHTEN

In der Sendung Literaturclub auf 3sat war heute der Schweizer Schriftsteller Franz Hohler zu Gast. Moderatorin Iris Radisch befragte ihn zu verschiedenen Aspekten seines neuen Erzählungsbandes ’Der Stein’, der auch so genannte ’Bleistiftgeschichten’ enthält.

Hohler erzählt, dass er Bleistiften „schwer widerstehen“ könne, wenn er irgendwo welche findet. „Denn vielleicht enthält gerade dieser Bleistift eine Geschichte, die auf mich gewartet hat.“ Das wusste offensichtlich auch sein Neffe, der ihm einmal einen Bleistift geschenkt und gesagt hat, dass darin der dritte Teil von Tschipo (einer seiner Kinderromane, von dem es zu fraglichem Zeitpunkt bereits zwei Teile gab) versteckt sei.

Er habe diesen Schreibauftrag angenommen und tatsächlich die gesamten 14 Kapitel von „Tschipo in der Steinzeit“ mit diesem Bleistift geschrieben. Am Ende musste er mit einem roten Verlängerungsaufsatz nachhelfen, damit der Stift überhaupt noch benutzt werden konnte. Und erst, weiterlesen


19. November 2011

„GENAU SO WIE WENN ICH EIN BUCH LESE.“

Verrückt, aber wahr: Ausgerechnet in dieser Woche – nachdem ich in meinem letztem Blogeintrag über das Unverhältnis männlicher und weiblicher Lustmorde in der Literatur geschrieben habe, erhalte ich den aktuellen newsletter des transcript-Verlags, in welchem u.a. folgende Neuerscheinung beworben wird: Irina Gradinari – Genre, Gender und Lustmord. Mörderische Geschlechterfantasien in der deutschsprachigen Gegenwartsprosa.

Dazu steht Folgendes:

„Obwohl er in Kriminalpsychiatrie und Kriminologie als analytische Kategorie längst diskreditiert ist, wird der Lustmord in der Literatur am Leben gehalten. Anhand deutschsprachiger zeitgenössischer Prosawerke (u.a. E. Jelinek, T. Hettche, T. Dorn, M. Kleeberg, P. Süskind) zeigt Irina Gradinari, dass das prekäre Thema nicht nur ein attraktives Motiv ist, sondern auch eine narrative Funktion im Text erfüllt – eine konstitutive Wirkung auf Genre und Gender. Der Lustmord legt die grundlegenden gesellschaftlichen und ästhetischen Strukturen, den Umgang mit dem Körper und mit dem Anderen, weiterlesen


13. November 2011

ZORNIGE ALTE FRAUEN

In meinem Blogeintrag vom 30. Oktober stelle ich mir vor, wie es wäre, wenn eine Autorin sich den Namen „alte Frau vom Schreiben besessen“ geben würde – inspiriert vom japanischen Künstler Hokusai.

Eine Blog-Leserin, die ebenfalls schreibt, lässt mich an ihren Gedanken teilhaben und die möchte ich Ihnen nicht vorenthalten. Sie schreibt:

„Eine alte Frau vom Schreiben besessen? Sie zu sein, fände ich wunderbar. Als Name für eine Autorin? Das würde ich keiner heutzutage empfehlen. Ich habe das Gefühl, Bücher von einem Autor mit dem Namen Alter Mann vom Schreiben besessen würden Leser kaufen, aber von einer alten Frau? Dieser Begriff hat doch immer noch einen negativen Beigeschmack. Vielleicht würden das Buch ältere Frauen aus dem Regal ziehen, um zu erfahren, wer da so mutig ist, sich diesen Namen zu geben. Aber wie viele Männer würde so eine Autorin interessieren? weiterlesen


4. November 2011

VON SINNATTRAKTOREN, SINNPAKETEN UND SINNSTIFTERN

Heute vor einer Woche habe ich in Kassel an der Tagung „Geschichte/n zwischen Erfahrung und Erzählung. Von der Kunst, über das Leben zu erzählen“ des Fachverbands für Biografiearbeit teilgenommen. Besonders anregend war für mich der Vortrag von Prof. Dr. Arist von Schlippe zum Thema „Im Wissen um die alten Geschichten neue Geschichten erzählen.“

„Was nicht narrativ strukturiert wird, geht dem Gedächtnis verloren.“ (Jerome Bruner)

Dies bedeutet unter anderem, dass wir zu den Geschichten „werden“, die wir erzählt bekommen und die wir selbst erzählen. Und diese Geschichten haben manchmal die Eigenart, im Grunde aus „Nichts“ zu bestehen und gleichzeitig „hart wie Beton“ zu sein.

Auf meinem Rückweg nach Berlin im ICE-Großraumwagen lausche ich dem Gespräch einer Familie, die an einem Vierertisch sitzt. Vater, Mutter, zwei Kinder, circa zehn und fünf Jahre alt. Sie sind auf dem Weg zu den Großeltern nach Berlin und die Kinder – müde und aufgeregt zugleich – stellen alle möglichen Fragen zu Oma und Opa. weiterlesen


30. Oktober 2011

FRAU, VOM SCHREIBEN BESESSEN

In dieser Woche hat eine Ausstellung stark in mir nachgewirkt: Die Hokusai-Retrospektive im Martin Gropius Bau. Unabhängig davon, dass mich japanische Kultur insgesamt stark beeindruckt, war ich auf besondere Weise fasziniert davon Hokusais Drucke im Original zu sehen. Außerdem gab es viele literarische Bezüge: Die Namen, die er vielen seiner Bilder gab, muten an wie kleine Geschichten. Für die so genannten kibyoshi, die Populärromane, fertigte er über 1000 Illustrationen an. Er illustrierte die berühmten Scherzgedichte (kyoka) und machte den Begriff Manga bekannt, wobei seine Manga keine zusammenhängenden Geschichten erzählen, sondern Momentaufnahmen der japanischen Gesellschaft darstellen.

Besonders beeindruckt hat mich die Tatsache, dass Hokusai sich im Laufe seiner rund 50jährigen Laufbahn als Künstler mehr als 30 verschiedene Namen gegeben hat. War er in einer neuen künstlerischen Phase oder hat sich anderen Schwerpunkten und Themen gewidmet, hat er entsprechend seinen Namen geändert. weiterlesen


22. Oktober 2011

KRIMIAUTOREN PRÄSENTIEREN STRICKMODE

Anfang der Woche ist mir – ich saß gerade im Bus – ein Werbeplakat an einer Haltestelle aufgefallen: „Die spannendsten Krimiautoren und ihre Fans präsentieren die Stricktrends für den Herbst.“ Das hat mich so verblüfft, dass ich meinen mir unbekannten Sitznachbarn (einen jungen Mann) darauf angesprochen habe. Ob er glaube, dass so eine Werbung funktioniere? Er sah zuerst mich, dann das Plakat an und meinte „Keine Ahnung, ich lese keine Krimis.“

Offensichtlich gehört er also nicht zur typischen Zielgruppe von Peek & Cloppenburg, um deren Werbekampagne „Friends for Fashion“ es sich handelt. Zumindest nicht, was Strickwaren angeht. Verständlich…

Am Mittwoch blätterte ich durch den sechs-seitigen Werbeflyer (der zur Zeit vielen Zeitschriften beigeheftet ist) und konnte nachlesen, wer diese „spannendsten Krimiautoren“ sind, alles Ullstein-AutorInnen nämlich, denn es handelt sich um eine Kooperation: Elisabeth Herrmann, Michael Theurillat, Harry Kämmerer und die modelhaft aussehende Nele Neuhaus beispielsweise, weiterlesen


16. Oktober 2011

IST JOANNE K. ROWLING GENIAL?

Die aktuelle ZEIT hat – anlässlich des Todes von Steve Jobs – über Genies geschrieben und herausgefunden, dass angeblich sieben Zutaten nötig sind, „um Weltverbesserer zu werden“. Schon hier runzle ich die Stirn: warum werden Genies automatisch mit Weltverbesserung in Verbindung gebracht?

Ärgerlich und typisch zugleich, dass sich unter den zehn ausgewählten Genies „die unser Leben verändert haben“ nur zwei Frauen befinden. Noch ärgerlicher und typischer, dass diese zwei Frauen aus den Bereichen Mode und Literatur stammen. Ja, das sind die Bereiche, in denen sich weibliches Genie zeigen darf, so scheint die Botschaft zu lauten. Für mich außerdem befremdlich, dass im Bereich Mode Miuccia Prada ausgewählt wurde („genial verschränkte die Mäzenin in ihren Kollektionen Luxus mit Kunst: aha!) anstatt beispielsweise Vivienne Westwood, die seit Jahrzehnten auf geniale Weise provoziert und inspiriert.

Aber STOPP: dies ist ein literarischer blog… weiterlesen


09. Oktober 2011

WER REIEIEIEITET SO ASCHANELL… DURCH NACHT UND FIND?

Gut, der Erlkönig reitet immer noch: Am Donnerstag wurde der diesjährige Nobelpreisträger für Literatur bekannt gegeben. Es handelt sich um den schwedischen Lyriker Tomas Tranströmer, den die Akademie als einen der „größten Poeten unserer Zeit\“ ansieht und den sie unter anderem dafür ausgezeichnet, weil er „uns in komprimierten, erhellenden Bildern neue Wege zum Wirklichen weist.“

Ich finde es wunderbar, dass endlich einmal wieder ein Lyriker diesen wichtigen Preis bekommen hat, da die moderne Lyrik meiner Ansicht nach oftmals weniger wert geschätzt wird als die moderne Belletristik. Zumindest wird sie bei weitem nicht so stark beachtet. Oder wie Raoul Schrott sagt: Die Auszeichnung sei „ein Zeichen dafür, dass die Poesie als Gattung immer noch Zentrales zu sagen hat.“

Natürlich wurde auch Marcel Reich-Ranicki alias André Ehrl-König (siehe letzter blog-Eintrag) befragt, was er vom diesjährigen Preisträger halte. Er antwortete, weiterlesen


01. Oktober 2011

UND ER REITET IMMER NOCH

Der Erlkönig scheint mich zu verfolgen (siehe letzter Blog-Eintrag): vor wenigen Tagen laufe ich durch die Nesenbachstraße in Stuttgart und stehe plötzlich vor einem gay and lesbian bookshop namens Erlkönig. (Aber wieso dieser Name? Der Slogan lautet „Sagenhaft gute Unterhaltung“, aber der Erlkönig ist eine Ballade und keine Sage – oder sollte man das nicht so eng sehen? Und unter dem Logo – halb Stuttgarter Pferdle, halb Zentaur – ist zu lesen: „Der Erlkönig war ja bekanntlich ebenfalls zu Pferd unterwegs“. Hm, ein bisschen weit hergeholt, oder? Aber ein schöner Name ist es allemal!)

Dann sendet mir ein Blog-Leser eine mms: er habe gerade in einem Buchtausch-Café einen Roman ergattert, dessen Cover er mir als Foto schicken wolle: Michel Tournier – Der Erlkönig.

Und gestern erhalte ich eine mail mit der Frage, ob ich denn Martin Walsers Tod eines Kritikers gelesen hätte, weiterlesen


23. September 2011

EIN AUTO NAMENS ERLKÖNIG

O.k.: Für diese Woche habe ich Ihnen einen „doppelten Erlkönig“ versprochen. Also Folgendes: Vor kurzem habe ich den beeindruckenden Spätwestern „True Grit“ von den Coen Brüdern gesehen.

(Diese Verfilmung des gleichnamige Roman von Charles Portis, der – Übrigens Nr. 1 – von vielen ExpertInnen als einer der besten amerikanischen Schriftsteller angesehen wird, obwohl ihn praktisch Niemand kennt, ist – Übrigens Nr. 2 – eine Neuinterpretation des Western-Klassikers „Der Marshall“ mit John Wayne).

Jeff Bridges spielt den starrsinnigen, versoffen U.S. Marshall Rooster Cogburn, der von der 14jährigen Mattie angeheuert wird, den Mörder ihres Vaters zu finden. Aus einer problematischen „Geschäftsbeziehung“ wird nach und nach eine Art Vater & Tochter-Beziehung, die ihren Höhepunkt darin findet, dass Cogburn mit der wegen eines Schlangenbisses vom Tode bedrohten Mattie auf einem Pferd so schnell wie möglich durch die Nacht reitet. „Er erreicht den Hof (des Arztes) mit Müh’ und Not. weiterlesen


16. September 2011

SAUKLAUE

Auf meinen letzten Blog-Eintrag habe ich einige Reaktionen erhalten. Vielen Dank! Zwei davon möchte ich Ihnen nicht vorenthalten und so habe ich beschlossen, Ihnen von meinen Erlkönig-Erlebnissen, die ich in den letzten Tagen hatte, erst nächste Woche zu berichten.

Zum Thema ’Handschrift in Einzelbuchstaben oder zusammenhängenden Buchstaben’ hier also Auszüge aus zwei Mails:

* „Bei mir selbst hat die verbundene Schrift nicht funktioniert – ich bekam schon sehr früh eine Sauklaue. Aber mir fiel dann gleich meine 2. Heimat in Asien ein. In China gibt’s ja gar keine Buchstaben, die man verbinden könnte, nur schön komplizierte Striche, die sehr genau zu einem Zeichen zu verbinden sind. Ich bin mir ziemlich sicher, dass diese völlige Andersartigkeit dieser Sprachen und Schriften einen bedeutenden Einfluß auf die Andersartigkeit der Kultur haben. Darüber gibts sicher schon ein paar Doktorarbeiten, die nicht abgekupfert sind.“

* „Ich würde hier nicht bewerten (Trotz oder so), weiterlesen


11. September 2011

IST BUCHSTABENVERBINDEN EIN ZEICHEN FÜR HARMONIESUCHT?

In dieser Woche, die stark geprägt ist durch den 10. Jahrestag der Ereignisse am 11. September 2001, erzählt mir ein Grundschullehrer von einer aktuellen Regellockerung in Sachen Schreiben: ab sofort müssen Kinder, wenn sie schreiben lernen, die Buchstaben der Wörter nicht mehr miteinander verbinden. Die Buchstaben dürfen also separat nebeneinander stehen.

Ich erinnere mich noch an die teils sehr mühseligen Versuche, das auslaufende „Schwänzchen“ eines Buchstabens um Himmels Willen irgendwie mit dem nächsten Buchstaben verbinden zu können. Und heute noch fällt mir bei Handgeschriebenem immer auf, ob Jemand die Buchstaben verbindet oder separiert. Wie kommt es, dass wir als Erwachsene diesbezüglich so unterschiedlich schreiben? Und lassen sich irgendwelche charakterlichen Rückschlüsse ziehen nach dem Motto „Zeige mir, wie du schreibst und ich sage dir, wer du bist“?

Ist das Buchstabenverbinden beispielsweise ein Hinweis auf Harmoniesehnsucht oder darauf, weiterlesen


4. September 2011

READ & FEEL

Am 24. August ist Apple-Gründer Steve Jobbs aus gesundheitlichen Gründen endgültig als Firmenchef zurückgetreten. Einer der jetzt „wichtigsten vier Männer“ bei Apple ist Jonathan Ive, seit Jahren zuständig für den Bereich „look & feel“, wesentlicher Hauptfaktor für den Erfolg von Apple. Mich lässt seither dieser Begriff nicht mehr los und ich spiele in Gedanken immer wieder durch, ob und wie sich diese sichtbaren Design-Aspekte auf die unsichtbaren Design-Aspekte von Romanen übertragen lassen.

Das „look and feel“ entspräche dann einem „read & feel“. Die AnwenderInnen wären die LeserInnen. Der äußeren Farbwahl würden beispielsweise die sprachlichen Klangfarben entsprechen. Im Übrigen auch hier eine Entsprechung: der Erfolgsfaktor vieler Romane besteht ja darin, dass sie die Erwartungshaltung der LeserInnen vollends befriedigen, weil sie eindeutig einem bestimmten Autor zugeordnet werden können.

Die verschiedenen Schriftarten lassen sich mit bestimmten Stilen vergleichen. Das Layout von grafischen Elementen könnte seine Entsprechung haben in der Art und Weise, weiterlesen


14. August 2011

EIN ECHTES AB-RAT ERLEBNIS

In dieser Woche war ich in meiner Stuttgarter Lieblingsbuchhandlung: Rita Limacher. Diese Buchhandlung (genannt nach ihrer Schweizer Besitzerin) konzentriert sich auf Kunst und Architektur und befindet sich direkt hinter dem Kunstmuseum Stuttgart am Kleinen Schlossplatz. Ein wahres El Dorado für besondere, ästhetisch gut gemachte und sehr anregende Bücher.

An der Kasse lag dieses Mal unter anderem der Roman „Die Frauen“ von T.C.Boyle. Ich schätze Boyle als Autor, kannte dieses Buch aber noch nicht und frage Frau Limacher, wieso gerade dieser Roman an der Kasse liegt, obwohl in ihrer Buchhandlung keine Romane verkauft werden. Sie kommt sofort ins Schwärmen. Ein tolles Buch sei das, ein ganz wichtiges, das sich um die faszinierende Figur des amerikanischen Stararchitekten Frank Lloyd Wright drehe. Ein Egoman, ein überspannter Frauenheld, ein kurioser Muttersohn. „Die Frauen“ seien die drei Gattinnen und Geliebten von Lloyd Wright, weiterlesen


7. August 2011

BUCH AUF REISEN

Ist Ihnen in der freien Wildbahn schon einmal ein Buch zugelaufen? Eines, das ausgesetzt worden ist – allerdings nicht aus Lieblosigkeit, im Gegenteil! Einer Klientin ist das gerade passiert und sie hat mir ihre Freude beschrieben, als sie während einer langen Autofahrt bei einem Raststättenzwischenstopp ein einsames Buch auf einer Parkbank gefunden hat. Natürlich hat sie es aufgeschlagen… und Folgendes gelesen:

„BUCH AUF REISEN. Dieses Buch wurde weder verloren noch vergessen. Es wurde absichtlich freigelassen, damit es gefunden werden kann. Das Buch ist bei BookCrossing registriert, einem weltweiten Forum zum Lesen, Tauschen und Freilassen von Büchern. Nach dem Lesen einfach an Freunde weitergeben oder wieder freilassen.“

Derzeit gibt es über 900.000 BookCrosser und rund 8 Mio Bücher, die durch 130 Länder reisen. Nach dem Motto von BookCrossing, einem Zitat von Henry Miller aus The books in my life:

“Ein Buch ist nicht nur ein Freund, weiterlesen


31. Juli 2011

BESCHÄMT

Vor kurzem hat mein Computer seinen Geist aufgegeben. Dabei ist eine Geschichte verloren gegangen, an der ich gerade schreibe. Rund 20 Seiten waren einfach weg und ich hatte das Gefühl, dass ich nie wieder dieselben stimmigen Worte und Formulierungen würde finden können. Falls Sie selbst schreiben, ist Ihnen dieses sehr frustrierende Gefühl vertraut.

Vor zwei Tagen war der chinesische Autor Liao Yiwu, der seit drei Wochen in Berlin lebt, zu Gast im ZDF Morgenmagazin. In China musste er seinem weltweiten Publikationsverbot zustimmen. Nun wurde sein Manuskript, das er außer Landes schmuggeln konnte, in Deutschland unter dem Titel „Für ein Lied und hundert Lieder“ publiziert. Dieser „Zeugenbericht aus chinesischen Gefängnissen“ wird bereits mit Solschenizyns Archipel Gulak verglichen. Yiwu, ehemals unpolitischer Lyriker, wie er selbst sagt, wurde erst durch das Tian’anmen-Massaker von 1989 wachgerüttelt, über das er ein Gedicht schrieb, weiterlesen


22. Juli 2011

HOUSEWIFE FINDS TIME TO WRITE SHORT STORIES

Zu meinen Stoffbahneintrag vom 10. Juli habe ich mehrere Reaktionen erhalten. Interessant beispielsweise, was mir eine Webdesignerin geschrieben hat, die sich just ein paar Tage zuvor einen Erzählband von Alice Munro bestellt hatte, und in bezug auf das Roman/Kurzgeschichten-Thema schreibt: „ Vielleicht hatte es zunächst ganz praktische Gründe, dass sie Erzählungen geschrieben hat, einfach weil nur begrenzt Zeit für das Schreiben vorhanden war und so hat sie eine verdichtete Form gefunden.“

Diese pragmatische Erklärung deckt sich mit der Überschrift des ersten Porträts, das 1961 über Munro in der Vancouver Sun erschienen ist: Housewife finds time to write short stories.

Und tatsächlich hat Munro in späteren Jahren bemerkt, dass sich die Short Story als die ihr eigene Form ergeben habe, weil sie zwischen ihren anderen Tätigkeiten nie genug Zeit und Konzentration für einen Roman habe aufbringen können. weiterlesen


17. Juli 2011

LITERARISCHE FOLLOWER

Letzten Sonntag wurde der Österreicherin Maja Haderlap der Ingeborg-Bachmann-Preis 2011 für ihren autobiografisch grundierten Romanauszug „Im Kessel“ verliehen, eine dichte Evokation des Leides der slowenischen Minderheit in Kärnten und der großen Opfer ihres Widerstandskampfes gegen die Deutschen. Über diesen Wettbewerb habe ich mich übers Internet und in Zeitungen informiert.

Drei Tage später verfolge ich im Rahmen der Frauenfußball WM das Spiel Japan gegen Frankreich auf einem I-Phone, und zwar über den Live-Ticker der Kicker Website, da ich an diesem Abend keinen Zugang zu einem Fernsehgerät habe.

Ich frage mich, ob es in den nächsten Jahren ebenso selbstverständlich sein wird, den Bachmann-Wettbewerb und andere hochkarätige Literaturwettbewerbe – literarische Meisterschaften sozusagen – ebenfalls über Live-Ticker zu verfolgen.

Natürlich wird mittlerweile wie selbstverständlich getwittert von solchen Wettbewerben (und im Anschluss daran präsentierte beispielsweise Literaturcafe.de die 502 tweets ihres Autors Wolfgang Tischer wiederum auf ihrer Website.)

Ich könnte also über eine entsprechende Suchfunktion auf twitter.com recherchieren, weiterlesen


10. Juli 2011

EINE ART KLEINE SCHWESTER

Heute wird die Short Story -Meisterin Alice Munro 80 Jahre alt. Es gibt wohl kaum eine andere Autorin, die sich seit Jahrzehnten auf die literarische Form der Kurzgeschichte konzentriert und diese auf solch hohem Niveau hält, dass sie seit Jahren unter anderem für den Literaturnobelpreis gehandelt wird. Aber einen Nobelpreis für Kurzgeschichten?

Was macht diese Geschichten so besonders? Zum Beispiel, dass sie auf den ersten Leseblick harmlos daherzukommen scheinen und – je genauer man liest – „die Wucht von Tragödien“ haben und „Romane füllen könnten“, wie die Berliner Zeitung passenderweise schreibt. Aber warum schreibt sie dann keine Romane?

Das fragen sich vor allem LeserInnen, die die weit verbreitete Meinung teilen, nur Romane seien wirklich lesenswert, und Erzählungen lediglich eine Art kleine Schwester oder Vorform von Romanen, nicht wirklich befriedigend. Ein Format für SchriftstellerInnen, die einfach nicht in der Lage sind, weiterlesen


01. Juli 2011

ADOLESZENTE SELBSTFINDUNGSLYRIK

In dieser Woche habe ich mehrmals Plakatwerbung gesehen für das Deutschpoeten Open Air Festival im September im Olympiastadion. Acts werden dort auftreten, deren „Lieder (!) sich vor allem durch viel Poesie auszeichnen.“ Unter anderem Max Prosa. Noch nie gehört, macht mich aber natürlich neugierig.

Auf seiner Website wendet er sich allerdings dezidiert gegen alles Poetische, wie es scheint: „Max‘ kantige Texte haben nichts zu tun mit adoleszenter Selbstfindungslyrik und peinlicher Pubertätspoesie. Stattdessen entwirft Max Prosa surreale Szenarien voller Emotionen, schildert kleine Geschichten über große Themen und wirft zwischen den Zeilen neugierige Blicke in eine Welt, die er sich mit seinen wohlgewählten Worten selbst entwirft. Nie arrogant und verkopft. Stets mit dem unbekümmerten Elan eines jungen Mannes. Ausgestattet mit einer Stimme, die all die Sehnsüchte fühlbar werden lässt, die man mit 21 Jahren noch mit Stolz geschwellter Brust vor sich herträgt wie eine kostbare Trophäe.“

Wow… weiterlesen


26. Juni 2011

DAS GEFÄSS PRIVATER LEKTÜREVORLIEBEN

„Ich bezeichne mich mal als gläubigen Menschen und gleichzeitig tauche ich leidenschaftlich gern in literarische Welten ein,“ mailte mir in dieser Woche eine Klientin als Antwort auf meinen letzten Blogeintrag. „Sicherlich gefestigt und geborgen in eben dieser christlichen Weltanschauung, die vielleicht für eine gewisse ’Vorauswahl’ sorgt, – aber jeder andere Lesebegeisterte setzt auch irgendeinen Maßstab an, wenn er sich seinen Lesestoff auswählt.“

Diese Vorstellung des Gefestigt- und Geborgenseins in einer Weltanschauung als Vorauswahl für die eigene Lektüre geht mir immer wieder durch den Kopf. Auch als ich mit einer Freundin vor Young-Jae Lees Installation „Behältnisse“ im Museum für Asiatische Kunst in Dahlem stehe: 313 Gefäße, feinsinnige Zylindervasen, bis zu einem halben Meter hoch. Rustikal, urtümlich, gelassen und unprätentiös stehen sie da in ihrer sandfarbenen Schlichtheit. Sie wirken allesamt geerdet und gleichzeitig zeigen sie ihre breiten Öffnungen selbstbewusst in den Raum. weiterlesen


18. Juni 2011

KOKETTERIE DES AUTORS

Am Mittwoch hatte das Theaterstück MONSTER Premiere in Bremen. Ein Schauspielprojekt von Junge Akteure zum Thema jugendliche Gewalt. Ich habe diese Produktion als Autorin begleitet. Entsprechend beschäftigen mich seit Monaten die vielfältigen Aspekte von Gewalt, selbst erlebter, selbst ausgeübter sowie medialer Gewalt. Ganz aktuell fühle ich mich mit Gerhard Roth (siehe Eintrag vom 12. Juni) verbunden, der die Möglichkeit zur Bestialität schlicht als integralen Bestandteil der Humanität betrachtet. Dies ist heutzutage keine provokante These mehr, aber deshalb natürlich nicht weniger beunruhigend.

Und ich frage mich, ob sich beispielsweise Max Frisch, dessen autobiografische Erzählung Montauk ich gerade in meinem Buchclub diskutiere, wohl tatsächlich als Monster gefühlt hat, wenn er sein Alter Ego im Buch als solches bezeichnet, indem er seine Geliebte Lynn mehrmals sagen lässt: „You are a monster, Max!“ Oder ist es eher – so die Vermutung einiger BuchclubteilnehmerInnen – eine Art von Koketterie des Autors und somit erstrecht monströs? weiterlesen


12. Juni 2011, Pfingstsonntag

DIE HEILIGE MESSE DES LESENS

Ein Artikel über Gerhard Roths Neuerscheinung Orkus titelt: „Die heilige Messe des Lesens.“ Passend zu den vielen Pfingstmessen und angelehnt an Roths Leseleidenschaft, über die er selbst schreibt: „Ich erlebte (…) die Kommunion in der heiligen Messe des Lesens.“ Seit ich diesen Satz gelesen habe, denke ich darüber nach, ob es vielleicht tatsächlich einen Zusammenhang gibt: je gläubiger ein Mensch ist, desto weniger ist er von Belletristik fasziniert. Und je größer die literarische Faszination, umso höher die Wahrscheinlichkeit einer atheistischen Lebenshaltung. Ich spreche hier nicht von Urlaubslektüren, Genreliteratur etc., sondern von existentieller Belletristik.

Mir erscheint das durchaus plausibel, und zwar aus vielen Gründen, die den Rahmen dieses blogs natürlich sprengen würden. Begeistert zu sein – be-GEISTERT -, entweder von der Welt des Heiligen Geistes oder aber von den geistigen Flügen in fiktionale Welten… Die Bibel als fantastisches literarisches Werk und Jahrhundertromane als weltliche Bibeln… weiterlesen


29. Mai 2011

HÖLLENKUNDEN

In dieser Woche hat mir eine ehemalige Teilnehmerin des ROOM SERVICE, meine Langzeit-Schreibgruppe, einen Link zum Piper Verlag geschickt: ein Aufruf an alle BuchhändlerInnen, ihre „geheimen Aufzeichnungen“ über Erfahrungen mit so genannten „Höllenkunden“ zwecks Veröffentlichung an den Verlag zu schicken.

Was Höllenkunden sind, lässt sich leicht ausmalen und als ehemalige Buchhändlerin fallen mir da sofort ein paar besondere Exemplare ein, auch wenn seit der Begegnung mit diesen rund 25 Jahre vergangen sind.

Gestern habe ich mit einer befreundeten Berliner Buchhändlerin über diesen Aufruf gesprochen. Sie sagte, sie habe davon gehört, aber sie wolle sich bewusst nicht daran beteiligen – obwohl es an entsprechendem „Material“ wahrlich keinen Mangel gäbe – sondern sich lieber auf die schönen Begegnungen konzentrieren. Eine gesunde Einstellung…

Natürlich wüsste ich zu gern, ob Sie, ja: Sie!, irgendwann in ihrem Leben (ein besonders dunkler Augenblick… weiterlesen


22. Mai 2011

GEDICHTE SIND WIE TAXIS

Eine Kollegin hat mir ein Gedicht des Lyrikers Klaus F. Schneider an mich weitergeleitet, in welchem folgende drei Zeilen vorkommen (ja: kleinschreibung und kommasetzung original):

texte sind wie taxis.

texte sind wie taxis die dich unterwegs aufgabeln

oder an dir vorbeirauschen.

Was halten Sie davon? Gedichte als Taxis? Eigentlich ein schöner Gedanke. Taxis kann man sich heranwinken (ohne zu wissen, in welches Gedicht man einsteigen wird). Man kann sie telefonisch ordern und beispielsweise ein „Hundetaxi“ oder „Lastentaxi“ bestellen. Dann bekommt man – im ersten Fall – vielleicht ein leichtfüßiges Gedicht von Robert Gernhardt oder – im zweiten Fall – ein gewichtig gereimtes klassisches. Oder aber alle vorbeifahrenden Taxis sind bereits besetzt so wie die Gedichtbände, in die man hoffnungsvoll hineinblättert und die dann alle nichts wirklich Neues zu bieten scheinen. Oder sie rauschen vorbei, weiterlesen


15. Mai 2011

ES IST NICHT DIE ZEIT FÜR ICH-GESCHICHTEN

Heute ist Max Frischs 100. Geburtstag. Auf allen Kanälen Beiträge, Kommentare, Anekdoten. Immer wieder die Frage: wird Frischs Werk, um das es in den letzten Jahren Still(er) war – von Schullektüren abgesehen – wieder lebendiger werden? Ist Frisch noch aktuell?

Ganz aktuell danke ich allen, die mir in der letzten Woche Gedanken zu Frisch gemailt haben. Aus einer Mail (vielen Dank, J.!) möchte ich heute zitieren – sie scheint mir repräsentativ für so manche Re-Lektüre seiner Romane: „Max Frisch hätte ich früher als meinen Lieblingsautoren bezeichnet. Vor einiger Zeit hatte ich gedacht, ich gucke ´mal, wie er heute so auf mich wirkt und war ganz erstaunt, dass ich \“Stiller“ relativ schnell beiseite gelegt habe und dachte, dass die Zeit etwas darüber weg gegangen ist, obwohl er ja eigentlich ein immer aktuelles Thema von Suche nach Identität thematisiert. Sehr merkwürdig!“

Und am Ende ihrer Mail zitiert J. weiterlesen


8. Mai 2011

GESCHICHTE IN GROSSBUCHSTABEN

Es geht nicht anders: auch diese Woche steht mein Blogeintrag im Zusammenhang mit einer Zugfahrt. Dieses Mal nach Hamburg. Auf dem Weg dorthin lese ich in einer Biografie über Max Frisch, der mich in den nächsten Wochen stark begleiten wird: an der FU leite ich einen Buchclub sowie ein Tagebuch-Seminar zu Frisch. Seine Ansichten über Identität und über autobiografisches Schreiben finde ich seit langem interessant. So hat er 1960 einen kurzen Text unter dem Titel ’Unsere Gier nach Geschichten’ veröffentlicht. Hier schreibt er:

„Jeder Mensch, nicht nur der Dichter, erfindet seine Geschichten, nur daß er sie, im Gegensatz zum Dichter, für sein Leben hält – anders bekommen wir unsere Erlebnismuster, unsere Ich-Erfahrung, nicht zu Gesicht.“

Als ich vom Hamburger Hauptbahnhof mit einer S-Bahn weiterfahre, sehe ich von den Gleisen aus direkt neben dem Bahnhof die Rückseite der Kunsthalle. weiterlesen


1. Mai 2011

SCHNEIDER FÜNF

Gestern im ICE zwischen Bremen und Hannover lese ich in der WELT ein kurzes Statement über die Festnahme des chinesischen Künstlers und Regimekritikers Ai Weiwei, von dem niemand weiß, wo er sich befindet. Unter anderem in Deutschland erfährt er viel Solidarität, auch anlässlich der Ausstellung „Kunst der Aufklärung“, die in Peking, München, Dresden und Berlin stattfindet.

Ich sehe aus dem Fenster in die dunkel werdende Landschaft und höre plötzlich ein paar Sitze weiter eine Stimme, die sagt „Schneider Fünf“. Natürlich horcht man immer auf, wenn jemand den eigenen Namen sagt, auch wenn er in einem ganz anderen Zusammenhang steht. Im Folgenden höre ich noch Sätze wie „Welche Chance hast du denn noch, wenn er nicht annimmt?“ und „Ich hatte 14 Augen und ich wusste, du hast noch zwei Könige.“ Skat also. Dann sagt einer „Wer kommt raus?“ und – ob Sie es mir glauben oder nicht – das nächste, weiterlesen


21. April 2011

FIGUREN SIND WIE VAMPIRE

Vermutlich ist Ihnen bekannt, dass Vampir-Romane nach wie vor sehr populär sind.

Und jetzt folgendes: vor ein paar Tagen habe ich im Focus der letzten Woche ein Interview mit Michel Houellebecq gelesen, der gerade seinen neuen Roman Karte und Gebiet publiziert hat. Der Interviewer fragt ihn: „Ist das Ihr Hauptproblem beim Schreiben, die Figuren im Zaum zu halten?“ Und Houellebecq antwortet: „Es ist so, als ob du Schmarotzer nähren würdest. Kreaturen, die du zwar in die Welt setzt. Die du aber irgendwann beseitigen musst, wenn sie Oberhand gewinnen.“

Und dann: „Figuren sind wie Vampire, wie wollen unbedingt leben.“

Wenn Sie selbst schreiben, kennen Sie dieses Phänomen vermutlich. Aber vermutlich schreiben Sie keine Vampirromane, oder? Nun stellen Sie sich mal vor, wie es AutorInnen von eben diesen Erfolgsromanen ergeht, wenn sie versuchen, eine ihrer Vampir-Figuren sterben zu lassen…


15. April 2011

FORMSTRENGE ALS ANARCHIE

Seit wenigen Tagen bin ich wieder zurück in Deutschland. Ich war gespannt, welche literarische Nachricht mir als erstes über den Weg flattert. Es war die Nachricht, dass Elke Erb den Preis der Literaturhäuser 2011 erhalten hat. Dieser Preis wird jährlich einem Schriftsteller oder einer Schriftstellerin verliehen, der/die sich „im besonderen Maße um das Gelingen von Literaturveranstaltungen verdient gemacht hat.“ Das ist – gerade bei einer Lyrikerin – nicht selbstverständlich. In der Begründung der Jury heißt es unter anderem: „Elke Erbs Werk ist ein lebenslanges Tagebuch, in dem das Artifiziellste sich als das Alltäglichste offenbart, Formstrenge als Anarchie, Derbheit als Feingefühl.“

Mich interessieren SchriftstellerInnen, die in ihrer Kunst scheinbar unvereinbare Extreme zu verbinden wissen. So ließe sich beispielsweise das erlebende Kindheits-Ich und das schreibende Erwachsenen-Ich als zwei unverbundene Seelen ansehen. Dazu schreibt Erb in ihrem aktuellsten Gedichtband Meins folgendes:

Dieser Tage habe ich erblickt, weiterlesen


12. März 2011

GANZ UNVERHOFFT

Als ich in dieser Woche am Rathaus Tiergarten mein Rad abgestellt habe, sah ich auf dem Plattenboden vor der großen Glasvitrine auf dem Vorplatz große weiße sorgfältig gezeichnete Kreidebuchstaben. Um die Vitrine herum stand da: Eine Blume ist eine Blume ist eine Blume.

Dies eine Variante des berühmten Satzes von Getrude Stein: Rose is a rose is a rose is a rose.

Der Kreideblumensatz, der in einer unendlichen Schleife um die Vitrine herumgeschrieben war, hat mich so fasziniert, dass ich nicht mal geprüft habe, was in der Vitrine selbst drin ist. Vielleicht gab es irgendeinen Bezug? Es war mir egal. Denn es kommt nicht oft vor, dass man im öffentlichen Raum auf visuelle Poesie stößt


06. März 2011

AUS DEM WILDEN HOLD UND MILD

Beim Durchblättern eines alten SPIEGEL-Artikels zum Thema „Muße“ ist mir ein Goethe-Zitat ins Auge gesprungen, das einige Tage später noch einmal seinen Platz während eines Coaching-Termins mit zwei Klientinnen gefunden hat, als wir über das Verhältnis und mögliche Zusammenspiel zwischen einerseits„überbordenden Ideen und Möglichkeiten“ einen Text zu bearbeiten und andererseits „konzentrierter Fokussierung auf den nächsten Schritt“ gesprochen haben.

„Erst Empfindung, dann Gedanken /

erst ins Weite, dann zu Schranken.“

Diese Zeilen stammen aus einem Gedicht, das in Goethes Inschriften, Denk- und Sendeblättern seiner Gedichtsammlung von 1827 enthalten ist. Und hier kann man auch nachlesen, dass noch folgende Verse folgen:

„Aus dem Wilden hold und mild

zeigt sich dir das wahre Bild.“

Das Wahre also… das Wilde und Wahre… das Weite, Wilde, Wahre…

Diese Verse sind im SPIEGEL-Artikel nicht mehr abgedruckt. weiterlesen


27. Februar 2011

WAS PAULO COELHO SO ALLES TWITTERT

Dienstag Nacht lese ich mich durch twitter-Nachrichten zu Libyen. Der Mann auf einem Foto neben einer Nachricht kommt mir bekannt vor. Richtig: es ist Paulo Coelho, der um 8:02 pm getwittert hat: „Dictators: dyed hair is bad for your business #Gadafi #Mubarak #BenAli“

Ich gestehe, dass ich kein Paulo Coelho Fan bin, er aber offensichtlich ein leidenschaftlicher Twitterer. Jeden Tag findet man Nachrichten dieses Autors und kurz bevor ich diesen Stoffbahneintrag schreibe sehe ich natürlich nochmal nach, was es Neues gibt. „Loneliness, when accepted, is a gift that will lead us to find a purpose in life“ twitterte er gestern um 16:55. Und es kommt mir fast so vor, als ob dies eine Nachricht an jene Diktatoren sein könnte, die sich ihr Haar färben.


19. Februar 2011

SIND DAS GEDICHTE? NEIN, DAS IST DAS LEBEN.

Gestern auf der Berlinale habe ich den faszinierenden Film „Made in Poland“ (Regie: Przemyslaw Wojcieszek) gesehen. Bogus, der jugendliche Held des Films fühlt eine unbändige Wut, die er selbst nicht definieren kann, aber er weiß, dass nur die “Revolution” ihm helfen wird. Als Symbol für seine Haltung hat er sich “Fuck You” auf die Stirn tätowieren lassen. Auf seiner Suche nach Mitstreitern trifft er auf seinen ehemaligen Lehrer, der zwar nicht an Revolution interessiert ist, dafür aber Lyrik liebt und rezitiert. Als Bogus ihn fragt „Sind das Gedichte?“ antwortet er „Nein, das ist das Leben…“

Als ich im Anschluss an den Film im Café gegenüber ein „Pistacchi di Bronte“ (Schokolade mit Pistazien) in der Auslage sehe, denke ich an Emily Bronte und ihre Gedichte. Also blättere ich zuhause ein wenig und finde Zeilen, die das „Fuck You“ auf der Stirn von Bogus in Gedanken verwandeln. weiterlesen


13. Februar 2011

NACH IDEENFISCHEN ANGELN

Gestern auf 3Sat die Dokumentation „Das war Thomas Bernhard“, ein Porträt von 1994, anlässlich seines Todestages sowie seines 80sten Geburtstags. Es fasziniert mich immer wieder, diesen Mann in seiner Ambivalenz zwischen Nüchternheit und Emotionalität, zwischen Abwesenheit und Präsenz zu erleben. Und wie immer bekommt man diese geschliffenen Sätze geschenkt, die Bernhard auch in Interviews von sich gab. Diesen hier habe ich notiert: „Schreiben ist ein bisserl wie Fischen. Man wirft die Angel hinein und sitzt halt… Da gehört Anstrengung dazu, nicht?“

Ein schöner Vergleich. Denn wie beim Angeln weiß man auch beim Schreiben nicht, ob ein Ideenfisch oder eine neue Fischfigur anbeißen wird. Und wenn – ob es ein großer ist oder ein kleiner. Wie lange wird man sich von ihm ernähren können?

Und was machen Sie, wenn Sie einen ungenießbaren fangen? Einen Klischee-Fisch vielleicht, oder einen künstlich-gedrechselten. weiterlesen


4. Februar 2011

EU-PHORISCHE LEKTÜRE

In der letzten druckfrisch-Sendung mit Denis Scheck interviewt er unter anderem Aris Fioretos, dessen Roman Der letzte Grieche gerade bei Hanser erschienen ist. Scheck ist vom Buch unter anderem deshalb begeistert, weil es „die erogenen Zonen des Lesers antastet.“ Der Aspekt der Körperlichkeit beim Lesen eines Buches ist ein hochspannender! Haben Sie mal darauf geachtet, was sich in Ihrem Körper verändert, wenn Sie mit Freude und Lust (sozusagen) einen Roman lesen? Auch Fioretos greift die hingeworfenen Themenangel gern auf und spricht von körperlichen Reaktionen, von sinnlicher Erfahrung, von der Körpertemperatur, die sich verändere, vom Herzschlag etc. „Gute Literatur hat die Fähigkeit, körperliche Reaktionen hervorzurufen,“ sagt er.

Ich will ergänzen: Natürlich hat auch schlechte Literatur diese Fähigkeit. Denn für Ihren literarisch anspruchsvollen Geist (…) ist ein grottenschlecht geschriebenes Buch natürlich ein lesensgefährlicher Stressor.

Entsprechend lassen sich die typischen drei Stressreaktions-Phasen auf das Lesen eines solchen Buches übertragen: von der Schock-Phase („Um Himmels Willen, weiterlesen


28. Januar 2011

IST LESEN SEXY?

Vorgestern Abend hat in meinem Mail-Account die originelle und humorvolle Nachricht einer Klientin bereits auf mich gewartet, als ich von meinem Buchclub und dem anschließenden Stil-Workshop nach Hause gekommen bin.

In meinem Kopf waren noch Überlegungen zur Virginia Woolf’schen Ausprägung des stream of consciousness. Dazu passend hatte sich im Workshop das variantenreiche Thema „Monolog“ in den Vordergrund gespült.

Die Mail machte mich auf meinen fehlenden Stoffbahn-Eintrag der letzten Woche aufmerksam. „Da sitzt man im Büro, das Wetter ist gruselig kalt und man will mal in einer ruhigen Pause mit einer Tasse Kaffee den neusten Blog von Dir lesen. Aber nix da!“ lese ich und überlege (in einem inneren Monolog) sofort, welcher nächste Eintrag dieser mail am besten gerecht werden könnte. Dabei blättere ich im aktuellen Diogenes Magazin und bleibe auf S. 16 hängen: einer Collage mit Fotos der lesenden Marilyn Monroe, weiterlesen


14. Januar 2011

DER GUTE VORSATZ, SICH DER ENTSCHLÜSSE ZU ENTHALTEN

In der nächsten Woche startet mein neuer Buchclub an der Freien Universität. Im Mittelpunkt steht dieses Mal Virginia Woolf. Und wieder geht es mir so, dass ich fasziniert eintauche in ihre Welt, ihre Denkweise, Überzeugungen und auch ihre Zweifel und Ängste. Welch Glück, dass sie uns über ihre Romane, Essays und Tagebücher an ihren Gedanken teilhaben lässt.

In der Vorbereitung für den Buchclub bin ich auf eine Unmenge interessanter Zitaten gestoßen, die ich am liebsten alle hier notieren und mit Ihnen teilen würde… aber ich will nicht übertreiben und wähle also EIN Zitat aus, das zum Jahresbeginn und den Vorsätzen passt, die man sich manchmal macht.

Wie fast jedes Jahr legte Woolf auch für das Jahr 1931 Ihre Ziele fest. Sie beabsichtigte, „keine neuen Verpflichtungen einzugehen“, wünschte sich „mit mir selbst frei und freundlich umzugehen und mich nicht zu kasteien“. weiterlesen


2010

 

 


19. Dezember 2010

IST DER HSV EIN LESEZIRKEL?

„Ist der HSV ein Literaturzirkel?“ Diese Frage stellt der Kommentator der ZDF Sportreportage am 12. Dezember. Hintergrund: HSV-Torwart Frank Rost, der dafür kritisiert wurde, dass er Mannschafts-Interna nach außen getragen hat, hat in einem Interview kryptisch formuliert „Ich komme mir vor wie beim Zauberlehrling.“ Eine Auflösung des Satzes wurde von keiner Seite aus geleistet. Meint er den Vers „Die ich rief, die Geister, werd’ ich nun nicht los“? Und wer sind diese Geister? Das Bild von Rost als Zauberlehrling jedenfalls wurde ICH nicht los.

Als dann in derselben Sendung in einem Porträt des portugiesischen Ausnahmetrainers José Mourinho dessen Spitzname verraten wird – Tom Sawyer (weil er an der Seitenlinie immer hin und herhüpft wie Tom) – bin ich vollends entzückt: Goethe und Twain sozusagen Teil der Fußballwelt.

Aber es geht noch weiter: drei Tage später, letzten Mittwoch, weiterlesen


11. Dezember 2010

LIEBLINGSFLOPS

Heute muss ich eine Ausnahme machen, und ein P.S. zu meinem gestrigen Eintrag schreiben. Grund: nachdem ich den Eintrag online gestellt hatte, habe ich mir die Wiederholung der aspekte-Sendung angesehen. Hans Magnus Enzensberger erzählte gerade von der Bedeutung des Scheiterns anlässlich seines neuen Buches ’Meine Lieblingsflops’.

„Der Flop ist ein wunderbares Hilfsmittel, eine Therapie geradezu, weil der Künstler an sich neigt ja zum Größenwahn, zum Narzissmus, zu Eitelkeit, zu all diesen Berufskrankheiten. Und wenn die Sachen schiefgehen, ist die Sache irgendwie redimensioniert.“

Mich hat das Interview angeregt und amüsiert (wie es mir mit Enzensberger immer geht), und plötzlich dachte ich: Halt! Im eigenen Schreiblabyrinthgarten verloren gegangen zu sein und das Gefühl des Scheiterns zu haben: wie gut! Ein tagesaktueller Flop sozusagen, in den man sich verrannt hat.

Also: lassen Sie Ihr Handy in der Tasche! weiterlesen


10. Dezember 2010

EIN BUCH IST WIE EIN GARTEN, DEN MAN MIT SICH HERUMTRAGEN KANN

Auf meinem Schreibtisch steht momentan eine Postkarte, die mir eine Klientin geschickt hat. Darauf ein persisches Sprichwort: „Ein Buch ist wie ein Garten, den man mit sich herumtragen kann.“

Schließen Sie bitte mal kurz die Augen…. An welche Art Garten haben Sie gerade als erstes gedacht? An einen bodenständigen bunten Bauerngarten? Einen wilden Garten im englischen Stil oder einen japanischen Zen-Garten, der zur Kontemplation und nicht zum Betreten angelegt wurde? Und was meinen Sie, was Ihre erste Assoziation über Ihre Vorliebe für Bücher aussagt? Bücher, die Sie lesen wollen. Aber auch: Bücher, die Sie schreiben wollen? Und schreiben Sie vielleicht gerade an dieser Art von Garten? Oder haben Sie sich im Gegenteil in einem labyrinthischen Garten verirrt und finden den Weg nicht mehr heraus? Vielleicht kann ich Ihnen helfen. Melden Sie sich. (Ich hoffe, Sie haben Ihr Handy dabei und vor allem Empfang. weiterlesen


03. Dezember 2010

DIE STRATEGIE DES UMKREISENS

Morgen ist im Theater Freiburg Premiere von Elfriede Jelineks Theatertext ’Rechnitz (Der Würgeengel)’. Das Besondere: Regisseur Marcus Lobbes bringt das gesamte Textkonvolut von Jelinek auf die Bühne und trifft nicht – wie sonst üblich – eine Auswahl aus den so genannten ’Textflächen’, die ohne Rollenzuweisungen sind und die Jelinek als Angebote fürs Theater ansieht. So wird jede Inszenierung zu einem eigenen Stück und das Thema „Texttreue auf der Bühne“ erhält eine ganz besondere Interpretation.

Lobbes Variation dauert rund viereinhalb Stunden, aber ihm gehe es nicht um Rekorde, sagt er, sondern um die Erfahrung, „was so ein Text, der sich ums Erinnern, Vergessen und Verdrängen dreht, mit uns macht, wenn ein Material nicht enden will“ beim Versuch, das Unsagbare in Worte zu fassen und das Ungeheuerliche zu umkreisen, ohne jemals sein Zentrum zu erreichen.

Diese strategische Vorgehensweise des Umkreisens halte ich auch für bestimmte Schreibphasen – speziell im autobiografischen Kontext – als außerordentlich wertvoll. weiterlesen


26. November 2010

WISSEN VERSUS WEISHEIT

Sie kennen doch sicher diese kleinen Teebeutelsprüche mit östlichen Weisheiten, die an jeder Yogi-Tee Tasse baumeln? Sie sind durchaus ansprechend und auch anspruchsvoller als beispielsweise die Glückskeks-Sprüche, die sich mit Überzeugungen wie „You will triumph over your enemy“ einschmeicheln wollen.

Nun habe ich vorgestern über einen Yogi-Tee Spruch nachgedacht, der lautet „Durch persönliche Erfahrung wird Weisheit zu Wissen“. Ist es nicht genau umgekehrt? Müsste es nicht heißen „… wird Wissen zu Weisheit“?

Beide Behauptungen im übrigen wunderbare Prämissen, auf deren Grundlage Sie einen Roman schreiben könnten. Im Land der Prämissen sind beide Aussagen gleich wahr. Das ist das Schöne daran. Was mich aber interessiert: welche Prämisse würden Sie wählen?


19. November 2010

DIE FRAU MIT DEN FÜNF ELEFANTEN

Letztes Jahr erschien der Dokumentarfilm „Die Frau mit den 5 Elefanten.“ Gemeint ist Swetlana Geier, die berühmte Übersetzerin aus dem Russischen. Die fünf Romane ihres Lieblingsautors Dostojewski, den sie ununterbrochen seit 22 Jahren übersetzte, bezeichnete sie als ihre fünf Elefanten.

Im Film gibt es eine Stelle, in der Geier einen Seidenstoff sorgfältig prüft. Die ZEIT schrieb zu dieser Szene: „Ob es sich um einen Rock oder um einen Roman handelt – es ist der gleiche Vorgang. Wenn Swetlana Geier den Seidenstoff prüft, zeigt sich plötzlich, wie sie die Übersetzbarkeit von Sprache prüft. Wenn sie Zwiebeln schneidet, die Teetasse hält, eine gestickte Tischdecke streichelt, wenn sie, anders gesagt, mit Materiellem umgeht, wird ihr Umgang mit dem Ideellen sichtbar: der Melodie eines Satzes, dem Sinn einer Romangeschichte, der Bedeutung eines russischen Verbs.“

Dies hat sie zuletzt mit Dostojewskis Aufzeichnungen aus dem Totenhaus versucht. weiterlesen


12. November 2010

DIE RITTER DES KONJUNKTIV

Gestern erhalte ich eine personalisierte mail von Amazon. Sie schreiben mir: „ Entdecken Sie die Bestseller 2010: Ihre beliebtesten Produkte des Jahres haben wir bis zu 50% reduziert.“ Natürlich bin ich interessiert, was Amazon als meine beliebtesten Produkte ansieht. Und natürlich wird mir schnell klar, dass nicht ich gemeint bin, sondern alle KundInnen insgesamt. Und natürlich ahne ich, was mich erwartet, wenn ich die empfohlenen Romane anklicke. Aber eine Überraschung gibt es dann doch. Denn im verborgenen Garten, in welchem Hummeldumm für jede Lösung ein Problem hat (was gut gegen Nordwind ist, die Tore der Welt öffnet und somit mieses Karma hereinlässt) – in diesem verborgenen Garten also, zwischen einer Bücherdiebin und der Mütter-Mafia, haben sich die Physiker hineingeschlichen… Tatsächlich kommt Dürrenmatts Stück unter diesen aktuellen Bestsellern vor (ich befürchte allerdings, es liegt daran, dass es die meistgelesene Schullektüre ist.)

Ich will mehr wissen und bekomme von Amazon den ersten Satz des Buches präsentiert: Ort: Salon einer bequemen, weiterlesen


05. November 2010

DER MEDIA-MARKT AUF DEN SPUREN VON DIETHER KREBS

Sicher kennen Sie den wunderbaren Sketch von Diether Krebs und Iris Berben, in welchem sie ein Ehepaar spielen und die Frau zu ihrem Mann sagt: „Als ich aus dem Fenster sah, graute der Morgen.“ Und ihr Mann antwortet „DEM Morgen!“

An diesen Sketch muss ich momentan immer denken, wenn ich die grelle MediaMarkt-Plakatwerbung an Bushaltestellen sehe, in der Mario Barth sagt: „Männer gehen nicht auf den Markt, sondern IN den Markt.“

Ich finde die Parallelen verblüffend: der artikelbezogene Sprachwitz. Die indirekt mitschwingende Mann/Frau-Thematik. Ein Komiker/ein Comedian. Aber wenn Sie denken, der Krebs hätte sich sicher nie mit einem Baumarkt eingelassen, dann sehen Sie sich mal das an.

Vielleicht sollte ich mal ernsthaft bei MediaMarkt nachfragen, ob die aktuelle Werbung eine Hommage an Diether Krebs ist.


31. Oktober 2010

„DER BEGRIFF NERVT EHER.“

Eine Klientin hat mir ein Büchlein mit dem Titel ‚Mysterium Kreativität’ geschenkt, in welchem 13 verschiedene KünstlerInnen jeweils Antworten auf dieselben Fragen zu diesem umfassenden Begriff geben. Dass der Begriff Kreativität auf sehr ambivalente Assoziationen stößt, erlebe ich natürlich seit vielen Jahren. Und immer empfinde ich auch ein Unbehagen, mich als Dozentin für so genanntes Kreatives Schreiben zu bezeichnen, denn diese deutsche Übersetzung wirkt schnell harmlos, hölzern, altbacken und begrenzt – unter anderem auch im Vergleich zum originalen Creative Writing.

Hier drei Antworten auf die Frage „Wie definieren Sie Kreativität?“:

  1. „Sich auf Entwicklungsprozesse einlassen können und auf Verwandlung und Paradoxien. Im Scheitern liegt das Entwicklungspotential für das Neue. Somit wird das durchhalten können zu einem wichtigen Teil der Kreativität.“
  1. „Die wunderbare und gleichberechtigte Ausgewogenheit (Tremezza von Brentano)
  1. „Keine klare Definition.
  2. weiterlesen

22. Oktober 2010

STREAM OF UNCONSCIOUSNESS

In diesem Semester werde ich an der FU einen Buchclub zu Virginia Woolf anbieten. Eine Teilnehmerin an früheren Buchclubs, der ich gerade in anderem Zusammenhang wiederbegegnet bin, hat mir vor einigen Tagen erzählt, dass sie geträumt habe, sie würde Folgendes zu mir sagen: „Mrs. Dalloway ist ein wundervoller Roman.“

Mrs. Dalloway wird tatsächlich Thema im Buchclub sein und dieser schöne Traum wird mich sicherlich direkt in einen stream of consciousness hineinkatapultieren. Und ich überlege, ob Träume ein stream of consciousness in Vollendung sind, oder im Gegenteil eher ein stream of unconsciousness? Was meinen Sie?


17. Oktober 2010

FISH-STEW À LA IAN MC EWAN

Am Samstag vor einer Woche hat eine Freundin auf meine Frage, welches Buch ihr in letzter Zeit besonders gut gefallen hat, geantwortet: Saturday von Ian McEwan. (Diesen Roman habe ich noch nicht gelesen, aber der Autor ist mir nicht zuletzt deshalb vertraut, weil ich in meiner Buchhändlerinprüfung vor nunmehr fast 25 Jahren über seinen Roman „Der Zementgarten“ geschrieben habe.) Am gestrigen Samstag laufe ich in der Oldenburger Bahnhofsbuchhandlung instinktiv auf einen der schönen alten Drehständer zu, in denen Taschenbücher nach Verlagen geordnet sind. Die Diogenes-Drehständer gefallen mir immer besonders gut, weil sie aufgrund Ihrer einheitlichen Cover ganz in Weiß getaucht sind: Die einzige kleine Oase, in der sich das Auge an solch einem Ort ausruhen kann.

Und was lacht mich an? Natürlich Saturday von McEwan. Ich blättere und bleibe auf Seite 109 hängen: „Er lauscht dem lieblichen An- und Abschwellen von Schuberts Musik.“ Hm… weiterlesen


9. Oktober 2010

WEGGEFLOGEN. FREI.

Es prallte gerade ein kleiner Vogel gegen die Fensterscheibe meines Arbeitszimmers, als ich las, dass der diesjährige Literaturnobelpreis an Mario Vargas Llosa geht. Ein Schriftsteller, der auch politisch sehr stark engagiert ist und dessen Werk zentral mit dem Thema Freiheit verbunden ist. Die Verbindung von Literaturpreisen und politischem Engagement wurde gerade vom Autor Jonathan Franzen stark kritisiert. Nach neun Jahren, angefüllt mit vielen Schreibblockaden und Depressionen, hat er seinen neuen Roman veröffentlicht. Titel: Freiheit. Auf die Frage, was ihm geholfen habe gegen seine Schreibwiderstände, antwortet er immer wieder „Die Vögel“. Franzen liebt es, intensiv Vögel zu beobachten, auch wenn es ihm peinlich sei, denn es höre sich so an, als hätte ein Schriftsteller sich überlegt, welches Hobby die perfekte Metapher für die Schriftstellerarbeit abgeben würde: „genau hinsehen, Geduld haben und schließlich das Schöne und Wahre im Kleinen entdecken.“

In dieser Metapher liegt auch Freiheit verborgen, weiterlesen


1. Oktober 2010

40: DIE INOFFIZIELLE ALTERSGRENZE

Wer sich mit einem Exposé an eine Agentur wendet, steht u.a. vor der Herausforderung, etwas über sich selbst preis zu geben, beispielsweise das Alter. Auch einige meiner (weiblichen) Klientinnen zögern, ihr – nicht mehr jugendliches – Alter zu nennen, weil sie sich davon Nachteile erwarten. Ernst zu nehmende Themen: Die Rolle, die für eine Agentur das Alter einer noch unbekannten Autorin spielt, die ihren ersten Roman veröffentlichen will sowie das Zusammenspiel von Alter, Vita, Genre, Zeitgeist, Werbestrategie etc.

Gerade hat sich auch Harald Martenstein in der ZEIT dieser Aspekte angenommen. Und wenngleich er das auf gewohnt locker-ironische Weise macht, so wird der Ernst der Lage doch deutlich, wenn er schreibt, dass in der Unterhaltungsliteratur ein Alter von 40 Jahren die „inoffizielle Altersgrenze“ zu sein scheint. Viele Bestsellerautorinnen verschweigen ihr Alter und sind auf Fotos als Dreißigjährige zu sehen. weiterlesen


24. September 2010

WARUM ES GUT IST, SICH NICHT ALLZU SEHR BEEINDRUCKEN ZU LASSEN

Gestern wurde Christa Wolf für ihren Roman ‚Stadt der Engel oder The Overcoat of Dr. Freud‘ mit dem Uwe-Johnson-Preis ausgezeichnet. Ihr Buch hat bei Erscheinen viel negative Kritik geerntet. Wolf sei zu weit übers Ziel hinaus geschossen mit ihrer Art der literarischen Collage, die nun vollends um sich selbst kreise. Dies hätte kaum eine künstlerische Qualität, wäre schwer lesbar und mache keinen Sinn.

Nun erhält sie einen weiteren Preis dafür. Begründung: Wolf entwerfe „ein faszinierendes Netzwerk, in dem die Ich-Erzählerin alltägliche Begebenheiten, Assoziationen, Erlebnisse, Gefühle und Erinnerungen verwebt.“

Ist das nicht ein wunderbares Beispiel dafür, wie unterschiedlich man denselben Aspekt wahrnehmen, interpretieren und beschreiben kann? Lassen Sie sich also bezüglich Kritik zu Ihren Texten nicht allzu sehr beeindrucken: zu jeder möglichen positiven gibt es auch das Gegenstück einer möglichen negativen, und umgekehrt. Wichtig ist aus meiner Sicht vielmehr, weiterlesen


18. September 2010

EIN BUCH SCHREIBEN, UM EINE NEUE WELT ZU ERKUNDEN

Cornelia Funke, die „erfolgreichste Autorin Deutschlands“ (Kriterium des Erfolgs? Auflagenhöhe!), die seit fünf Jahren in Los Angeles (übrigens im ehemaligen Haus von Faye Dunaway) wohnt, hat in dieser Woche weltweit zeitgleich den ersten Band ihrer neuen Romanreihe „Reckless“ auf den Markt gebracht. Interessant dabei ist, dass sie zum ersten Mal ein Buch gemeinsam mit jemand anderem entwickelt hat, nämlich dem Filmproduzenten Lionel Wigram. So kann man sich vorstellen, dass bei der Entwicklung auch Überlegungen zur Verfilmbarkeit eine Rolle gespielt haben. Beide waren eigentlich an einer E.T.A. Hoffmann-Idee dran. Dabei haben sie „eine ganz eigene Welt entwickelt und ich hatte Lust, sie in einem Buch zu erkunden.“ Ist das nicht eine schöne Formulierung? Ein Buch zu schreiben, um eine Welt zu erkunden.

Die beiden haben monatelang jeden Tag mehrere Stunden an der Geschichte gearbeitet, Figuren und Motive diskutiert etc. weiterlesen


10. September 2010

DAS LEICHTE IST RICHTIG

In einem meiner Zitatenkalender schlage ich heute folgendes Zitat von Tschuang-Tse auf:

Das Leichte ich richtig.

Beginne richtig, und es ist leicht.

Fahre leicht fort, und es ist richtig.

Der richtige Weg, das Leichte zu finden, ist,

den richtigen Weg zu vergessen

und zu vergessen, dass er leicht ist.

Dieses Zitat lässt sich natürlich auch wunderbar auf das eigene Schreiben beziehen. Was halten Sie davon? Und wie könnte man konkret profitieren, wenn man beispielsweise an einem writer’s block, einer Schreibblockade, leidet? Geht es dann umgekehrt vielleicht darum, zu vergessen, dass es SCHWER ist? Freue mich auf Ihre Meinung und Erfahrung.


03. September 2010

LITERARISCHE STILLE IST NEGATIV

Im Tagesspiegel habe ich einen Artikel über Hörbücher gelesen, in welchem es unter anderem auch um das Thema „Stille, Geräusche, Sounds“ geht. Interessiert hat mich vor allem ein Hinweis auf eine Untersuchung von Murray Schafer, wonach in 80 Prozent aller Fälle, in denen Worte wie ’Stille’ und ’Schweigen’ in der modernen Literatur auftauchten, ein negativer Kontext existierte, während die gleichen Worte zu Goethes Zeiten positiv konnotiert waren. Ich habe etwas recherchiert: Die Untersuchung von Schafer ist schon älter. Also frage ich Sie: was ist Ihr Eindruck? Stimmt diese negative Konnotation in der aktuellen Literatur immer noch? Und was ist mit den ganzen Bestsellern, in denen sich alles um die Sehnsucht nach und die positiven Erfahrungen von Einkehr, Rückzug, Stille dreht? Oder hat sich die literarische Welt geteilt in Sachbücher mit positiver und Belletristik mit negativer Konnotation von Stille? Und sind Hörbücher für Sie in erster Linie Stille oder im Gegenteil Sound? weiterlesen


16. März 2015

LEIDENSCHAFT UND PRAGMATISMUS

Ein Coaching-Klient hat mir einen interessanten Artikel mitgebracht: im Namen der Überschrift „Schreiben kann man lernen“ erzählt die Bestsellerautorin Leah Cohn beispielsweise davon, dass sie „ohne die Aussicht, dass ein Manuskript erfolgreich vermittelt werden kann“, gar nicht zu schreiben beginnt. Und auf die Frage „Eine pragmatische Entscheidung also?“ sagt sie: „Wenn man in diesem Geschäft bestehen will, gehört neben Leidenschaft auch Pragmatismus dazu. Man sollte sich als Autor schon fragen: Was lesen die Leser gerade gern, was läuft auf dem Markt? Aber das Thema muss mich begeistern.“

Zum Wochenende für Sie also wiederum ein Wunsch: nämlich eine gelungene Balance zwischen Leidenschaft und Pragmatismus für Ihr Schreiben!

Was hat bei Ihnen gerade Oberhand? Lassen Sie es mich wissen.


20. August 2010

WAS AM SCHLUSS DABEI HERAUSSPRINGT

Seit dieser Woche bin ich wieder zurück in der Literaturschneiderei. Meine Arbeit fühlt sich vertraut an und ich freue mich auf das Wiederaufnehmen meiner Arbeitskontakte. Sie wissen vielleicht, dass mich das Thema ’Fragen’ sehr beschäftigt: als Coach, als Trainerin, als Schreibende. Und zu meiner Fragensammlung gesellte sich das dieswöchige ZEIT Magazin dazu, in welchem Moritz von Uslar 99 Fragen an Hans Magnus Enzensberger stellt.

Frage 45 gefällt mir besonders: „Was ist ein Essay?“ Enzensbergers Antwort: „Das weiß niemand so genau. Ich verstehe darunter einen diskursiven Text, bei dem ich am Anfang noch nicht weiß, was am Schluss dabei herausspringt. Es kommt, wie der Name schon sagt, auf den Versuch an.“

So wünsche ich Ihnen für Ihr Schreiben – und zwar nicht nur für Essays – echte Freude am Versuch, beim Ausprobieren und Experimentieren. Möge etwas herausspringen, weiterlesen


18. Dezember 2016

WEISS WIE EIN ROMAN

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Als ich in dieser Woche in einer Praxis für physikalische Therapie meinen Blick von der Behandlungsliege aus über die Stuckelemente an der Decke gleiten ließ, erzählte ich der sympathischen Angestellten, die mich gerade an ein Gerät anschloss, dass diese Decke auf mich so wirke, als würde man von einen Flugzeug aus auf ein puderschneebedecktes Blumenfeld in die Tiefe blicken.

Sie lachte und sagte, dass es interessant sei, was den Patientinnen und Patienten so alles einfalle, da könne sie direkt einen Roman drüber schreiben. Eine andere Patientin beispielsweise würde in den Deko-Elementen Mandalas sehen und diese während der Behandlungszeit immer gedanklich farbig ausmalen.

Ja, schreiben Sie einen Roman darüber, sagte ich. Und sie lachte wieder.

Worüber könnten Sie einen Roman schreiben?

 


09. Dezember 2016

EFFEKT vs WIRKUNG

img_5670Vielen Dank für Ihre Rückmeldungen zu den „wahren Worten“, über die ich letzte Woche geschrieben habe. Auch für eine kritische Stimme, die anmerkte, dass man in diesen Tagen mit dem Ausdruck „neue Welt“ vorsichtig sein sollte.

Umso hellhöriger war ich, als ich vor wenigen Tagen im ICE von Stuttgart nach Berlin neben einem älteren Mann saß, auf dessen Klapptischchen einige handgeschriebene A4 Blätter lagen. Mit einem Kugelschreiber strich er immer wieder Wörter durch und fügte Ergänzungen ein.

„Ich fahre zu einem runden Geburtstag. Nelli wird 80. Meine älteste Schulfreundin. Ich soll eine Rede halten,“ erklärte er mir, als eines der Blätter von seinem Tischchen rutschte und auf meinem Schoß landete. Er lächelte und sagte nicht ohne Stolz in der Stimme: „Ich habe ein paar kluge Sprüche eingebaut. Das wirkt immer.“

Natürlich war meine Neugier geweckt und ich wollte wissen, weiterlesen


02. Dezember 2016

RIEN!

img_5640Zurzeit leite ich unter anderem einen Buchclub zu Ingeborg Bachmanns Prosa. In dieser Woche stand ihre Erzählung ’Das dreißigste Jahr’ im Mittelpunkt. Natürlich reichen drei Stunden Seminarzeit bei weitem nicht aus, um diese vielschichtig philosophische und sprachlich außerordentlich faszinierende Erzählung angemessen zu diskutieren.

Und doch spinnt sich in der Diskussion bereits in dieser kurzen Zeit einer von Bachmanns roten thematischen Fäden: die Utopie.

Literatur als Utopie. Als Sinn für noch nicht geborene Wirklichkeiten.

Eine sprachliche Utopie mit suggestiver Wirkkraft ist eines ihrer Anliegen, wenn sie sagt: „Wenn aber nun die Schreibenden den Mut hätten, sich für utopische Existenzen zu erklären, dann brauchten sie nicht mehr jenes Land, jenes zweifelhafte Utopia anzunehmen – etwas, das man Kultur, Nation und so weiter zu benennen pflegt, und in dem sie sich bisher ihren Platz erkämpften.“

Dieser Gedanke einer so genannten utopischen Sprache – weiterlesen


27. November 2016

SELBSTGEBURT

img_5146Am Donnerstag habe ich an der School of Life Berlin eine Veranstaltung zum Thema Autobiografisches Schreiben durchgeführt. Im Zentrum stand der Überblick über verschiedene Autobiografische Schreibweisen sowie autobiografische Aspekte wie beispielsweise Erinnerung, Verletzlichkeit oder die faszinierende Tatsache, sich durch Autobiografisches Schreiben noch besser zu verstehen.

Tags zuvor hatte ich in einer Second Hand Buch-Spendenaktion an der Freien Universität in vielen Kartons gewühlt und neben Strawinskys Autobiografie und einem Büchlein mit dem bestechenden Titel „Wenn Bach ein Tagebuch geführt hätte…“ unter anderem auch zwei Bücher von Maxie Wander erworben.

Erstens die Originalausgabe ihres Klassikers „guten morgen, du schöne“ (ja, in kleinen anfangsbuchstaben!). Erschienen 1980 im DDR Verlag Der Morgen. Diese „19 Protokolle über Frauen unterschiedlichen Alters, verschiedener Berufe, Herkunft und Interessen“, die Furore gemacht haben.

Und zweitens ihre „tagebücher und briefe“, ein Jahr zuvor erschienen und im Vorwort mit einem Zitat von Erich Fromm:

„Die Geburt ist nicht ein augenblickliches Ereignis, weiterlesen


20. November 2016

EINE SCHRIFTSTELLERIN ALS BUNDESPRÄSIDENTIN?

img_5586Seit einigen Tagen steht Frank-Walter Steinmeier als ein offizieller Kandidat für das Amt des Bundespräsidenten fest.

Auf der Grundlage der Tatsache, dass laut Grundgesetz Artikel 54 „jeder Deutsche“ wählbar ist, der das Wahlrecht zum Bundestage besitzt und das vierzigste Lebensjahr vollendet hat“, hat Spiegel Online bereits Anfang Juni „eine Liste mit 21 denkbaren und weniger denkbaren Kandidaten zusammengestellt“, von denen jeweils zwei per Foto nebeneinander zu sehen sind. Als LeserIn kann man dann auf diejenige Person klicken, die man im Vergleich für geeigneter hält. Anschließend wird die weg-geklickte Person durch eine neue ersetzt.

Ich erinnere mich, dass ich beschämt war, als ich im Sommer diesen Test gemacht habe und als erstes Paar Wolfgang Schäuble und Herta Müller erschien.

Ja, Herta Müller, die Literaturnobelpreis-Trägerin. Und meine erste Reaktion war: ich konnte mir Müller überhaupt nicht als Präsidentin vorstellen. weiterlesen


13. November 2016

TRUMP: EIN MANN OHNE EIGENSCHAFTEN?!

img_5503Meine vergangene Woche war stark von Trumps Wahlsieg geprägt. Gewonnen hat dieser Mann gegen eine Frau, über die President Obama gesagt hat, ihr Wahlkampf sei „mehr Prosa als Poesie“.

Das war vor einigen Monaten, als der Wahlkampf noch nicht seine eskalierenden Höhepunkte erreicht hatte.

Im Laufe dieser erschreckenden Entwicklung habe ich mich immer wieder gefragt, welcher literarischen Gattung man wohl Trumps Wahlkampf zuordnen würde, wenn man Clinton mit Prosa und Obama vermutlich mit Lyrik in Verbindung bringt. Ich denke, bei Trump handelt es sich um das, was man klassischerweise als Hetzliteratur bezeichnet.

Und heute Vormittag beim ARD Presseclub zum Thema „Risikofaktor Trump?“ spricht Moderator Volker Herres in seinen einführenden Worten von einem Mann, der zwar bis dato nicht einschätzbar sei, aber gleichzeitig alles andere als „ein Mann ohne Eigenschaften“.

Dieser Vergleich ist gar nicht so schlecht, weiterlesen


06. November 2016

Z

img_5489Früher habe ich beim Buchstaben Z immer zuerst an Zorro gedacht. Seit einer Weile steht Z für mich vor allem für das Logo-Z der ZEIT-Beilage ZEIT ZUM ENTDECKEN. Und seit dieser Woche hat der Buchstabe Z eine weitere Sofort-Assoziation erhalten: Z wie Zahnarzt.

Das liegt daran, dass der Zahnarzt, in dessen Praxis ich vor einigen Monaten zum ersten Mal war, ebenfalls ein Z als Logo gewählt hat und ich von ihm einen Brief – mit entsprechendem Logo – anlässlich meines Geburtstags erhalten habe.

In diesem Brief gratuliert er mir nicht nur „von Herzen“ (was mich durchaus erstaunt, denn diese eine Begegnung würde ich rückblickend nicht als Basis für eine herzliche Geburtstagsgratulation interpretieren. Erst recht nicht, wenn ich mir überlege, dass selbst Samsonite, Eurowings und Weleda, die mir ebenfalls zum Geburtstag gratuliert haben, mit dem Begriff „herzlich“ zurückhaltend sind, weiterlesen


30. Oktober 2016

GERUHSAM WIRD COOL

img_5349Als ich am Dienstag mit dem Rad zum Hauptbahnhof gefahren bin, um dort einen Brief einzuwerfen, sah ich Ulrich Wickert, der gerade aus dem Haupteingang kam und auf ein Taxi zusteuerte. Er ging langsam, gebeugt und leicht hinkend. Dann öffnete er die hintere Tür des ersten wartenden Taxis, legte als erstes seine dunkle Aktenmappe auf den Rücksitz und setzte sich dann selbst hinein.

Ich musste an die vielen Tagesthemen-Sendungen denken, die er moderiert hatte. Wie lange war das her? Zehn Jahre? Länger? Sein Markenzeichen waren die immer gleichen Abschiedsworte „Einen angenehmen Abend und eine geruhsame Nacht.“

Geruhsam. Geruhsam. Geruhsam… murmelte ich vor mir her, während ich mit dem Rad weiterfuhr Richtung Naturkundemuseum. Wann hatte ich das letzte Mal Jemanden das Wort „geruhsam“ sagen hören? Und habe ich selbst dieses Wort jemals in den Mund genommen? weiterlesen


24. Oktober 2016

GIB MIR ZWEI ’L’! (ODER NOCH MEHR)

img_5300Nach zwei Wochen Seminarleitung in Baden-Württemberg und Hessen habe ich das Wochenende im Yoga Vidya Zentrum in Bad Meinberg verbracht. Und bereits am Eingangsbereich hat mich ein hängendes Windspiel empfangen, das mir wie der Nachklang meiner Bildungswoche auf der Akademie Burg Fürsteneck vorkam, in welcher Kreativität und Achtsamkeit im Zentrum standen. Entsprechend war unter anderem der Aspekt Perfektheitsanspruch immer wieder Thema.

Dieser Anspruch zeigt sich auch beim Schreiben, oftmals sogar beim Verfassen privater Mails. Wie oft korrigiere ich? Wie lange feile ich an Formulierungen? Und sogar bei persönlichen Tagebucheinträgen oder Notizen kann es vorkommen, dass Flüchtigkeitsfehler automatisch korrigiert werden, obwohl Niemand diese Aufzeichnungen lesen wird.

Da der Grad zwischen wohltuender Korrektheit und unter Druck setzendem Perfektionismus sehr schmal ist, kann es entsprechend hilfreich sein, diesen Anspruch auf angemessene Weise nach und nach zu besänftigen. Beispielsweise indem man diese Flüchtigkeitsfehler im privaten oder persönlichen Kontext nicht zwanghaft korrigiert. weiterlesen


14. Oktober 2016

THE TIMES THEY ARE A-CHANGIN

img_4999Bob Dylan hat den Literaturnobelpreis erhalten.

Bob Dylan den Literaturnobelpreis? Ja!

Und zwar für seine „poetischen Neuschaffungen in der großen amerikanischen Gesangstradition.“

Leonard Cohen hat Dylan den ’Picasso of Song’ genannt. Seine Songs seien die ersten gewesen, die – Zitat – „literarisches Niveau“ in die Popmusik gebracht hätten. Und Bruce Springsteen war überzeugt: Elvis Presley habe dem Rock einen Körper geschenkt, und Bob Dylan ein Gehirn.

Letztes Wochenende ist mir Elvis begegnet. In Form eines Feuerzeugs. In der Sakristei der Kirche Christi Auferstehung in Köln. Zum ersten Mal in meinem Leben war ich in einer Sakristei und zwar im Rahmen der Performance Bodyrealities der mixed-abled Tanzcompany Din A 13. Und ich war vollkommen fasziniert: von den liturgischen Gewändern, die an der Schrankwand hingen, von den gestapelten Riesenvorräten an Kerzen, von der halbvollen Messwein-Flasche Briedeler Herzchen (ein Riesling Trocken), weiterlesen


08. Oktober 2016

SMILE DAY

img_5128Vielen Dank für Ihre Antworten auf meine Frage, ob und wenn ja, was Sie auf Reisen lesen. Von „grundsätzlich nur Romane aus dem Land, in das ich reise“ bis hin zu „ich kaufe mir meist am Bahnhof oder Flughafen noch was, was mich besonders anspringt, das ist für mich ein echtes Urlaubsritual geworden“ war viel Unterschiedliches vertreten.

Und als ich gestern Vormittag am U-Bahnhof Kleistpark stand, musste ich an eine ganz bestimmte Mail einer Klientin denken, die mir Folgendes geschrieben hat:

„Ich habe auf Reisen allerdings auch schon merkwürdige Koinzidenzen/Entstehung von Bezügen erlebt. In diesem Sommer fand ich beim Wandern z.B. besonders schöne Federn (im Salzburgischen). Und kurz darauf sprang mich in einer Buchhandlung ein besonders schönes Buch an. Titel „Federn – Ein Wunderwerk der Natur“.

Koinzidenzen… Bezüge… (scheinbare) Zufälle. Genau so etwas hatte ich gestern Vormittag in Schöneberg, weiterlesen


02. Oktober 2016

ENDLICH ZEIT, ZU LESEN!?

img_4989Letzten Freitag war Start einer neuen ROOM SERVICE Gruppe: fünf Monate lang widmen sich vier Menschen besonders intensiv ihren literarischen Projekten und werden dabei von mir begleitet. Bei diesem ersten Termin haben wir plötzlich über das Verhältnis von Lesen und Reisen diskutiert und die Frage, ob einem das Lesen von Romanen und anderen fiktionalen Geschichten nicht aus dem Hier und Jetzt des Reiselandes und Urlaubsortes wegführt, wo man doch im Gegenteil besonders intensiv die neue Umgebung, die fremden Menschen, Gerüche etc. wahrnehmen will.

Und eine Teilnehmerin erzählte von ihrer Mutter, die immer gesagt habe „Wieso lest ihr denn? Wir sind doch im Urlaub!“

Auch wenn ich weiß, wie vergnüglich es sein kann, am Strand zu liegen, mit den Zehen im Sand zu spielen und dabei in einem unterhaltsamen James Hadley Chase Krimi aus den 60er Jahren zu lesen – mittlerweile lese ich im Urlaub so gut wie gar nicht mehr. weiterlesen


25. September 2016

DAS SPINNENNETZ

img_4886Das ist mein Blick, während ich gerade diesen Blogbeitrag verfasse.

Als ich vor einer Viertelstunde eigentlich über etwas ganz Anderes schreiben wollte, sah ich über dem Rand meines Laptops – zwischen zwei Gitterstäben – ein kleines filigranes Spinnennetz, das vom Wind sanft bewegt wurde.

Carly Simons Song „Itsy Bitsy Spider“ summte sofort durch meinen Kopf und verband sich mit den beeindruckenden Spinnenskulpturen von Louise Bourgeois, zu deren künstlerischen Strategien ich gerade ein Seminar leite. Bourgeouis bewunderte diese Tiere, die alles, was sie zur Beschaffung von Nahrung benötigen, aus sich selbst generieren und dabei solche filigranen Kunstwerke schaffen. Hierin sah sie eine Verbindung zu KünstlerInnen, die ihre Kunstwerke in letzter Konsequenz ebenfalls  ausschließlich „aus sich selbst heraus“ produzieren.

Und ich dachte an einen literaturdidaktischen Beitrag, den ich vor kurzem irgendwo gelesen habe, der Verfasser hieß Spinner, weiterlesen


17. September 2016

APPOLLONISCHE EFFEKTE

romantherapieGestern bin ich romantherapiert worden! In The School Of Life Berlin, unter Anleitung von Traudl Bünger, eine der drei Autorinnen des Buches Romantherapie.

The Novel Cure – so der Originaltitel – listet Romane, die bei emotionalen Symptomen wie Einsamkeit oder Liebeskummer, aber auch bei körperlichen Beschwerden wie Bluthochdruck oder Zahnweh auf literarische Weise heilen.

Dass Lesen heilsam sein kann, ist ein ebenso tröstlicher wie elektrisierender Gedanke. Neu ist er natürlich nicht.

So war bereits Apollon sowohl Gott der Dichtung als auch der Heilung und entsprechend Bruder im Geiste mit Therapeuten wie Viktor E. Frankl oder Bruno Bettelheim mit seinem Klassiker ’Kinder brauchen Bücher’ (gilt auch für Erwachsene).

Wie erfolgreich Bibliotherapie ist, wird unter anderem im Strafvollzug sichtbar. In einem brasilianischen Hochsicherheitsgefängnis gibt es beispielsweise die Initiative ’Haftverkürzung durch Lesen’, weiterlesen


09. September 2016

DER MITTELPUNKT DER ERDE

islandIn diesem Sommer war ich zum ersten Mal auf Island. Und es vergeht seither kein Tag, an welchem ich nicht an diese Insel denke, die für mich im wahrsten Sinne des Wortes immer wieder atemberaubend war. Kein Tag, an welchem ich mich nicht mit Vulkangestein, Bergen, Gletschern, der klaren Luft und den hellen Nächten verbinde.

Und immer wieder reise ich gedanklich auch zum Snaefellsjökull, einem Berg im Westen der Insel. Denn hier befindet sich der Eingang zum Mittelpunkt der Welt. Beschrieben hat dies Jules Verne in seinem Roman Voyage au centre de la terre aus dem Jahr 1864.

Verne erzählt von Professor Lidenbrock, der in Hamburg Mineralogie und Geologie unterrichtet. In einem in Runen geschriebenen Manuskript entdeckt Lidenbrock die verschlüsselte Botschaft des isländischen Alchemisten Arne Saknussemm. Saknussemm schreibt, dass ein Reisender, wenn er in den Krater des isländischen Vulkans Snaefellsjökull,  weiterlesen


03. Juli 2016

ER SIE ES-BARE ERBEEREN

IMG_2361Sommerzeit – Erdbeerzeit. Plötzlich stehen überall in der Stadt diese Riesenerdbeeren: Verkaufshäuschen von Karls Erdbeerhof. Man kommt sich vor wie in einem wundersamen Märchenland. Die riesenrotgroßen Erdbeeren werden in Pappbehältern feilgeboten, die man in einer durchsichtigen Plastitktüte in die Hand gedrückt bekommt. Diese trägt man dann wie einen Kinderschatz nach Hause, hängt sie an den Fahrradlenker oder stellt sie in der U-Bahn auf die Oberschenkel, um gedankenverloren eine Erdebeere nach der anderen zu essen.
Manchmal heissen diese Märchendinger offensichtlich auch nur „Erbeeren“. Das erinnert mich an meine badische Heimat, in der man zu Erdbeeren Erbel sagt. Da fehlt ebenfalls das „d“. Oder handelt es sich vielleicht um eine spezielle Züchtung: besonders männliche Beeren? „Siebeeren“ wiederum gab es bei Edeka, wo ich diese Erbeeren gesehen habe, nicht.
Sommerzeit – Urlaubszeit. Wenn man Glück hat. weiterlesen

26. Juni 2016

WAS UNS ALLE MITEINANDER VERBINDET

IMG_2343Danke an Alle, die mir gemailt und sich gewünscht haben, dass ich heute nochmals über Ulysses und einem weiteren prominenten Gast schreibe, den meine Seminarteilnehmerin in der Lufthansa FirstClass Lounge betreut hat (siehe letzter Blogeintrag).

Also Folgendes: sie fuhr gerade in einem Aufzug und als sich dieser öffnete, da stand… Achtung!… der Dalai Lama vor ihr.

Sie sagte, sie hätte ihn natürlich sofort erkannt und er hätte tatsächlich eine unglaubliche Ausstrahlung gehabt und… ja… er hätte sie gefragt, wo die Toiletten seien.

Allein die Vorstellung, dass sich die Tür eines Fahrstuhls öffnet und dann steht der Dalai Lama vor einem, ist unglaublich, geradezu metaphorisch und scheint direkt aus einem Traum zu kommen. Aber dazu die Tatsache, dass Seine Heiligkeit, der Dalai Lama, ganz „unheilig“ nach der Toilette fragt: Sie können sich denken, dass mir diese Szene nicht mehr aus dem Kopf geht. weiterlesen


19. Juni 2016

GUMMIBÄRCHEN FÜR UNSERE JUNGS

gummibärchenGestern bin ich von der Akademie Burg Fürsteneck zurückgekommen, wo ich eine Bildungswoche zum Thema Achtsamkeit und Kreativität geleitet habe und am Donnerstag Abend mit der gesamte Gruppe im Aufenthaltsraum saß, um unseren Jungs beim EM-Spiel gegen Polen zuzusehen.

Wir hatten Schwarzer Hahn (ein wunderbares Schwarzbier) vor uns stehen und waren mit Salzstangen und Wasabi-Nüssen ausgestattet. Es fehlten nur noch Gummibärchen, die ich aus einer der großen Schubladen herausfischte, als eine Teilnehmerin erzählte, dass sie vor kurzem die Deutsche Nationalmannschaft betreut habe.

Es stellte sich heraus, dass sie bei der Lufthansa die First Class Fluggäste betreut und natürlich wollten wir ALLES über die Jungs wissen und verpassten dabei sogar den Anpfiff, aber was das schon im Vergleich zu Informationen aus erster Hand? Aber sie hielt sich – ganz professionell – zurück und ihr war lediglich zu entlocken, weiterlesen


10. Juni 2016

VON BRILLEN- und BLUMENPLANETEN

IMG_2094In dieser Woche habe ich die erste Lesebrille meines Lebens abgeholt. Ich habe mich letztlich für eine so genannte Arbeitsplatzbrille entschieden, eine Gleitsichtbrille also, die sowohl für das direkte Lesen als auch für die Arbeit am Bildschirm ausgelegt ist und darüber hinaus noch rund zwei Meter in den Raum einen einigermaßen unverschwommenen Blick erlaubt. Theoretisch jedenfalls. Die ersten Erfahrungen im Seminarraum-Kontext waren eher ernüchternd. Aber ich will eigentlich etwas Anderes schreiben. Nämlich dass ich entzückt war, als ich im Optik-Geschäft zum Probelesen einen Karton in die Hand gedrückt bekommen habe, auf welchem in verschiedenen Schriftgrößen Texte zu lesen waren und sich diese Texte als Ausschnitte aus einem der bekanntesten Bücher des 20. Jahrhunderts entpuppt haben.

Ich habe mich gefragt, nach welchen Kriterien dieses Buch – vermutlich von der OptikerInnen-Innung – ausgewählt wurde. Davon abgesehen, dass die Ausschnitte sicherlich rechte-frei sein sollten, weiterlesen


03. Juni 2016

AUS FINANZ HAI WIRD FINANZ HAIKU

IMG_1864Dieser Zettel hängt zur Zeit an einem Bauzaun an einer Bushaltestelle in der Nähe der Berliner Fischerinsel. Und auch wenn diese Wörter mit großer Wahrscheinlichkeit auf die ebenso erschreckenden wie nüchternen Fakten der Machenschaften von Finanzinvestoren anspielen, die auf der Jagd nach Renditen über Firmen herfallen, wie es Franz Müntefering einmal ausgedrückt hat, so konnte ich doch nicht anders, als eine gewisse Bildhaftigkeit und Poesie in ihnen zu sehen, was sicherlich auch daran liegt, dass mir die Lyrik von Tomas Tranströmer in diesen Tagen sehr nah ist und ich gemeinsam mit SeminarteilnehmerInnen in die Welt der Haikus eingetaucht bin, die er ja ebenfalls geschrieben hat und die mich sowieso seit Jahren nicht mehr loslassen, und so haben sich in mir während des Wartens auf den Bus Haikus gebildet, von denen ich Ihnen eines hier notieren will und zwar nicht, weiterlesen


29. Mai 2016

LA BELLA TINA

IMG_1866Ich habe tatsächlich eine Antwort bekommen (siehe Blogbeitrag von letzter Woche)! Und wie angekündigt veröffentliche ich sie hier gerne.

Thomas Steffens von SC Events schreibt: „Unsere Frauenlauf-Website war bis vor einiger Zeit mit gendergerechtem Text versehen – danke für den Hinweis. Offensichtlich wurden hier im Zuge einer Umstrukturierung Änderungen vorgenommen bzw. neue Texte eingepflegt, die nicht berücksichtigen, dass es sich hier um einen Lauf nur für Frauen handelt. Ich werde dafür sorgen, dass der ursprüngliche Zustand wiederhergestellt wird. Wir leiten Ihre Mail gerne an unseren Co-Sponsor Erdinger weiter.“

Na, das ist doch was! Da werde ich nächstes Jahr mit doppelter Freude und dann vielleicht sogar als Heldin mitlaufen können.

Und notfalls lasse ich mir ein entsprechendes T-Shirt drucken – das dachte ich, als ich in dieser Woche in einem Wartezimmer saß, weiterlesen


22. Mai 2016

BIN ICH EIN HELD?

IMG_1815Gestern habe am 33. AVON Frauenlauf Berlin teilgenommen und bin gemeinsam mit rund 17.000 anderen Frauen durch den Tiergarten gelaufen bis ich schließlich in der Nähe des Brandenburger Tors das große blaue Ziel-Linien-Tor des Sponsors Erdinger passiert habe. Ein wunderbarer und freudvoller Moment, den ich genossen habe…

… wäre da nicht dieser kleine Beigeschmack gewesen, der mir gestern nicht wesentlich war, mir heute aber umso mehr auf Zunge und Genderseele liegt: die Tatsache nämlich, dass dieses renommierte, professionelle und perfekt organisierte Event offensichtlich noch nie davon gehört hat, dass es das Wort ’Teilnehmerinnen’ gibt.

Umso grotesker, als diese Lauf ’Frauenlauf’ heißt, ausschließlich Frauen daran teilnehmen dürfen und sich dieser Charity-Lauf außerdem das so genannte Frauenthema Brustkrebs auf die Fahnen geschrieben hat.

Die Infos heißen Teilnehmerunterlagen.

Auf einigen Unterseiten der Lauf-Website ist von Läufern die Rede. weiterlesen


13. Mai 2016

TREFFLICHKEIT KENNT KEINE GRENZEN

IMG_1731Gestern Abend habe ich zum ersten Mal die neu eröffnete Berliner Dependance der The School of Life London besucht. Wir TeilnehmerInnen haben gemeinsam mit dem Philosophen David Lauer über „Aristoteles  – Die Wurzeln der Freundschaft“ diskutiert und unter anderem einen Auszug aus der Nikomachischen Ethik gelesen, in welchem Aristoteles über die so genannte Trefflichkeit spricht:

„Vollkommene Freundschaft ist die der trefflichen Charaktere und an Trefflichkeit einander Gleichen.“

Trefflich: eines dieser Wörter, die in unserer Alltagssprache kaum mehr vorkommen. Auf der so genannten Roten Liste der Bedrohten Wörter ist es allerdings noch nicht zu sehen. Hier hätte es seinen Platz hinter trätschen und Treber und vor Trümmerfrau und Tschüssikowski.

Aber was genau bedeutet trefflich? Laut DUDEN:„Durch große innere Vorzüge, durch menschliche Qualität ausgezeichnet (und daher Anerkennung verdienend)“

Gut, es gibt also laut Aristoteles Menschen, weiterlesen


07. Mai 2016

ABSCHIEDE & GEBURTEN

IMG_1677Seit dieser Woche bin ich wieder zurück an meinen Arbeitsplätzen. Und gleich am Mittwoch war Start meiner LyrikLounge, in dessen Zentrum dieses Mal der Lyriker Tomas Tranströmer steht, der 2011 den Literaturnobelpreis erhalten hat und letztes Jahr gestorben ist. Für den ersten Termin habe ich unter anderem eine Film-Dokumentation über ihn ausgewählt, in der auch eines seiner Gedichte zu hören ist, in welchem er sozusagen die Geburt eines Gedichts beschreibt:

*

Phantastisch zu spüren, wie

mein Gedicht wächst

während ich selber schrumpfe.

Es wächst, nimmt meinen Platz ein.

Es verdrängt mich.

Es wirft mich aus dem Nest.

Das Gedicht ist fertig.

*

Dies ist umso berührender, als Tranströmer seit seinem Schlaganfall 1990 nicht nur halbseitig gelähmt war, weiterlesen


07. Februar 2016

BEGIN TO BEGIN TO IMAGINE

IMG_9719Gestern Abend lag ich in einer der Adlershof Filmstudios mit rund 30 anderen Gästen in einer großen Halle in völliger Dunkelheit. Wir lagen auf Rollrasen-bedeckten Metall-Liegen, versorgt mit dicken Socken und einer Decke. Und lauschten den 10 MusikerInnen des Ensembles Kaleidoskop, die unter anderem klassische Stücke spielten und sich dabei zwischen unseren Liegen bewegten.

’Now I lay me down’ heißt diese Produktion von Sabrina Hölzer, in der äußerer und innerer Raum wundersam miteinander verschmelzen.

Diese Verschmelzung von Außen und Innen werde ich auch ab nächsten Donnerstag erfahren. Auf der Berlinale. Und zwar auf wahrlich privilegierte und besondere Weise: als Berlinale Leserjury-Mitglied der Berliner Morgenpost.

http://www.morgenpost.de/kultur/berlinale/article206994003/Probesitzen-im-Berlinale-Palast-Das-ist-unsere-Leserjury.html

Meine Aufgabe: gemeinsam mit den anderen 11 Jurymitgliedern alle Wettbewerbsfilme ansehen (drei pro Tag und einer ist 8 Stunden lang, das haben Sie vielleicht bereits gehört), weiterlesen


31. Januar 2016

„IM JRUNDE EJAL…“

IMG_9637Am Donnerstag kam der Gasmann zum Zählerstand ablesen.

Hier in Berlin sind die Gaszählerableser (im Gegensatz zu den Heizungs- und Wasserzählerablesern) meist ältere hagere Männer mit dünnem Pferdeschwanz unterm schwarzen Basecap und gelben Fingerkuppen vom jahrzehntelangen Kettenrauchen.

Unser Gaszähler befindet sich in der Küche. Angebracht in der Tiefe eines Regals hinter Stapeln von Kochbüchern, die wegzuräumen ich vergessen hatte. Das mache ich noch schnell (nein, er will kein Wasser und auch keinen Kaffee. „Nee, nur Jaszähler!“ sagt er und ich habe ein bisschen ein schlechtes Gewissen, natürlich hat er’s eilig und jede Sekunde zählt.)

„Hat man heutzutaje überhaupt noch Kochbücher? Dit findet man doch allet im Internet… wird jejoojelt.“ Ich sage ihm, dass ich Rezepte durchaus auch google, dass ich aber vor allem die Fotos in Kochbüchern liebe und ich beim Kochen gern das aufgeschlagene Buch mit Fettfingern begrapsche. weiterlesen


24. Januar 2016

ANLEITUNG ZUR ROMANTISIERUNG DER WELT

IMG_9638Am Freitag habe ich mir in Hannover das Stück „Remake.Romantik“ des Ensembles fensterzurstadt angesehen.

Eine klug-unterhaltsame multimediale Collage. Sehr zu empfehlen. Die beiden letzen Vorstellungen übrigens nächsten Mittwoch und Freitag. (Für Interessierte: hier der Trailer https://vimeo.com/147818612.)

Ein zentraler Satz in der Inszenierung, der meinem Gefühl nach Dreh- und Angelpunkt für die Auseinandersetzung mit dem Stoff war, ist Novalis’ berühmte Definition von Romantik, oder besser gesagt: seine Anleitung zum Romantisieren.

„Indem ich dem Gemeinen einen hohen Sinn, dem Gewöhnlichen ein geheimnisvolles Ansehn, dem Bekannten die Würde des Unbekannten, dem Endlichen einen unendlichen Schein gebe, so romantisiere ich es.“

Und das hat für Novalis nichts sentimental Kitschiges oder Nebulöses. Im Gegenteil. Der Prozess der Romantisierung ermöglicht es beispielsweise ganz konkret, (scheinbare) Gegensätze zusammenzuführen.

Gestern und auch heute bewege ich das in meinem Hirn&Herzen hinundher und ich lande bei dem Gedanken, weiterlesen


17. Januar 2016

THAT’S THE SPIRIT!

IMG_9466Während meines kurzen Städtetrips nach Barcelona zu Beginn diesen Jahres war ich auch im so genannten Camp Nou – dem Heimstadion des FC Barcelona. Hier habe ich am 09. Januar das Spiel gegen den FC Granada verfolgt und war beeindruckt: vom Stadion selbst, aber vor allem von den drei Spitzenspielern Lionel Messi, Neymar Jr. und Luis Suárez, die (ich hatte es nicht zu hoffen gewagt!) tatsächlich im Kader waren und zwar während des gesamten Spiels.

Deren millimetergenaues Zuspiel, das so leichtfüßig und selbstverständlich wirkt, als wäre es hingezaubert. Messi, der zwei Tage später zum fünften Mal Weltfussballer des Jahres wurde, mit drei Toren zum 4:0 in diesem Spiel beigetragen und mit diesem Hattrick seinen Ruf als Houdini des Fussballs unterstrichen hat. Einfach schön!

Was ich aber während des Spiels genauso bewundert habe, war der Kampfgeist des FC Granada. weiterlesen


20. Dezember 2015

ONOMATOPOETISCHES WEIHNACHTEN

IMG_9122Vorgestern war ich zum zweiten Mal bei meiner neuen Zahnärztin. Sie ist jung und hat für ihre neu eröffnete Praxis ein ambitioniertes Ausstattungs-Konzept. Liegt man beispielsweise auf dem Behandlungsstuhl und blickt zur Decke, sieht man direkt auf einen Flachbildschirm, auf dem irgendwelche Naturfilme laufen. Letztes Mal lief einer über Grizzly-Bären.

Ich schließe bei ZahnärztInnen grundsätzlich lieber die Augen, als dass ich über und neben mir Flutlichter, Bohrer, Speichelschläuche und Schutzbrillen sehe, aber vorgestern werfe ich trotzdem einen kurzen Blick auf den Bildschirm, bevor ich meinen Mund öffne, und sehe einen Riesenwal, der gerade sein Maul aufreißt (wirklich wahr!). Darunter die Bildunterschrift „Das größte Säugetier der Welt ernährt sich vornehmlich von den kleinsten Lebewesen: Krill.“

Krill… dieses Wort sage ich mir während der Behandlung innerlich immer vor, um mich ein wenig abzulenken. Krill, Krill, weiterlesen


13. Dezember 2015

FRAUEN MIT ERINNERUNGEN

BildAlexandra Cedrino-Nahrstedt, eine Seminarteilnehmerin, die wunderbar schreibt und fotografiert, zeigt mir am Mittwoch ein Handy-Foto, das sie in der Nähe des Ku’damm aufgenommen hat: eine fotografische Antwort auf meinen Blogbeitrag von letzter Woche. Als sie mir später das Foto für den heutigen Blogeintrag mailt, schreibt sie dazu: „Ich glaube, der Anblick empört mich so, da es mit dem Bild der Frau als ’blanker’ Projektionsfläche für Konsumansprüche spielt! Durch die ‚abgetrennten‘ Arme kommt es mir noch brutaler vor, da der ‚Frau‘ dadurch irgendwie die Möglichkeit der Gegenwehr genommen wird.“

Einen Tag später, am Donnerstag, erhält Swetlana Alexijewitsch den Literaturnobelpreis „ für ihr vielstimmiges Werk, das dem Leiden und dem Mut in unserer Zeit ein Denkmal setzt.“ Alexijewitsch, die bereits 2013 den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels erhalten hat, kennt sich mit Möglichkeit und Unmöglichkeit der Gegenwehr aus. weiterlesen


07. Dezember 2015

MÄNNER OHNE EIGENSCHAFTEN

IMG_8342Nächsten Mittwoch beginnt mein Buchclub zu Musils Mann ohne Eigenschaften. Nach Ulysses von James Joyce der zweite Mammutroman alias Jahrhundertroman alias 1000-Seiten-Schmöker, den ich mir selbst zur Freude und mir selbst zur Qual ausgewählt habe.

Denn eins steht fest: nimmt man sich ein solches Buch vor und versucht, dessen viele Dimensionen auszuloten, dann hat dies einige Zeit lang starken Einfluss auf das eigene Leben: auf die Gedanken, die kommen und gehen. Auf Art und Weise der Ideen, die sich entwickeln. Und auf die Art und Weise, wie Welt, Umwelt und Mitmenschen wahrgenommen werden.

Man könnte auch sagen: der Möglichkeitssinn in Bezug auf das eigene Leben verschiebt sich. Zumindest ein klitzekleines Bisschen. Eventuell gar nicht direkt nachweisbar. Aber dennoch spürbar.

Allein schon die Tatsache, dass es mir gerade ganz selbstverständlich den Möglichkeitssinn hier ins Spiel bringe: das ist eindeutig geprägt durch die Lektüre des Romans. weiterlesen


29. November 2015

MENSCH-MASCHINE

IMG_9019Heute schon wieder ein Blogeintrag mit Bahnhofsbezug – sorry, aber es muss sein! Weil es nämlich einfach zu verblüffend war, dass ich gestern gegen 18 Uhr auf dem Berliner Hauptbahnhof im Tiefgeschoss Sascha Lobo gesehen habe, der eine Frau umarmt, die gerade mit mir aus dem ICE aus Hamburg gestiegen ist.

Lobo, einer der bekanntesten deutschen BloggerInnen und medienkritischen ExpertInnen zum Thema Internet. Omnipräsent in Talkshows und dies nicht zuletzt wegen seines roten Irokesenschnitts, für den er sich nach eigener (selbstironischer) Aussage „aus Marketinggründen“ entschieden hat.

In Hamburg hatte ich am Abend zuvor eines der extrem seltenen Konzerte der deutschen Band Kraftwerk besucht, von der ich bereits seit den 80ern fasziniert bin, die ich aber noch nie live erlebt hatte. Ich liebe deren puristischen Einsatz von Wörtern und Sprache in ihrer Musik. Wörter, die Kling-Klang- Welten öffnen und sich immer ganz automatisch mit den eigenen Assoziationswelten und dem aktuellen Zeitgeist verbinden. weiterlesen


23. November 2015

WIR BITTEN UM VERSTÄNDNIS

IMG_8940„Information für ICE (Nummer Sowieso), von München auf der Weiterfahrt nach Berlin. Dieser Zug verspätet sich voraussichtlich um (… kurze Pause…) 50 Minuten. Grund dafür ist eine Signalstörung. Wir bitten um Verständnis.“

Diese Durchsage hat mich vor drei Tagen gegen 14 Uhr auf Gleis 4 am Hauptbahnhof Fulda betroffen. Mit mir warteten eine Menge Freitags-Reisende. Einige davon äußerten sich spontan dazu.

Meiner Erfahrung nach gibt es in einer solchen Situation drei verschiedene Reaktionstypen: die einen ereifern sich in ausholenden und blumigen Worten über die Unpünktlichkeit der Bahn im Allgemeinen. Die Anderen rekapitulieren detailverliebt die Hindernisse ihrer heutige Reise im Besonderen. Und die Dritten stöhnen und seufzen schlicht aber hörbar laut auf.

Ich selbst war zwar ebenfalls nicht gerade begeistert, aber ich stelle mich innerlich immer auf eine mögliche Verspätung ein und überlege vorab, weiterlesen


15. November 2015

DRÜBER & DRUNTER

IMG_8908Am Freitag Abend wusste ich, worüber ich in meinem heutigen Blog schreiben würde: über die seltsame Koinzidenz des DRÜBER & DRUNTER in einem Bilderbuch und in der Außenwelt. Freitag Nacht, als ich in meinem Hotelbett in Stuttgart lag und die Berichterstattung über die Pariser Anschläge verfolgte, wusste ich, dass mir ein solcher Blog viel zu harmlos sein würde.
Jetzt sitze ich in der Eingangshalle der Akademie Fürsteneck in Hessen an einem öffentlichen Rechner und ich denke: es passt irgendwie doch. Und ich will Ihnen sagen, warum.

DRÜBER & DRUNTER: so lautet der Titel eines der Bilderbücher, die ich im Rahmen meiner Vorleseseminare an der Stuttgarter Stadtbibliothek vorgestellt hatte. Diese Seminare liefen unter dem Titel „Magische Bücher“ und mir war am Samstag vor Workshopbeginn unwohl zumute: welcher Kontrast könnte größer sein als der zwischen Terror und Magie? weiterlesen


07. November 2015

PASST SICH AUTOMATISCH DEM EIGENEN LESETEMPO AN

IMG_8866Vorgestern gegen 14:00 im Bus M27:

„Welches Buch gibt es in keiner Bücherei?“ fragt ein circa 9jährige Mädchen ihre Mutter. Beide sitzen mir schräg gegenüber. Das Mädchen hat schon mehrere Fragen von einem großen Blatt abgelesen, das es aus einer vollbepackten Scout-Schultasche gezogen hatte. „Welcher Stuhl geht immer hoch und runter?“ (Fahrstuhl). „Welcher Mann kann nicht sprechen?“ (Schneemann). Bei jeder Frage schwang ein bisschen die Hoffnung mit, dass ihre Mutter die Antwort vielleicht nicht weiß (jedenfalls habe ich mir das eingebildet). Aber die Mutter wusste alle Antworten. Bis zu dieser Frage, welches Buch es in keiner Bücherei gibt.

Im Stillen hatte ich immer mitgeraten. Aber hier fiel mir ebenfalls keine Antwort ein.

Buch. Buch. Dieses besondere Objekt. Ich musste an eine Postkarte der Kampagne „Vorsicht Buch“ denken. Eine humorvolle und selbstironische Werbung für das Buch. weiterlesen


01. November 2015

CHITTA

IMG_8526Ich komme gerade von ein paar Tagen Yogaretreat auf Mallorca zurück. Neben vielem anderen hat mich an diesen Tagen unser so genanntes monkey mind beschäftigt. All unsere wandelbaren Gedanken, die permanent wie Affen in unserem Kopf herumspringen und kreischen. Um diese Gedanken im Zustand der Meditation und des Yoga zu beruhigen, gibt es das schöne Mantra: Chitta Vritti Nirodhah. Was in etwa bedeutet: mögen alle Trübungen (Vritti), die im Wandelbaren des Menschen (Chitta) bestehen, zur Ruhe kommen (Nirodhah).

Immer wenn ich am Pool lag, habe ich mir dieses Mantra innerlich vorgesungen und dabei in die Palmen gesehen, die sich im Wasser gespiegelt haben. Ich sah die Affen, die von Ast zu Ast springen und plötzlich wurde aus Chitta Cheeta: Tarzans Affe.

Und während mich die Sonne gewärmt hat, sah ich Tarzan im Dschungel, weiterlesen


23. Oktober 2015

WAS WAHRLICH UNWAHRSCHEINLICHES

IMG_8433Als ich letzten Sonntag meinen Koffer für die Akademie Burg Fürsteneck packe, um dort eine Bildungswoche zum Thema Kreativität und Achtsamkeit zu leiten, suche ich nach einem Bettlektüre-Buch.

Ich kann nicht sagen, dass meine Bibliothek klein ist oder ich bereits alle Bücher gelesen habe, und doch: ich habe kein passendes Buch gefunden (es ist wohl so ähnlich wie mit den großen Kleiderschränken, in denen dann doch nicht das Passende zu finden ist.) Also blieb mir nichts anderes übrig, als noch schnell vor Abfahrt im Bahnhof ein Buch zu kaufen (jawohl, man findet immer einen Grund, um ein neues Buch zu kaufen!) Unter allen Büchern hat mich nur ein einziges angezogen: Haruki Murakamis Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki.

Dann passiert etwas wahrlich Unwahrscheinliches: Am Montag erzählt eine Seminarteilnehmerin, dass sie sich für diese Woche ein Buch mitgenommen habe. weiterlesen


17. Oktober 2015

WIEDERKOMM’M

IMG_8080Auf meinen im letzten Blog dezent (?) eingeflochtenen Hinweis, dass Ringelnatz nicht zu meinen Lieblingsdichtern gehört, gab es einigen Protest. Eine Leserin will beispielsweise „eine Lanze für good old Ringelnatz brechen.“ und schreibt, dass sie als Kind den kleinen Kuttel Daddeldu „seeeehr geliebt“ habe.

Ringelnatz erfindet als Kabarettist diesen knurrigen Seemann, den er auf der Bühne auch selbst spielt. Erstmals taucht er 1920 in seinem Gedicht Vom Seemann Kuttel Daddeldu auf. Unter anderem durch die Figur Daddeldu wird Ringelnatz berühmt – bis ihn das Nazi-Auftrittsverbot zum Aufhören zwingt.

Doch seine Kunstfigur lebt weiter: 1963 erweckt sie Hans Krause Kabarett-Autor und Chef des Berliner Kabaretts Distel,  zu neuem Leben. Der erste sozialistische Kuddeldaddeldu hat 1965 Premiere in der SED-Tageszeitung „Neues Deutschland“. Auf der Bühne hat ihn der Distel-Kabarettist Heinz Draehn zeitlebens dargestellt und zur berühmtesten DDR-Kabarettfigur gemacht. weiterlesen


10. Oktober 2015

NASENFLÜGELBEBEN

IMG_8264Die vergangene Woche habe ich in Stuttgart verbracht, um dort an der architektonisch beeindruckenden Stadtbibliothek am Mailänder Platz insgesamt 7 Workshops für ehrenamtliche VorleserInnen zu leiten.

Übernachtet habe ich in einem Motel One. Als ich am ersten Morgen  in den Frühstücksraum komme,  sehe ich über der Müsliecke ein kleines Gedicht von Ringelnatz an der Wand (es heißt Morgenwonne, wie ich gerade herausgefunden habe).

„Aus meiner tiefsten Seele zieht mit Nasenflügelbeben ein ungeheurer Appetit nach Frühstück und nach Leben.“

Ich habe mich an allen fünf Frühstücken auf einen Platz gesetzt, von dem aus ich einen guten Blick auf dieses Gedicht hatte, um es als eine Art Tagesmotto in mein Frühstück einfließen zu lassen.

Ringelnatz gehört wahrlich nicht zu meinen Lieblingsdichtern. Ich mag den Ton nicht, in welchem er in seinen so genannten Bonmots über Frauen spricht. weiterlesen


03. Oktober 2015

INS LAUFEN GEKOMMEN

IMG_8254Tag der Deutschen Einheit. Ich habe mich für einen Feldenkrais-Tagesworkshop zum Thema Laufen angemeldet und steige kurz vor 10 Uhr in Prenzlauer Berg am Senefelder Platz aus der U-Bahn. Überall eine Menge Plakatierungen, alle bunt. Deshalb stechen mir auch die drei weißen Plakate sofort ins Auge, die nebeneinander geklebt sind und auf denen steht: „Tag der Deutschen Einheit. Einfalt. Vielfalt.“ Diese drei Wörter untereinander und in eckigen Klammern geschrieben, wie ein Lexikoneintrag. Und am unteren Plakatrand die Aufforderung „Sag was! Schreib mir was dir dazu einfällt.“

Den Menschen sind ausschließlich Graffitis und kryptische Zeichen dazu eingefallen, was allerdings gut aussieht auf der weißen Fläche der Plakate.

Nach Workshop-Ende, auf dem Rückweg zur U-Bahn, komme ich wieder an den Plakaten vorbei. Die drei Begriffe begleiten meinen Heimweg.

Einheit… von Bewegungen.

Einfalt…


27. September 2015

ANNA IN WONDERLAND

IMG_8149Heute Vormittag Berlin Marathon. Ich verfolge ihn im Fernsehen, bis die schnellste Deutsche durchs Ziel gelaufen ist. ANNA heißt sie. Das steht unter ihrer Startnummer. Anna? Tatsächlich: auf allen Shirts stehen die Vornamen, nicht die Nachnamen. Sehr ungewöhnlich finde ich das. War das schon immer so?

Der Grund könnte vielleicht sein, dass dieser Marathon von BMW gesponsert wird und BMW jedem einzelnen Auto seiner Carsharing-Flotte Drive Now einen individuellen Vornamen gibt. Das erhöht die Bindung. Und das funktioniert ja auch irgendwie bei den MarathonläuferInnen. Ich kann mir sicherlich wesentlich besser merken, dass eine Anna beste Deutsche war als eine Frau Hahner.

Anna erinnert mich außerdem ein bisschen an Alice, der Vorname, der mich in den letzten Wochen am meisten begleitet hat: durch meine Lektüre von Alice im Wunderland, den entsprechenden Buchclub, die Alice-Inszenierung am Deutschen Theater letzten Sonntag sowie eine Alice-Workshop-Einheit, weiterlesen


20. September 2015

DIE GRENZEN DER RELATIVITÄTSTHEORIE

Am Dienstag trug ich an meinem linken Handgelenk zwei Armbanduhren, als ich im U-Bahnhof Kurfürstendamm auf einer Bank saß, um auf die Bahn zu warten. Als ich meinen Jackenärmel hochschob und nach der Uhrzeit sah, sprach mich die etwa 60jährige Frau an, die links neben mir saß.

„Zwei Uhren?“, fragte sie schlicht. Als erstes fielen mir ihre dunklen Augen auf und ihr Blick, den man klassischerweise als wach und offen bezeichnen würde. Sie war klein, hatte eine weiche Ausstrahlung und ein Tuch um ihren Kopf geschlungen.

„Ja“, sagte ich ebenso schlicht und lächelte sie an.

„Haben Sie Familie in Amerika?“ Ihr Deutsch ließ vermuten, dass sie zwar bereits lange, aber noch nicht ihr gesamtes Leben in Deutschland gelebt hatte. Vielleicht hatte sie iranische Wurzeln, oder ägyptische oder…

„Manche haben Familie in anderen Ländern und tragen dann zwei Uhren,“ fuhr sie fort. weiterlesen


13. September 2015

NICHTS

IMG_7947Freitag Abend in Hamburg. Premiere von ’NICHTS. Was im Leben wichtig ist’ am JungenSchauSpielHaus Hamburg. Dieses Stück, das auf dem preisgekrönten Jugendroman der Dänin Janne Teller beruht (2010 bei Hanser auf Deutsch erschienen), hat in den letzten Jahren Furore gemacht, war in Dänemark zeitweise verboten, ist mittlerweile Schulstoff und aufgrund seiner ausgeprägt nihilistischen Aussagen nach wie vor heftig umstritten.

Worum geht es? Auf der Website des Theaters steht Folgendes: In der fiktiven dänischen Kleinstadt Tæring steht der 13-jährige Pierre Anthon plötzlich von seinem Stuhl auf und weigert sich, weiterhin in die Schule zu gehen. Er nistet sich von nun an in einem Pflaumenbaum ein und behauptet, dass nichts auf der Welt eine Bedeutung habe. Seine Mitschüler fühlen sich davon derart provoziert, dass sie ihm um jeden Preis das Gegenteil beweisen wollen: Sie fangen an, alles, weiterlesen


05. September 2015

DRINNEN ODER DRAUSSEN

IMG_7712Zurück aus meiner Sommerpause! Das bedeutet unter anderem auch: ab sofort mehr Drinnen und weniger Draußen. Und doch ist mir gerade in diesem Sommer an vielen Orten aufgefallen, wie ein Draußen zu einem Drinnen werden kann.

Beispielsweise durch diese speziellen Gartenmöbel, die aussehen wie kuschelige Sofas. Mit riesengroßen Kissen und aus einem Material, das nass werden darf. Und außerdem durch etwas, das seit rund zehn Jahren einen echten Siegeszug durch öffentliche Draußen-Räume hält: Bücherregale. Gedacht zum kostenlosen Buchtausch. Hier in Berlin in nahezu jedem Kiez und mittlerweile auch in kleinen Städten selbstverständlich.

Es gefällt mir, wie das klassische Bücherregal – ein typischer „Drinnengegenstand“ – ittlerweile selbstverständlich in der Öffentlichkeit (be)stehen kann. Marktplätze beispielsweise werden somit zu einer Art öffentlichem Wohnzimmer. Naja, das ist vielleicht etwas übertrieben, aber sie tragen im Kleinen dazu bei. weiterlesen


07. Dezember 2015

MÄNNER OHNE EIGENSCHAFTEN

IMG_8342Nächsten Mittwoch beginnt mein Buchclub zu Musils Mann ohne Eigenschaften. Nach Ulysses von James Joyce der zweite Mammutroman alias Jahrhundertroman alias 1000-Seiten-Schmöker, den ich mir selbst zur Freude und mir selbst zur Qual ausgewählt habe.

Denn eins steht fest: nimmt man sich ein solches Buch vor und versucht, dessen viele Dimensionen auszuloten, dann hat dies einige Zeit lang starken Einfluss auf das eigene Leben: auf die Gedanken, die kommen und gehen. Auf Art und Weise der Ideen, die sich entwickeln. Und auf die Art und Weise, wie Welt, Umwelt und Mitmenschen wahrgenommen werden.

Man könnte auch sagen: der Möglichkeitssinn in Bezug auf das eigene Leben verschiebt sich. Zumindest ein klitzekleines Bisschen. Eventuell gar nicht direkt nachweisbar. Aber dennoch spürbar.

Allein schon die Tatsache, dass es mir gerade ganz selbstverständlich den Möglichkeitssinn hier ins Spiel bringe: das ist eindeutig geprägt durch die Lektüre des Romans. weiterlesen


29. November 2015

MENSCH-MASCHINE

IMG_9019Heute schon wieder ein Blogeintrag mit Bahnhofsbezug – sorry, aber es muss sein! Weil es nämlich einfach zu verblüffend war, dass ich gestern gegen 18 Uhr auf dem Berliner Hauptbahnhof im Tiefgeschoss Sascha Lobo gesehen habe, der eine Frau umarmt, die gerade mit mir aus dem ICE aus Hamburg gestiegen ist.

Lobo, einer der bekanntesten deutschen BloggerInnen und medienkritischen ExpertInnen zum Thema Internet. Omnipräsent in Talkshows und dies nicht zuletzt wegen seines roten Irokesenschnitts, für den er sich nach eigener (selbstironischer) Aussage „aus Marketinggründen“ entschieden hat.

In Hamburg hatte ich am Abend zuvor eines der extrem seltenen Konzerte der deutschen Band Kraftwerk besucht, von der ich bereits seit den 80ern fasziniert bin, die ich aber noch nie live erlebt hatte. Ich liebe deren puristischen Einsatz von Wörtern und Sprache in ihrer Musik. weiterlesen


27. Juni 2015

DIE WAHRHEIT IM EIERSALAT

tag hoert aufNichtsahnend öffne ich vorgestern für ein rustikales Frühstückspicknick den Eiersalat-Brotaufstrich der Marke Popp, als mir auf der Schutzfolie, die direkt über dem Salat klebt, folgender Satz entgegenblickt: „Wenn der Tag aufhört, fängt das Erzählen an.“

Darunter die Aufforderung „Esst zusammen Abendbrot“.

Abgesehen davon, dass ich gerade lieber Frühstück statt Abendbrot essen wollte, fand ich es doch erstaunlich, plötzlich mit solch einer gewagten These (nämlich dass das Erzählen anfängt, wenn der Tag aufhört. Ist das so?) und zusätzlich mit solch einem expliziten Appell konfrontiert zu sein (der mich an die grünen Papiertüten erinnert, auf denen „Esst mehr Obst“ steht). Erstaunlich außerdem, dass ich automatisch geduzt werde (was mich in Überlegungen zur Zielgruppe von Eiersalat gestürzt hat. Vermutlich ist die typische Eiersalatesserin um einiges jünger als ich.)

Auf der Popp-Website erfahre ich, dass „Wir von Popp Feinkost“ die Menschen wieder zusammen an einen Tisch bringen wollen. weiterlesen


20. Juni 2015

HAPPY LIZARD DRINK YOUR SUN

Gestern Abend bin ich zurückgekommen von der Akademie Burg Fürsteneck. Dort habe ich eine Bildungswoche zum Thema „Work-Life-Balance durch Achtsamkeit & Kreativität“ geleitet. Ein zentrales Thema dabei ist natürlich der Aspekt der Gegenwart, des gegenwärtigen Augenblicks und die damit verbundene Frage, in wieweit wir diesen Augenblick leben, im Idealfall sogar geniessen können.

Dies war auch Thema am Dienstag, als ich abends die Mail einer Klientin lese, die sich gerade in der Provence aufhält und dort das Haus von Frédéric Mistral besucht hat. Mistral, neuprovenzalischer Dichter und Linguist, hat 1904 den Literaturnobelpreis erhalten für „die frische Ursprünglichkeit, das Geistreiche und Künstlerische in seiner Dichtung“. Ihm lag die provenzalische Sprache mit all ihren Dialekten so sehr am Herzen, dass er 20 Jahre lang an Lou tresor dóu Félibrige arbeitete, einem provenzalischen Wörterbuch, das auch die vielen Dialekte berücksichtigte. weiterlesen


12. Juni 2015

„DAS MACHT MICH VÖLLIG VÖLLIG BESESSEN.“

herta müllerDas hat Herta Müller am Mittwoch Abend in der Urania Berlin über ihre Wort-Collagen gesagt, die im Zentrum der Veranstaltung standen und die für sie „eine Notwendigkeit“ seien. Gesagt hat sie es in dieser ihr eigenen Mischung aus emotionaler Leidenschaft und kristallklarer Sprache.

Aber was genau macht sie besessen? Die „Sinnlichkeit dieser Arbeit mit den Wörtern“. Die immer wiederkehrende Erfahrung, ein bestimmtes Wort zu suchen und dann ein anderes zu finden, das passt. Ihr Empfinden, dass die Wörter „ihren Einfluss ausüben… die sind schlau… die machen mich fertig!“

Wörter, die sie aus Zeitschriften ausschneidet und die sie ganz zu Anfang auf einem Hackbrett ausgebreitet hat, dann wurde aus dem Hackbrett ein Tisch, dann aus dem Tisch ein spezieller Wörtertisch und schließlich ein Schränkchen.

Wörter, die sich zu postkartenkleinen Collagen fügen und die an diesem Abend groß auf Leinwand projiziert wurden. weiterlesen


07. Juni 2015

„KOMM, HALTE MIR EINEN MONOLOG! ICH WILL ZUHÖREN.“

monologVorgestern habe ich einen Workshop im Rahmen einer Mediationsausbildung geleitet. Thema: Perspektivwechsel. Dieser spielt sowohl in der Mediation als auch im Kreativen Schreiben eine zentrale Rolle.

Um mich in eine andere Figur, Person, Konfliktpartei hineinzuversetzen, muss ich einen Perspektivwechsel vornehmen. Ich muss von meiner eigenen Sicht auf die Welt, die Dinge, den Konflikt absehen können und in die Gefühls- und Gedankenwelt meines Gegenübers so authentisch wie möglich eintauchen.

Eine wunderbare Möglichkeit dafür ist der Innere Monolog. Im Inneren Monolog wird die Gefühls- und Gedankenwelt – man könnte auch sagen: das mindset – einer Figur in ihrer Vielschichtigkeit so deutlich wie nirgendwo sonst.

Wenn es mir gelingt, einen Inneren Monolog aus der Perspektive eines Menschen zu schreiben, der mir in seinen Ansichten sehr fremd ist, dann wird dies zum Verständnis und somit zum Dialog beitragen. weiterlesen


31. Mai 2015

DIE NEUNTEN WERDEN DIE ZWEITEN SEIN

IMG_6309Letzten Sonntag habe ich im Festspielhaus Baden-Baden Bruckners Neunte Sinfonie gehört. Im Programmheft ist von der „geheimnisvollen Neunten“ die Rede: „Der Nimbus einer ultimativen Neunten schwebt über dem Werk. Seit Beethoven galt eine Sinfonie mit dieser Nummer als eine Grenze, die keiner zu überschreiten wagte.“ Dies schrieb Arnold Schönberg anlässlich des Todes von Gustav Mahler, der sein Werk mit einer Neunten abgeschlossen hatte und über der Zehnten starb. Seine These: „Diejenigen, die eine Neunte geschrieben haben, standen dem Jenseits zu nahe, und in einer Zehnten könne etwas gesagt werden, was wir noch nicht wissen sollen, wofür wir noch nicht reif sind.“

Immer mal wieder habe ich in dieser Woche darüber nachgedacht, wie schwierig es wohl sein mag, als KomponistIn am neunten Werk zu arbeiten und sich von allem Dramatischen zu befreien, was auf einer „Neunten“ lastet. weiterlesen


23. Mai 2015

„DES OI ODDA ANNER STÜNDLE ZUM DRAIMA…“

stuendleIch bin dieses Pfingsten in meiner Kraichgauer Heimat und besuche unter anderem ein weitläufig verwandtes älteres Ehepaar, Inge und Walter, das ein klassisches dörfliches Leben lebt und gleichzeitig aufgeschlossen ist für alle möglichen Themen.

Wir unterhalten uns über das Lesen und darüber, dass Frauen lieber Romane lesen und Männer lieber Sachbücher. Ich frage die beiden, was ihre Meinung ist, woran das liegen könnte.

Walter hat eine Theorie und die formuliert er auf so wunderbar einfache und ebenso humorvolle wie überzeugende Art und Weise, dass ich ihn bitte, es nochmal für mich zu sagen, damit ich es mit meinem Handy-Mikrofon aufnehmen kann. Das tut er schmunzelnd und so kann ich ihn hier wörtlich zitieren – übersetzt ins Hochdeutsche, der Verständlichkeit halber…:

„Ja, die Männer… von Urzeiten her, die mussten ja früher jagen und draußen rumgehen und Technik erforschen, weiterlesen


15. Mai 2015

DER LIBROMAT

Nachdem ich letzten Sonntag auf dem Flohmarkt einige Bücher verkauft hatte  (siehe mein letzter Blogeintrag), habe ich mich in dieser Woche gefragt, was ich mit dem eingenommenen Geld machen möchte (o.k., nach Abzug von Standmiete und Mietauto ist nicht allzu viel übrig geblieben, aber immerhin). Irgendetwas Schönes soll es sein… etwas Passendes… etwas Symbolisches…

Und ich dachte: was wäre passender als ein Buch?

Eines, das eben JETZT zu mir passt und den Weg zu mir findet, weil andere Bücher, die NICHT mehr zu mir passen, den Weg zu Jemand Anderem gefunden haben.

Ja, es stimmt. Ich neige dazu, solche Dinge auf etwas übertriebene Weise aufzuladen. Und wäre ich eine Andere, dann würde ich von dem Geld vielleicht einfach ein paar gute Flaschen Wein kaufen oder endlich mehrere Blusen zur Reinigung bringen oder Schuhe neu besohlen lassen oder meinen Partner, weiterlesen


11. Mai 2015

BOBO & BOB

boboNach zwei Wochen Urlaub war meine vergangene Woche stark geprägt durch das Aussortieren meiner gesamten privaten Bibliothek. Ich war wild entschlossen, all meine Bücher durchzusehen und möglichst viele auszusortieren, um sie auf dem gestrigen Kiez-Flohmarkt in Moabit anzubieten. Wer mich kennt, weiß, dass ich im Zeichen der Sammlerin geboren bin und nicht im Zeichen der Aussortiererin. Entsprechend ungewohnt, verbunden mit einer Menge Überlegungen und Abwägungen und mit noch mehr Erinnerungen habe ich mich durch die Tage und Bücherstapel gearbeitet, um schließlich gestern an einem kalten, windigen, grauen Sonntag meine rund 580 aussortierten Bücher anzubieten und zu sehen, was passiert.

Am attraktivsten waren aktuelle Romane und vor allem meine Bilderbücher, die sich im Laufe von vielen Jahren angesammelt hatten und die ich erheblich unter Wert verkauft habe (was mich – ich gestehe – im Nachhinein ein wenig schmerzt. weiterlesen


16. April 2015

WONNE UNENDLICHKAIT

Letzten Sonntag habe ich über die Sprache als Waffe geschrieben.

Am Montag ist Günter Grass gestorben.

Am Dienstag schreibt die BILD: „Die deutsche Sprache hat ihre schärfste Waffe verloren.“

Am Donnerstag erscheint in der ZEIT das letzte Interview mit dem Autor. Die Überschrift lautet: „Man muss ins Herz treffen.“

Ja, vielleicht ist es genau das: Sprache als eine Waffe, die man nicht benutzt, um zu töten oder zu verletzen. Sondern um ins Herz zu treffen. Auch in das eigene.

Günter Grass hatte sein letztes Werk beinahe fertiggestellt. Es trägt den Titel Vonne Endlichkait.

Ich wünsche ihm eine Wonne Unendlichkait.


12. April 2015

BUCH IST SPRACHE IST WAFFE IST AXT

buch ist waffe„Ein Buch muss die Axt sein für das gefrorene Meer in uns.“ Über dieses berühmte Zitat von Franz Kafka habe ich in dieser Woche nachgedacht, als ich einen detaillierten Stundenplan für mein Wochenseminar „Ich schreibe, also bin ich.“ entwickelt habe. Ein Einführungsseminar in die Welt des Kreativen Schreibens, das ich im November an der Akademie Burg Fürsteneck in Hessen leiten werde und das als Bildungsurlaub anerkannt werden soll (deshalb ist bereits zu diesem frühen Zeitpunkt solch ein detaillierter Stundenplan erforderlich – falls Sie diese Information interessiert).

Ich fand dieses Zitat schon immer ambivalent. Will ich tatsächlich ein Buch als Axt benutzen, um das gefrorene Meer in mir zum Bersten zu bringen? Das hört sich für mich sehr gewalttätig an, direkt wie eine Selbstverletzung. Aber andererseits: vielleicht braucht es genau so etwas wie eine Axt, damit damit überhaupt erst einmal ein Loch zum Atmen entstehen kann. weiterlesen


04. April 2015 Ostersamstag

WE CAN BRING YOU (B)YERS

buyersIch finde es immer wieder erstaunlich, welchen Einfluss äußere Umstände auf die konkrete Rezeption eines Textes haben. Dies kann sich im Großen zeigen: wenn ich beispielsweise unter bestimmten Lebensumständen und nach spezifischen Lebenserfahrungen ein und dasselbe Buch vollkommen anders lese als Jahre zuvor.

Aber es kann sich auch im Kleinen, ganz Kleinen zeigen, wie beispielsweise heute, als ich in einem dm-Markt in Moabit all die Osterartikel sehe (nachdem ich bereits auf dem Weg dorthin all die Osterdekorationen in den Schaufenstern gesehen… und in den letzten Wochen all die Osterhasen an den Kassen… und außerdem die vielen „Frohe Ostern!“-Grüße und Verabschiedungen… undundund).

An der Kasse ist eine lange Schlange, also nutze ich die Zeit, hole mein Handy hervor und sehe nach, welche Mails (mit möglichen Ostergrüßen?) eingetroffen sind.

Mein Blick fällt als erstes auf den (natürlich erfundenen und mir ebenso natürlich vollkommen unbekannten) Lois, weiterlesen


29. März 2015

DANCE LIKE A POET

dance poetAls ich am Donnerstag im ICE nach Frankfurt auf dem Weg zum Bistro einem Mann mit Koffer ausweiche und kurz stehen bleiben muss, sehe ich eine Frau am Fensterplatz, die auf kleine verschiedenfarbige Karteikärtchen einzelne oder mehrere Wörter schreibt. Das macht mich natürlich neugierig. So bleibe ich etwas länger neben ihrem Sitz stehen als es eigentlich nötig gewesen wäre (der Mann mit dem Koffer war längst vorbei) und kann tatsächlich etwas erkennen: Dance like a prayer schreibt sie mit schneller und entschiedener Handschrift auf eines der Kärtchen.

Dance like a prayer. Als erstes denke ich an Derwische. Aber ist die Trance, in die sie sich tanzen, ein Gebet? Und gibt es einen spezifischen Rhytmus, der all die verschiedenen Gebetsformen miteinander verbindet? Oder findet jeder betende Mensch immer seinen ureigenen Rhythmus, wenn er sich dem Gebet wirklich hingibt? weiterlesen


21. März 2015

PSEUDONYME

udo hoenigIn meinem derzeitigen Seminar Einführung ins Literarische Schreiben geht es unter anderem um die Entwicklung von Figuren. Dabei spielt der Name, den man für eine Figur findet, eine wesentliche Rolle. Auch hier gilt ’nomen est omen‘, denn wir LeserInnen assoziieren ganz automatisch und meist unbewusst mit einem Namen bestimmte Eigenschaften. Dessen sollte man sich bewusst sein und entsprechend bedacht und durchaus auch strategisch bei der Namenwahl vorgehen.

Passend zu diesem Themenkomplex stand vor wenigen Tagen plötzlich ein Name vor mir, als ich am Zellengefängnis Lehrter Straße in Moabit vorbeigeradelt bin. In großen Lettern, geklebt auf das Gefängnistor: Udo Honig.

Aufgrund all der Equipment- und Cateringautos entlang des Gefängnisses war klar, dass hier ein Film gedreht wurde. War Udo Honig vielleicht der Regisseur, dessen Name im Vorspann auf dem Tor zu lesen sein wird? weiterlesen


13. März 2015

ANDORRA EINGETROFFEN!

andorraSeit einigen Tagen bin ich in Düsseldorf. Und vorgestern auf dem Weg zum fft Freies Theater komme ich an einem Briefmarken- und Münzgeschäft vorbei, in dessen Schaufenster ein mit zittriger Hand geschriebener Zettel klebt. ’Andorra eingetroffen’ steht da.

Denken Sie beim Namen Andorra ebenfalls als erstes an Max Frisch und sein gleichnamiges Drama? Ich sehe sofort das blaue Suhrkamp Taschenbuch vor mir, während ich noch spekuliere, dass vermutlich besondere Briefmarken aus Andorra gemeint sind (und später herausfinde, dass seltene Briefmarken aus Andorra bis zu 1.000 US Dollar wert sind.)

In seinem Stück Andorra erzählt Frisch vom jungen Andri, der von seinem Vater unehelich mit einer Ausländerin gezeugt wurde und deshalb von diesem als jüdischen Pflegesohn ausgegeben wird. Die Bewohner Andorras begegnen Andri permanent mit Vorurteilen, so dass er, selbst nachdem er seine wahre Herkunft erfahren hat, weiterlesen


07. März 2015

FLANIEREN UND PASSIEREN

flanierenIm Rahmen des 100 Grad Festivals in den Sophiensälen habe ich an einer speziellen Performance der Écoleflâneurs teilgenommen. Ausgestattet mit einem pink angemalten Spazierstock bin ich mit einem der drei Performer schweigend durch die Straßen flaniert. Nach einer halben Stunde hat er sich von mir verabschiedet. Einfach so. Ein schönes, stilles Erlebnis. Gemeinsame Zeit mit einem Fremden, ohne mit ihm zu sprechen.

Das Thema Flanieren beschäftigt mich seit langem. Als Möglichkeit der Entschleunigung, als Wahrnehmungsschulung, als Mittel zur Selbstbeobachtung. Interessant finde ich unter anderem, dass der Flaneur als solcher eine typisch männliche Figur ist. Man sieht ihn vor sich, wie er schlendernd und beobachtend durch die Großstadtstraßen des 19. Jahrhunderts zieht, leicht dandyhaft mit Hut und Spazierstock ausgestattet.

Was ist mit der Flaneurin als mögliches weibliches Äquivalent? Die gibt es offiziell gar nicht. weiterlesen


28. Februar 2015

WOMANLY-MANLY OR MAN-WOMANLY

In diesen Tagen lese ich intensiv Alice Munros Short Stories, die im Zentrum meines aktuellen Buchclubs stehen. Gerade habe ich im Licht der untergehenden Sonne ’Das Büro’ gelesen. In dieser Erzählung geht es um eine Frau, die sich ein Zimmer mietet, um dort in Ruhe schreiben zu können. Ihr fällt es schwer, sich diesen Wunsch selbstbewusst zu erlauben und ihn nicht als unzulässigen Luxus abzutun.

Und noch schwerer fällt es ihr, die Worte auszusprechen „Ich bin Schriftstellerin.“ Denn: „Das klingt nicht richtig. Zu anmaßend; unecht oder zumindest wenig überzeugend. Nächster Versuch. Ich schreibe. Ist das besser? Ich versuche zu schreiben. Das macht es nur schlimmer. Geheuchelte Bescheidenheit. Also wie nun?“

Diese Geschichte steht meines Erachtens in enger Verbindung zu Viriginia Woolf’s Essay A Room of One’s Own, den diese 1929 schrieb. Woolf war der Überzeugung, dass zwei Bedingungen erfüllt sein müssen, weiterlesen


22. Februar 2015

DIE INNENSEITE DER AUGENLIDER

Am Wochenende war ich wieder in Hamburg. Dieses Mal zur Premiere von Himmel (siehe Blogeintrag vom 06. Februar). An der Bushaltestelle, an der ich gestern auf den Bus zum Bahnhof Altona warte, kommt ein junger Mann dazu. Schätzungsweise Mitte 30, in heller  Sommerbekleidung, leichten Schuhen, einer Holzperlenkette um den Hals und einem sannyassin-haften nach innen gerichteten Lächeln im Gesicht. Als ich ihn sehe fällt mir spontan der Buchtitel ’Alles ist erleuchtet’ ein. Er steigt hinter mir in den Bus und wir bleiben nebeneinander stehen.

Ich habe mich schon auf die Busfahrt gefreut, denn in Altona fahren seit einer Weile rund 100 ganz besondere Busse: ausgestattet mit einem Bücherregal, die mit kostenlosem Lesestoff ausgestattet sind. Ein Gemeinschaftsprojekt der Verkehrsbetriebe Hamburg-Holsten mit dem Secondhand-Kaufhaus Stilbruch. Man kann sich für die Dauer der Fahrt ein Buch aus dem Regal nehmen, aber es auch mit nach Hause nehmen und dann irgendwann wieder in einen Bus zurückbringen (jedes Buch hat einen Sticker, weiterlesen


15. Februar 2015

WO FRAU GEMEINT IST SOLLTE AUCH FRAU GENANNT SEIN

Gestern ging die Berlinale zu Ende. Dieses Jahr konnte ich leider keinen einzigen Film sehen, stattdessen ist mir umso häufiger die Aktion ProQuote aufgefallen. Zum ersten Mal in einer U-Bahn. Auf einem Nachrichtenbildschirm las ich eine Kurznachricht mit der Überschrift „Berlinale entdeckt ihre weibliche Seite.“, denn dieses Jahr stamme ein Viertel der Beiträge von Frauen. Dazu der Kommentar “Die Berlinale wird weiblich“.

Wie beschämend und bezeichnend: es genügt offensichtlich ein Viertel weiblicher  Beiträge, um bereits von einer weiblichen Berlinale zu sprechen.

Die Aktion ProQuote, deren Ziel die Gleichstellung von Frauen und Männern in Medienberufen ist und der sich auch Berlinale-Leiter Dieter Kosslick angeschlossen hat, hat nicht nur mediales Aufsehen, sondern naturgemäß auch viel Häme erregt. Ein typisches Argument gegen die Quote ist ja die Überzeugung, nicht das Geschlecht solle entscheidend sein, sondern die Qualität.

Dieses Argument macht mich jedes Mal wütend. weiterlesen


06. Februar 2015

GEDICHTE ALS TERRORWAFFE

probe HHIn dieser Woche habe ich von Hamburg aus gearbeitet und hatte die Gelegenheit, Proben für ’Himmel’, ein Stück von Wajdi Mouawad, zu verfolgen, das am 20. Februar am Jungen Schauspielhaus Hamburg Deutschlandpremiere haben wird. ’Himmel’ handelt von einem Team aus GeheimdienstmitarbeiterInnen, die die globale Kommunikation auf der Suche nach versteckten Botschaften scannen und die versuchen, die Nachrichten einer Terrorgruppe zu entschlüsseln, um bevorstehende Anschläge zu verhindern. Dabei entdeckt ein junger Dekodierungsexperte, dass global vernetzte Terroristen Gedichte nutzen, um ihre Anschlagspläne zu verschlüsseln.

Das Stück untersucht das Verhältnis von Kunst und Gewalt in einer durch Terror und Überwachung tief verunsicherten Welt. So steht es auf der Website des Hamburger Schauspielhauses. Und außerdem steht da die Frage: kann Schönheit Zerstörung hervorbringen?

Ihnen geht es vermutlich wie mir: das Thema Terrorismus ist täglich präsent. In all seinen Facetten (siehe auch mein Blogeintrag vom 24. weiterlesen


30. Januar 2015

WANN IST EIN BRIEF EIN BRIEF?

briefVor wenigen Tagen habe ich von einem ehemaligen Klassenkameraden eine Mail erhalten. In deren Betreffzeile stand lediglich das Wort ’Grüße’. Als Text las ich: Viele Grüße aus Karlsruhe! Weiteres im Anhang. (Dazu noch der Name des Absenders.) Der Name der angehängten Datei lautete: BriefSandra.doc

Unabhängig davon, dass ich mich über diese Post sehr gefreut habe, frage ich mich, WAS ich eigentlich erhalten habe: eine Mail oder einen Brief? Oder beides? Für ersteres spricht, dass ich die Post in meinem Mailaccount gefunden habe, und alles, was darin zu finden ist, ist eine Mail. Aber ist es so einfach?

Für zweiteres spricht, dass die Nachricht ein geschriebener Brief ist, der genauso gut hätte ausgedruckt und per Deutsche Bundespost an mich hätte geschickt werden können. Die Nachricht als solche bleibt ja dennoch gleich: ein an mich geschriebener Brief. weiterlesen


24. Januar 2015

KREATIVE SOLIDARITÄT

ich bin charlieIn dieser Woche sind nicht mehr ganz so viele „Ich bin Charlie“- Schilder, Transparente und Aufkleber zu sehen wie noch in den beiden Wochen zuvor. Die äußerlich sichtbare symbolische Drei-Wort-Solidarität nach dem Attentat auf das Satiremagazin Charlie Hebdo ist verblasst.

Umso überraschter war ich, als ich im Idee-Kreativmarkt (ja, ein schreckliches Wort!) in der Tauentzienstraße ein Bastel-Buch sehe, das mit der Coverseite nach oben präsentiert wird. Es stammt aus dem TOPP Verlag und sein Titel lautet: Rubberbands! Hipper Schmuck aus coolem Gummi. Auf dem Cover (bald hier als Foto) sind zwei Unterarme mit einer Vielzahl an unterschiedlichsten Armbändern zu sehen. Und auf einem dieser Bänder sind kleine Buchstabensteine befestigt, die einen Namen bilden: CHARLIE steht da…

Mir stockt tatsächlich kurz der Atem.

Ich stelle mir vor, dass eine der Mitarbeiterinnen dem Namen Kreativmarkt alle Ehre gemacht und sich eine kreative Form der Solidaritätsbekundung überlegt hat (zumal die überkreuzten Unterarme den Aspekt der Solidarität durchaus unterstützen). weiterlesen


18. Januar 2015

HALS ÜBER KOPF

achtsamkeitGerade komme ich aus Meissen zurück. Dort habe ich an der Ev. Akademie ein Wochenend-Seminar zum Thema Achtsamkeit geleitet. Ein Thema, das mich seit längerem begleitet und das ich in Verbindung mit dem Kreativen Schreiben in verschiedene Richtungen entwickle. Auch an diesem Wochenende waren für mich die unterschiedlichen Assoziationen der TeilnehmerInnen zu dem Begriff Achtsamkeit spannend: zwischen Neugier auf eine noch weitgehend unbekannte Welt und der Ablehnung eines Begriffs, der mittlerweile zum Modewort avanciert ist.

Was diese verschiedenen Haltungen miteinander verbindet ist die weit verbreitete Vorstellung, dass Achtsamkeit praktisch ausschließlich mit Stille, Ruhe und Rückzug zu tun hat. Das ist naheliegend, schließlich spielen meditative Aspekte eine wesentliche Rolle.

Doch was mich in diesem Zusammenhang besonders interessiert, ist die Frage, in wieweit uns eine achtsame Haltung nicht nur darin unterstützen kann, zur Ruhe zu kommen, weiterlesen


10. Januar 2015

ADVICE FROM A CATERPILLAR

aliceWillkommen im Neuen Jahr!

Für mich hat es in London begonnen, einer meiner Lieblingsstädte. Mit Freude habe ich seit langer Zeit wieder einmal die Staubluft der vielen Secondhand bookshops möglichst tief eingeatmet, beispielsweise in der Charing Cross Road in Any Amount of Books (so liebevoll unordentlich) und bei Henry Pordes (spezialisiert auf Kunst, Film und Theater). Dieses Mal außerdem gezielt bei Marchpane in Cecil Court: ein kleiner Raum, vollgestopft mit Hunderten von Büchern rund um Alice in Wonderland. Dieses Buch wird im Sommer im Zentrum meines Buchclubs an der Freien Universität stehen. Die horrenden Preise haben mich zwar leider davon abgehalten, eine der schönen alten Bilderbuch- und Erstausgaben zu kaufen, aber ich habe mich schließlich für eine umfangreich kommentierte Ausgabe entschieden, die einen behind-the-scenes Blick auf all die hidden messages im Buch verspricht.

Auf dem Rückflug nach Berlin habe ich darin geblättert und in Chapter V Advice from a Caterpillar folgenden Dialog gefunden:

„Who are you?“ said the caterpillar. weiterlesen


2014


21. Dezember 2014

EIN GROSSER STROM AUSGEFLOSSENER SCHWARZER TINTE

Was für eine Überraschung – vielen Dank an alle meine Blog-LeserInnen, die tatsächlich eine Geschichte aus den 10 Wörtern des Jahres geschrieben haben!

Die schnellste Geschichte stammt von Martina M. Luster, die unter dem Pseudonym Ornamenta di Barocco schreibt. Herzlichen Glückwunsch zum Gewinn eines Buches! Ihre Geschichte können Sie weiter unten gleich lesen, wenn Sie mögen.

Und weil alle Geschichten so wunderbar unterschiedlich sind, möchte ich außerdem noch die zweitschnellste Geschichte mit Ihnen teilen. Sie stammt von Margarete Adlon.

Mein letzter Blog-Beitrag in diesem Jahr wurde also quasi „sechshändig“ geschrieben. Und er enthält zwei ganz besondere Weihnachtsgeschichten. Viel Wörter-Entdeckungs-Freude beim Lesen!

Die schnellste Geschichte von Ornamenta di Barocco:

Sie schreitet die Lichtgrenze entlang, erkennt den Endpunkt, an dem sich das Licht diffus zerstreut, bis es sich in tief manifeste Dunkelheit auflöst. weiterlesen


13. Dezember 2014

LICHTGRENZE

Gestern hat die Gesellschaft für deutsche Sprache (GfdS) das Wort des Jahres 2014 aus insgesamt 2.300 Vorschlägen ausgewählt.

Die SprachexpertInnen in Wiesbaden wählen jedes Jahr ein Wort, das aus ihrer Sicht das politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Leben sprachlich in besonderer Weise begleitet hat. Dabei stehe nicht die Häufigkeit, sondern die Signifikanz bei der Wahl im Vordergrund.

Dieses Jahr fiel die Entscheidung auf das Wort ’Lichtgrenze’.

\“Eine Grenze, die sich in Licht verflüchtigt,\“ nannte GfdS-Vorstand Armin Burkhardt die Installation mit 8000 beleuchteten Ballons, die den früheren Verlauf der Mauer durch Berlin markierten und am 9. November in den Abendhimmel aufstiegen.

Hier die gesamte Top Ten:

Platz 1: Lichtgrenze

Platz 2: schwarze Null

Platz 3: Götzseidank

Platz 4: Russlandversteher

Platz 5: bahnsinnig

Platz 6: Willkommenskultur

Platz 7: Social Freezing

Platz 8: Terror-Tourismus

Platz 9: Freistoßspray

Platz 10: Generation Kopf unten

Als Dozentin für Kreatives Schreiben kommt mir bei einer solchen Liste natürlich sofort ein klassisches Schreibspiel in den Sinn: Schreiben Sie eine Geschichte, weiterlesen


06. Dezember 2014

IST DER WEIHNACHTSMANN SOZIALFÄHIG?

weihnachtsmannVermutlich ist es eine Form von déformation professionelle: jedes Jahr, wenn ich die ganzen Nikoläuse und Weihnachtsmänner sehe, frage ich mich, welcher der beiden als Figur in einem Roman interessanter und ergiebiger wäre.

Sie wissen, wenn Sie eine klassische Geschichte erzählen, braucht Ihr Protagonist einen zentralen inneren Konflikt, der sich am Ende gelöst haben wird. Und tatsächlich ist DIESE Frage in meinem jährlichen Weihnachtsratespiel für mich immer wieder die spannendste: Was ist der zentrale Konflikt des… sagen wir mal… des Weihnachtsmanns? Was würden Sie sagen?

Vielleicht sein hin und hergerissen sein zwischen dem altruistischen Drang, Anderen Freude machen zu wollen und der Sehnsucht, selbst einmal beschenkt zu werden und mit anderen zu feiern? Hat er ein Helfer-Syndrom? Tut er das alles, um geliebt zu werden? Und wenn ja, ist ihm seine Rolle als ’Schenker’ so in Fleisch und Blut übergegangen, weiterlesen


29. November 2014

SCHWIMMENDE ZUNGEN

Sie wissen vielleicht, dass ich von Japan fasziniert bin. Dann wird es Sie nicht wundern, dass ich den Newsletter der Japanischen Botschaft abonniert habe. Meist scrolle ich sofort zur Rubrik ’Sprichwörter und Redewendungen’. Hier wird die Unterschiedlichkeit der sprachlichen Bilder im Deutschen und im Japanischen beschrieben, die für ein und dasselbe Grundsituation verwendet werden.

Dieses Mal ging es um die Redewendung „Es liegt mir auf der Zunge“. Im Japanischen sagt man Kotoba ga ukabanai. Wörtlich übersetzt bedeutet dies „Das Wort schwimmt gerade nicht vorbei.“

Wörter wie Fische. Fische, die im Meer leben. Je nach Lust und Laune schwimmen sie entweder an der Oberfläche und zeigen ihre prächtigen Farben. Oder aber sie befinden sich in geheimnisvoller Tiefe. Man weiß genau, dass sie sich dort unten aufhalten, aber es scheint unmöglich, sie nach oben zu locken.

Diese Situation kommt nicht nur beim Sprechen immer wieder vor, weiterlesen


23. November 2014

MEIN POETISCHES LIEBLINGSWORT

poesieIn dieser Woche lag viel Poesie in meiner Luft. Das lag erstens an den Vorbereitungen meines Workshops Picture Poetry, der in zwei Tagen beginnt. Zweitens an den vielen Litfass-Säulen, auf denen das KaDeWe mit seiner Kampagne ’Herbst Poesie’ wirbt. Und es lag drittens an der neuen Dezember-Vogue, in der sich viele Seiten dem Thema ’Modepoesie’ widmen. Dabei geht es um modische Kombinationen von Dandy- und Divahaftem. Wunderbar inspirierende Fotografien, die mich an den Film Das Piano erinnern. Ein wahrlich poetischer Film.

Aber was genau bedeutet Poesie eigentlich?

Entsprechend seines Ursprungs ’poiesis = Erschaffung’ bezeichnete das Wort ursprünglich einen Text, dessen Produktion traditionell nach den drei poetischen Gattungen unterteilt ist. Dies sind nach der Aristotelischen Poetik (sic!) Drama, Epos und Lyrik.

Im 19. Jahrhundert wurde das Wort Poesie zunehmend frei verfügbar. Und Dadaismus und Surrealismus schließlich stellten mit ihrer so genannten Antipoesie den überkommenen Kunst- und Poesiebegriff radikal in Frage: das Etikett ’poetisch’ sollte vollkommen frei verfügbar sein. weiterlesen


16. November 2014

DURCHSCHRIEBENE NÄCHTE

Nach einer Arbeitswoche in Stuttgart bin ich erst heute wieder in Berlin zurück. Wäre ich bereits vorgestern hier gewesen, wäre die Nacht von Freitag auf Samstag vermutlich eine lange Nacht geworden. Und zwar eine mit einem großen „L“.

Sie kennen vermutlich die Lange Nacht der Museen, die Lange Nacht der Wissenschaften etc. Viel weniger bekannt ist eine nicht kommerzielle Variante, die aus dem universitären Umfeld stammt und offen für alle Interessierten ist:

Die so genannte Lange Nacht der Schreib- und Projektarbeiten.

Vorgestern fand eine solche im Berliner Mehrgenerationenhaus am Teltower Damm statt. Von 20:00 abends bis 05:00 morgens konnte man nicht nur Seminar- und Abschlussarbeiten fertig- bzw. weiterschreiben, sondern es waren auch alle eingeladen, die „eine Geschichte, einen Roman oder einen Graphic Novel fortführen“ wollten. Als Beiprogramm waren klassischerweise Workshops und Beratungen im Angebot, weiterlesen


09. November 2014

WEITERLAUFEN KÖNNEN

Heute 25 Jahre Mauerfall. Hier in Berlin finden dazu natürlich unzählige Veranstaltungen statt. Am spektakulärsten ist sicherlich die Aktion LICHTGRENZE. Rund 7000 große weiß leuchtende Ballons zeichnen den ehemaligen Grenzverlauf durch das Zentrum Berlins auf rund 15 Kilometern zwischen Bornholmer Straße und Oberbaumbrücke nach.

Begleitet wird diese Lichtinstallation von der Open-Air-Ausstellung „100 Mauergeschichten“ Diese Geschichten sind auf 100 Tafeln zu lesen und erzählen beispielsweise von Fluchtversuchen, von politischer Propaganda, verbotenen Mauerfotos und künstlerischen Aktionen. Unter https://fallofthewall25.com/mauergeschichten kann man viele dieser Geschichten lesen.

Zusätzlich zu diesen historischen Geschichten gibt es noch hunderte aktuelle Botschaften für uns. Die Botschaften der Ballonpatinnen und -paten nämlich, die heute Abend die Ballons in die Luft steigen lassen werden. Alle ausgewählten PatInnen hatten die Möglichkeit, eine Botschaft an uns und die Welt zu formulieren.

Die Botschaft von Carola Jendroska beispielsweise, weiterlesen


31. Oktober 2014

DER TAGTRAUM ALS POLITISCHER AKT

dickensNach meiner Woche auf der Akademie Fürsteneck fahre ich im ICE zurück nach Berlin. Neben mir sitzt ein älterer, schweigsamer, sympathischer Mann. Als er in Kassel-Wilhelmshöhe zusteigt, legt er als erstes ein Taschenbuch auf seinen Sitz, noch bevor er selbst Platz nimmt. Es ist ein dickes englisches Original. The Old Curiosity Shop von Charles Dickens.

Ich verfalle sofort einer meiner alten Leidenschaften: den ersten Wörtern, die ich in einem solchen fremdgelesenen Buch entdecke, Bedeutung beizumessen. Und als der Mann das Buch aufschlägt und zu lesen beginnt fällt mein Blick auf die Formulierung: „What a night-time in this dreadful spot.“

Ein Satz, der mich sofort in eine innere Bilderwelt albhafter Nachtträume katapultiert.

Visionen, Wünsche und Träume waren in dieser Woche auf Burg Fürsteneck immer wieder Thema. Der Begriff Visionen ist für viele Menschen nicht nur ein großes, weiterlesen


26. Oktober 2014

ZEIT & FLOW

Heute Nacht war die Zeitumstellung von Sommer- auf Winterzeit. In der Nacht haben wir eine Stunde doppelt gelebt. Jedenfalls sagt uns das die Uhr.

Zeit.

In der vergangenen Woche hat mich dieses Thema bei der Vorbereitung meines Bildungsurlaubsseminars, das morgen an der Akademie Burg Fürsteneck beginnt, immer wieder beschäftigt. Und zwar in doppelter Hinsicht.

Im Seminar beleuchte ich das Thema ’work life balance’ unter den Gesichtspunkten Kreative Kompetenz und Achtsamkeit. In beiden Bereichen spielen Zeit-Aspekte und was diese in uns auslösen eine wichtige Rolle.

Beim Kreativen Denken beispielsweise das Phänomen Flow, das bei uns durch den US-Wissenschaftler Mihály Csíkszentmihályi bekannt geworden ist (und das allerdings bereits Maria Montessori unter dem Begriff ’Polarisation der Aufmerksamkeit’ beschrieben hat).

Ich habe Mihály Csíkszentmihályi in den 90er Jahren bei einer Konferenz zur Leseglücksforschung erleben dürfen. weiterlesen


19. Oktober 2014

A ROSE IS A ROSE IS A ROSE

rose isIn dieser Woche hatte ich wieder das Vergnügen, in der architektonisch wunderbaren Stadtbibliothek Stuttgart am Mailänder Platz zu arbeiten. Dabei kam ich täglich mehrmals an den großen Wand-Monitoren vorbei, auf denen aktuell Reinhard Döhls digitale Poesie präsentiert wurde.

Anlässlich des 80. Geburtstags des bereits verstorbenen Netzliteraten flimmerten eine Menge seiner Gedichte über die Bildschirme. Döhl war einer der ersten AutorInnen und KünstlerInnen, die in Deutschland experimentelle Literatur und Internet miteinander verbunden haben. Entstanden ist dabei eine ganz besondere Form visueller Poesie. (http://localhost/reinhard-doehl.de)

Das Gedicht, das ich an diesen Tagen beim Vorbeigehen am häufigsten gelesen habe, weil es zufällig gerade in dieser Minute gezeigt wurde, war die variantenreiche visuelle Umsetzung von Getrude Steins Gedicht „ROSE IS A ROSE IS A ROSE IS A ROSE“.

Dieses Gedicht kreuzt alle paar Jahre meinen Weg, weiterlesen


11. Oktober 2014

TRAUMA LITERATURNOBELPREIS

Der neue Literaturnobelpreis-Träger heißt Patrick Modiano. Modiano ist extrem öffentlichkeitsscheu, hat die Nachricht auf der Straße in der Nähe des Jardin du Luxembourg erhalten und kann es selbst nicht fassen. Die Nachricht habe „etwas Seltsames“ für ihn.

Eine seltsame Formulierung vielleicht. Und doch so verständlich. Für mich ist das unvorstellbar: Noch kein einziges Mal hat man auch nur im Traum daran gedacht, den Nobelpreis zu erhalten. Und plötzlich hat man ihn. Ist DAS dann ein Traum? Oder eher ein Trauma?

Dabei hat nicht Modiano allein, sondern – glaubt man Präsident Hollande – gleich ganz Frankreich den Preis erhalten. Umgekehrt ist wiederum der Guardian direkt empört, dass schon wieder nicht der US-Autor Philip Roth den Preis erhalten habe. Ein Skandal sei das. Nationale und internationale Anmaßungen.

Ich gestehe: Ich kann mich nicht erinnern, je ein Buch von Modiano gelesen zu haben. weiterlesen


05. Oktober 2014

LITERATUR DER UNTERDRÜCKTEN

Vor drei Tagen hat der neue ROOM SERVICE begonnen, meine Halbjahresgruppe für intensive Arbeit an literarischen Projekten. Eine Teilnehmerin war vor kurzem in New York und hat mir Informationen zum theatre of the oppressed mitgebracht (localhost/theatreoftheoprressed.org).

Diese New Yorker Kompagnie steht in der Tradition des Brasilianers Augusto Boal, der in seiner Zeit des Exils in den 1970er-Jahren nach Deutschland kam und mit seiner spezifischen Theaterform Einfluss auf die politische Bildung nahm. Das so genannte Theater der Unterdrückten wird mittlerweile in rund 70 Ländern praktiziert und kombiniert Kunst und Selbsterfahrung mit politischem Probehandeln. Dabei werden unterdrückte oder vernachlässigte Ressourcen in spielerischen und ästhetischen Begegnungen aktiviert und die traditionell passiven ZuschauerInnen zu AktivistInnen der Handlung.

Ich frage mich: Gibt es auch eine Literatur der Unterdrückten?

Nein! Nicht einmal Google findet einen einzigen Eintrag oder Hinweis auf Vergleichbares. weiterlesen


27. September 2014

BLIND SCHREIBEN

In der U Bahn mir gegenüber sitzt ein etwa achtjähriges Mädchen in Begleitung eines Mannes Anfang Dreißig. Er wirkt nicht wie ihr Vater, aber wie ein sehr vertrauter Mensch. Sie unterhalten sich über Hunde und das Mädchen erzählt, welche sie am süßesten findet.

Plötzlich fragt sie den Mann ganz unvermittelt:

„Kannst du blind schreiben?“

Der Mann stutzt kurz und sagt dann: „Mit dem Handy?“

Daraufhin ist das Mädchen still. Offensichtlich überlegt es.

Dann sagt der Mann: „Oder meinst du auf Papier?“

Das Mädchen erleichtert: “Ja, genau.“

Hhmmm…. Zum ersten Mal ist mir bewusst Jemand begegnet, der mit dem Begriff „schreiben“ automatisch „schreiben auf dem Handy“ assoziiert hat. Nicht Computer und schon gar nicht Papier. Handy.

Natürlich ist mir klar, dass dieser junge Mann mit seiner Spontan-Assoziation alles andere als allein ist und ganz offensichtlich ist das Thema „blind schreiben auf dem Handy“ tatsächlich ein Thema. weiterlesen


20. September 2014

SMALL WORLD OF WORDS

Über eine befreundete Mediatorin habe ich von dem weltweit angelegten Projekt „Small World of Words“ erfahren, das 2003 in Belgien startete und an dem sich nun auch Deutschland durch das Max-Planck-Institut beteiligt.

Übergreifendes Ziel ist es, herauszufinden wie Begriffe in unserem Gedächtnis angeordnet und miteinander verknüpft sind, und zwar sprachen- und altersübergreifend.

Hier ein Ausschnitt aus der Pressemitteilung, die das Max-Planck-Institut am Dienstag veröffentlicht hat und die den plastischen Titel trägt: Die Bibliothek in meinem Kopf: Wie sind Wörter im Gehirn gespeichert?

„Ein Erwachsener kennt im Schnitt rund 40.000 Wörter. Diese sind in unserem Gedächtnis, in einem individuellen, mentalen Lexikon hinterlegt und miteinander verknüpft. Bildlich kann man sich das auch wie eine Bibliothek im Gehirn vorstellen, in der die eigenen Bücher nach einem bestimmten Prinzip geordnet sind. Die Wissenschaftler wollen nun herausfinden, wie diese Durchschnitts-Bibliothek aufgebaut ist und, weiterlesen


13. September 2014

NOCH NICHT VOM SINN BESETZTE ORTE

In dieser Woche startete mein Workshop Flanieren in der Friedrichstraße, bei dem ich Schreiben und Fotografieren miteinander kombiniere und mit den Teilnehmerinnen die Kunst des Flanierens neu beleben möchte.

Hat dieser Begriff in unserem Leben heute überhaupt noch eine Bedeutung? Wann sind Sie das letzte Mal flaniert – und haben Sie es so genannt?

Flanieren wird klassischerweise mit Männern in Verbindung gebracht. Und tatsächlich: sofort hat man das Bild eines männlichen Flaneurs aus dem 19. Jahrhundert vor Augen. Ein bisschen selbstverliebt ist er vielleicht und natürlich trägt er Hut.

Schon bei der Überlegung, wie das weibliche Pendant heißt, gerät man ein wenig ins Stocken: die Flaneuse? Wohl kaum… Die Flaneurin?

Kulturhistorisch gesehen ist das weibliche Pendant „la passante“, die Passantin. Eine Frau, die vorbeigeht… auch am männlichen Blick. Denn häufig ist es der Mann, weiterlesen


07. September 2014

SOLLTE MAN BÜCHER SCHONEN?

buchschonerDas war also meine erste Arbeitswoche nach der Sommerpause. Vier Seminare inclusive einer Reise ins Sauerland, Manuskripte, Workshopvorbereitungen, Websiteplanungen… und ein Wort, das mir immer wieder durch den Kopf gegangen ist, seit ich es bei Mc Paper im Berliner Hauptbahnhof gelesen habe.

‘Buchschoner‘ stand da in großen Lettern auf einem Aluminiumregal mit einer Menge durchsichtiger Umschläge in verschiedenen Größen.

Sollte man Bücher schonen?

Und was heißt das genau? Sie nicht berühren. In letzter Konsequenz also: sie gar nicht erst lesen. Das ist die ideale Schonung. Ein Buchschoner ist also ein Nichtleser.

In meiner Sommerzeit habe ich nicht gelesen. Ich habe Bücher geschont.

Die Schonzeit ist jetzt vorbei. Die Jagdsaison ist wieder eröffnet. Tut mir leid, Bücher!


28. Juni 2014

MAGIC MOMENTS

Dies ist mein letzter Blogeintrag vor der Sommerpause. Und widmen möchte ich ihn einem Gefühl.

Einem Gefühl, das ich vor wenigen Tagen ganz unerwartet hatte. Ein erinnerndes Gefühl, wie es war, als Kind vorgelesen zu bekommen. Draußen, auf einem Spielplatz. Aus einem Buch, das man sich nicht selbst ausgesucht hat (und das man erst viele Jahre später als Erwachsene bewusst lesen und dessen Autor man noch ein paar Jahre später bei den Solothurner Literaturtagen kennenlernen würde).

Das schöne Gefühl, nicht zu wissen, wie die Geschichte ausgeht, aber sie ist lustig und das ist das Wichtigste und hoffentlich ist sie noch lange nicht zu Ende. Und zu lachen und davon tatsächlich Tränen in den Augen zu bekommen… bis sich das Lachen von der Geschichte löst und aus einfacher Freude am Lachen geschieht… und dann ist das Vorlesen vorbei und dieses leichte lebendige Gefühl gluckst noch eine Weile im Bauch… weiterlesen


21. Juni 2014

A PORTRAIT OF THE ARTIST AS A FOUNTAIN

Danke für all die interessanten mails zu meinem bookish-Eintrag von letzter Woche. Das ist wirklich ein Wort, das einem durch den Kopf spuken kann. Und eines, das solch wunderbare Gedanken hervorruft wie die einer Klientin, die von Ihrem Empfinden schreibt, „dass bookish und bücherlich schöne Wörter und Zustände sind, denn gedankliche Verbindungen – in Büchern gebunden oder in Briefen verbrieft mitgeteilt – haben eben etwas Verbindendes, was ja im Gegensatz zu weltfremd und unsozial steht! So gesehen mag ich zwar auch keine Leseratte sein, denn die frisst möglicherweise alles Bücherliche, aber ein Bücherwurm – warum eigentlich nicht? Der frisst sich gründlich und stetig in den Lesestoff hinein, ist dabei ganz in Ruhe für sich – ein Genießer also. Schließen sich literarisch und sozial kompetent denn zwangsläufig aus?“

Eine ebenso provakative wie interessante Frage!

Würde man dazu eine statistische Erhebung machen, weiterlesen


14. Juni 2014

BOOKISH

In dieser Woche war viel von Bowe Bergdahl die Rede. Der US-amerikanische Sergeant, der fünf Jahre lang in Gefangenschaft der Taliban war und jetzt im Austausch gegen fünf Stammesgenossen freigelassen wurde. Gegen ihn besteht nun der mehr oder weniger direkt ausgesprochene Verdacht, dass er mittlerweile selbst islamistische Gesinnung habe. Und nicht nur das: er sei bereits vor seiner Entführung seltsam gewesen. Irgendwie – und jetzt kommt‘s: „bookish“.

Ein Bücherwurm also. Was ja zunächst nichts Negatives ist. Aber im Grunde eben DOCH.

Ich hege größte Antipathie gegen dieses Wort. Denn ganz abgesehen davon, dass wohl niemand gern ein Wurm sein möchte (aber natürlich auch keine (Lese)ratte) schwingt in unserer Tradition bei der Bezeichnung Bücherwurm durchaus auch etwas Weltfremdes, Verschrobenes mit.

Man denkt an Jemanden, der etwas Nerd-haftes an sich hat und im Zweifelsfall lieber im dunklen Zimmer liest, weiterlesen